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Perspektiven: Warum sich Männer für Feminismus stark machen

TEXT & PROTOKOLLE: VIKTÓRIA KERY-ERDÉLYI

 

Es gibt gar nicht wenige Männer, die feministisch ticken. Aber (noch) nicht so viele, die öffentlich dazu stehen. Neun haben wir gesucht und bewusst für Inspirationszwecke befragt. Eine sehr bereichernde Mission.

 


Männerperspektive Feminismus I Im Interview mit Kaltenbrunner, May, Rubey, Meinecke, Mahlodji, Depauli, Ivic, Wagner, Alili I myGiulia


Dieser Schuh ist unisex


Es gab Zeiten, da traute ich mich nicht zu sagen, ich sei eine Feministin. Der Begriff schien mir zu groß. Dann kamen Zeiten, in denen ich mich nur in bestimmten Kreisen als Feministin zu bezeichnen wagte, weil ich sonst die rollenden Augen schwer ertrug. Heute sage ich völlig locker und unverkrampft und ziemlich überall: Ich bin Feministin und ich finde, das steht mir sehr gut.

Die Liste guter feministischer Bücher ist lang, das Wichtigste lässt sich aber richtig kurz auf den Punkt bringen: Feminismus steht für ein friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben. Und das Beste ist: Der Schuh passt den meisten Menschen prima und ist noch dazu sozusagen unisex.

Täglich begegne ich Männern, die beispielsweise als Väter längst die Ungerechtigkeiten gegenüber ihren Töchtern (und allem Weiblichen) begriffen haben. Aber Veränderung braucht mehr. Vielleicht Männer, die auch mal einen Schritt zurücktreten und öffentlich für den Feminismus einstehen?



Feminism is for everybody!


Wir haben neun solche Männer gesucht und gefunden, namentlich Manuel Rubey, Romeo Kaltenbrunner, Ali Mahlodji, Christoph May, Paul Ivić, Berni Wagner, Thomas Meinecke, Mario Depauli und Kushtrim Alili. Sie sind zwischen 22 und 68 Jahre alt, und wir haben ihnen Fragen gestellt: Was bedeutet für dich Feminismus im alltäglichen Leben? Was liegt dir an der Erziehung deiner Töchter am Herzen? Wie reagierst du, wenn dein bester Freund mit bunt lackierten Nägeln aufkreuzt oder was nervt dich am Patriarchat?


Besonders schön fand ich: Ausnahmslos alle Männer haben sich über diese Interviewanfrage gefreut und sich sehr für die Möglichkeit bedankt, sich medial als Feministen deklarieren zu dürfen. Es hätte für mich keine schönere Arbeit als diesen Artikel geben können, um in das neue Jahr zu starten. Genießt die Antworten, sie sind klug und (selbst)kritisch, manchmal sogar ganz schön radikal, voller Schmäh und positiver Gedanken. Freut euch auf Statements, mit denen ich echt nicht gerechnet hätte, wie beispielsweise jenem von Berni Wagner: „Generell machen Frauen für meinen Geschmack meist die spannendere Comedy. Sorry, boys!“

 



Foto Manuel Rubey © Barbara Majcan I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Barbara Majcan | Bearbeitung myGiulia

Manuel Rubey

44 | Schauspieler, Kabarettist und Autor | lebt in Wien

Wir haben das Jahr 2024 und es ist noch immer nicht selbstverständlich, dass 53 Prozent der Weltbevölkerung einfach mal die gleichen Rechte hat. In den allermeisten Teilen der Welt sowieso nicht, aber im vermeintlich aufgeklärten Europa, in unseren Breiten auch nicht. Da könnten wir vor der eigenen Türe zu kehren beginnen.


Ich selbst hatte das Glück, aus einem Elternhaus zu kommen und in einem Umfeld aufzuwachsen, wo es viele starke Frauen und gute Männer gab. Deswegen wusste ich schon als Jugendlicher, dass Feminismus wichtig und notwendig ist, da hat sich nicht wahnsinnig viel verändert.

Meine Töchter sind mittlerweile schon groß, ihre Erziehung ist fast abgeschlossen; aber das Wichtigste war und ist für uns ein Begriff, der vielleicht schon einen komischen Beigeschmack hat, weil er so viel verwendet wird, und wofür ich auch keine gute deutsche Übersetzung kenne: Empowerment. Ich habe erst vor Kurzem mit einer Philosophie-Professorin gesprochen: Sie sagt, es ist mittlerweile fast an jedem Institut so, dass gleich viele Frauen wie Männer zu studieren beginnen, beim Bachelor steht es auch noch etwa 50 zu 50, aber beim Doktorat hören immer mehr Frauen auf und das hat selbstverständlich nichts mit Qualifikation zu tun. Das allein ist schon Indiz genug dafür, dass noch so wahnsinnig viel zu tun ist.


Ich glaube, dass die allergrößte Mehrheit der Männer nicht toxisch ihre Männlichkeit lebt, sondern dass das einige wenige sind, auch in der Weltpolitik, die es so weit treiben, dass die ganze Menschheit darunter leidet.


Ich möchte meine Töchter bestärken, sich von niemandem sagen zu lassen, dass sie irgendetwas nicht können. Auch wenn es vielleicht noch so abgedroschen klingt: Ich wünsche ihnen, dass sie ihren Träumen und Visionen folgen, sich keine Grenzen setzen lassen und nur selbst entscheiden, wenn sie etwas doch nicht machen wollen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Eltern von Buben sie nicht zu Machos erziehen.

Ich glaube, dass die allergrößte Mehrheit der Männer nicht toxisch ihre Männlichkeit lebt, sondern dass das einige wenige sind, auch in der Weltpolitik, die es so weit treiben, dass die ganze Menschheit darunter leidet. Wie man dem entgegenwirkt, bin ich selbst überfragt. Außer im Kleinen: mit Zivilcourage. Wenn etwas auffällt: Mund aufmachen und dagegen gehen.




Foto von Romeo Kaltenbrunner © Martin Jelici I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Martin Jelici | Bearbeitung myGiulia

Romeo Kaltenbrunner

35 | Kabarettist | lebt in Wien

 

Ich unterstütze jedenfalls alles, wofür Feminismus steht, gendere zumeist schon unbewusst und versuche, so gut wie möglich meinen Beitrag zu leisten: für die Gleichstellung, gegen Sexismus und gegen die Diskriminierung von Frauen. Ich habe leider sehr früh mitbekommen, wie Frauen unter einem patriarchalen System leiden. Ich wuchs am Land, in Oberösterreich, auf.


Meine Mutter war alleinerziehend und ich spürte, dass das innerhalb des Dorfes als eine Art Schande galt. Dazu kam, dass ich und meine etwas jüngere Schwester einen Schwarzen Vater haben (Schwarz wird hier großgeschrieben, weil es sich um eine von der Community selbst gewählte Bezeichnung handelt, nicht um eine Hautfarbenbeschreibung, Anm.). Auch meine Großmutter wurde mit ihrer ersten Tochter unehelich mit 16 Jahren schwanger. Der Kindesvater entzog sich seiner Verantwortung und von der eigenen Familie wurde sie verstoßen. Ihr Leben war voller Probleme und Schmerz und wäre aus oberflächlicher Sicht nur besser geworden, hätte sie einen Mann gefunden, der finanziell für sie gesorgt hätte. Doch welche Männer waren damals bereit, Frauen und ihre fremden Kinder aufzunehmen? Man war wiederum von ihrer „Güte“ abhängig und musste ihre Launen und Aggressionen erdulden.

 


Ich kenne Männer, die sich mit einer politisch korrekten Sprache kaum auseinandersetzen, aber in ihrem privaten sowie beruflichen Umfeld starke Maßnahmen für Frauen durchgesetzt haben. Worte und Sprache bringen nur etwas, wenn auch passende Handlungen folgen.

 


Ich habe leider viele Männer erlebt, die sich selbst öffentlich als Feminist bezeichnen, die besten Bücher zum Thema lesen und aus dem Effeff gendern bzw. generell eine sensible Sprache verwenden. Wenn es aber darauf ankommt, verhalten sie sich oft überhaupt nicht feministisch und fördern – meist unbewusst – patriarchale Strukturen. Spricht man sie darauf an, wissen sie von nichts und fühlen sich gleichzeitig angegriffen. Umgekehrt kenne ich wiederum Männer, die sich mit einer politisch korrekten Sprache kaum auseinandersetzen, aber in ihrem privaten sowie beruflichen Umfeld starke Maßnahmen für Frauen durchgesetzt haben. Damit meine ich, dass Worte und Sprache nur etwas bringen, wenn auch passende Handlungen folgen.

Frauen leisten für ihre Gleichstellung das meiste. Wir Männer sollten mehr tun, weil diese Ungleichheit letztendlich von uns ausgeht.


Was ich mir im Diskurs um Feminismus zusätzlich erhoffe, ist, dass auch der Aspekt der sozialen Herkunft mit einfließt. Es ist schön, wenn Frauen aus gutbürgerlichen Familien unabhängig ihren Weg gehen können, jedoch ist es nicht feministisch, wenn dann der Haushalt von einer migrantischen Frau zum Spottpreis erledigt wird. Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem in guten Positionen Männer und Frauen gleich verdient haben. In allen Berufen, wo keine Matura oder akademische Ausbildung notwendig war, aber nicht. Da gab es auch von den Frauen im Top-Management keine Unterstützung.

Ich denke, dass viele leider sehr ignorant sind und nur das verstehen, was sie selbst betrifft und erlebt haben. Die Menschen sollten aber den Betroffenen einfach glauben und nicht alles anzweifeln, nur weil sie selbst bestimmte Dinge nicht nachvollziehen können. 

 



Foto Christoph May © Simon Schäfer I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Simon Schäfer I Bearbeitung myGiulia

Christoph May

44 |  Institut für Kritische Männlichkeitsforschung | Detox Masculinity Institute |  lebt im Pfälzer Wald

 

In den Worten der Regisseurin Katharina Mückstein: „Die feministische Bewegung ist die erfolgreichste Bewegung des 20. Jahrhunderts.” Nur leider glauben die meisten Männer noch immer, Feminismus habe nichts mit ihnen zu tun. Dabei sind wir das Problem! Traditionelle Männlichkeiten blockieren alles, was die Welt voranbringen würde: Gleichstellung, Diversität und Klimaschutz. Männliche Monokulturen bilden das Fundament für Misogynie, Gewalt, Rassismus, Faschismus, Verschwörungstheorien, Hate Speech und Mansplaining. Es sollte nicht die Aufgabe von Frauen und queeren Menschen sein, unentwegt gegen männliche Übermacht und Diskriminierung kämpfen zu müssen. Es ist unsere Aufgabe, die Welt vom Patriarchat zu befreien.

 


Leider glauben die meisten Männer noch immer, Feminismus habe nichts mit ihnen zu tun. Dabei sind wir das Problem!

 


Die ersten dreißig Jahre meines Lebens war ich vorwiegend in männlich dominierten Umgebungen aktiv. Erst durch mein Studium, meine Arbeit im Berghain (Technoclub in Berlin, Anm.) und durch tausende Gespräche mit meiner Partnerin Stephanie May habe ich realisiert, wie umfassend die kulturelle und emotionale Armut war, in der ich sozialisiert wurde. Und vor allem, was ich alles verpasse! Zum Glück habe ich noch vierzig, fünfzig Jahre, um den Reichtum von weiblichen und queeren Produktionen, Erzählungen und Menschen kennenlernen zu dürfen. Mit unserem Institut wollen Stephie und ich die Kritik an Männern und Männerbünden beschleunigen und uns für die Rechte von Flinta*s (Abkürzung für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen, Anm.) engagieren.Feminismus ist eine Lebensaufgabe, ich stehe da erst am Anfang. Ich wünschte, ich wäre noch kritikfähiger. Ich will mich noch mehr zurücknehmen, zuhören, lernen und diverse Räume schaffen, in denen Männer sich mit der gewaltvollen und sexistischen Lebensrealität von Flinta*s auseinandersetzen. Ich meide Männer, wo ich kann, und will stattdessen mit Frauen und queeren Menschen zusammenarbeiten, sie mir zum Vorbild nehmen, meine Verhaltens- und Beziehungsmuster feministisch ausrichten. Alles Männliche ist für mich uninteressant. Ich entfolge aktiv Männern, die sich nicht feministisch und intersektional engagieren. Und ich stelle meinen Medienkonsum auf Flinta*produktionen um, also Literatur, Musik, Filme, Serien, Kunst, Sport. Von deren Kritik an Männlichkeit lerne ich am meisten.


 


Foto Thomas Meinecke © Bayerischer Rundfunk I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Bayerischer Rundfunk I Bearbeitung myGiulia

Thomas Meinecke

68 | Schriftsteller, Musiker, DJ | lebt bei München und in Marseille

 

Ich begann mich in den 1990er-Jahren als Feminist zu bezeichnen, nachdem ich Judith Butler gelesen hatte, eine für mich wegweisende Denkerin. Seither begreife ich mich nicht als ein festes Gefüge namens Mann, sondern als etwas im Fluss Befindliches, es ist eine Tätigkeit.



Ich sage auch immer: Ich bin kein Mann, ich tue ein Mann sein. Man attestierte mir damals fast, ich wäre pervers: Ich könnte für Feministinnen, aber nicht selber ein Feminist sein. Aber man kann auch beispielsweise ein Kommunist sein, ohne der Arbeiterklasse anzugehören. Feminismus ist für mich eine politische Haltung, eine Parteinahme für Marginalisierte.

Bis heute reagiere ich ziemlich allergisch auf jede Art von Ausgrenzung, ob es nun um Frauenfeindlichkeit oder homophobe, transfeindliche oder rassistische Bemerkungen geht.

 


Es gibt auch Überreaktionen und es werden neue, streng abgegrenzte Kästchen eingerichtet. Man verwechselt teilweise beim Thema Geschlechtergerechtigkeit, dass es um die Überwindung von Kategorien und festgeschriebenen Identitäten geht.


Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft gerade ganz schön in Aufruhr und Aufregung ist; redet man nun über die Ukraine, Gaza oder das neue Transsexuellen-Gesetz (Selbstbestimmungsgesetz in Deutschland zur Regelung der Änderung des Geschlechtseintrags und des Vornamens, Anm.), ständig liegen die Nerven blank. Trotzdem ist es die Sache Wert, sich Mühe zu geben, zu versuchen, jeweils die andere Seite zu verstehen, aber dabei omöglichst auch den eigenen Standpunkt klarzumachen. Wir bewegen uns hier in Bereichen, die nicht ohne Widersprüche über die Bühne gehen.


Neulich diskutierten wir in Stuttgart bei einer Veranstaltung über geschlechtergerechte Sprache – beispielsweise über das Wort „Gästinnen“, das eine Person ganz schlimm fand. Da meldete sich aber noch jemand und sagte, dass bereits im Wörterbuch der Gebrüder Grimm „Gästinnen“ steht – und das ist fast 200 Jahre alt.


Vieles ist einfach nur eine Frage der Gewöhnung und des Umgangs; man kann aber auch darüber diskutieren. Es gibt auch Überreaktionen und es werden neue, streng abgegrenzte Kästchen eingerichtet. Man verwechselt teilweise beim Thema Geschlechtergerechtigkeit, dass es um die Überwindung von Kategorien und festgeschriebenen Identitäten geht. Es gibt hier auch nie die reine Wahrheit, das ganze Themenfeld ist in Bewegung. Ich nenne mich auch gerne Fag Hag, das ist eigentlich ein Begriff für Frauen – aber ich bin eben als heteronormierter Mann ein großer Bewunderer von schwulen Subkulturen.

 

Gendern finde ich wichtig und richtig, aber teilweise ist es noch sehr hölzern und damit der Sache nicht unbedingt dienlich, weil das auch zu Backlashes führt. Das liegt auch daran, dass es hier nicht um Dinge geht, die langsam wachsen, sondern um gesellschaftliche Umbrüche. Ich selbst verwende in meinen Romanen keine Gendersternchen, aber dafür in meinen Mails. Wenn ich rede, verschlucke ich nicht die Nahtstelle, sondern sage einfach nur beispielsweise Schauspielerinnen. Die Frauen mussten es 500 Jahre aushalten, dass nur von Schauspielern geredet wurde; sie waren mitgemeint und zwar ohne das „rin“. In der weiblichen Form ist die männliche immer mit drinnen.


Wenn ich in die Zukunft schaue, wäre es das Schönste, wenn man nicht mehr darüber reden müsste, wer mit welchem Geschlecht ins Bett geht, und auch der Begriff Feminismus hinfällig oder ersetzbar wäre; es kamen ja im Laufe der Zeit auch die Queer Studies mit hinein. Einen Einwand hatte ich nur bei den Men Studies, weil ich mir dachte: Ist das vielleicht schon eine feindliche Übernahme? Wollen die Männer jetzt auch wieder weinen dürfen?

 

 


Foto Ali Mahlodji © Christoph Steinbauer I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Christoph Steinbauer I Bearbeitung myGiulia

Ali Mahlodji

42 | CEO futureOne und Founder whatchado | Unternehmer, Keynote Speaker, Autor | lebt in Wien

 

Jeder Mensch auf dieser Welt sollte sich als Feminist oder Feministin bezeichnen, aus meiner Sicht gibt es keine Alternative zum Feminismus. Ich will auch gar nicht definieren, was Männlichkeit und Weiblichkeit bedeuten; das würde ja heißen, dass ich mit der Gießkanne beispielsweise für alle Männer spreche. Das Wichtigste ist, dass jeder Mensch sich wohlfühlt, unabhängig von männlichen und weiblichen Seiten. Wie ich auf einen frauenfeindlichen Witz reagiere? Ich glaube, wenn jeder Witz total zensiert wird, erreichen wir nur eine Kultur, in der Menschen gar nichts mehr sagen. Ich muss zugeben, dass ich beispielsweise sehr gerne über die Witze des Comedians Ricky Gervais lache, der doch sehr kontrovers ist – und auch über Minderheiten scherzt. Ich gehörte in meinem Leben oft genug zu einer Minderheit: als Flüchtling, Schulabbrecher, Ausländer, Stotterer – und ich habe gemerkt, dass da Humor möglich sein muss und gut sein kann. Es kommt immer auf den Kontext an. Wenn jemand neben mir sitzt, der nicht nur einen frauenfeindlichen Witz macht, sondern auch tatsächlich eine frauenfeindliche Sichtweise hat, trete ich aber ganz entschieden dagegen ein. Das zu tun, halte ich für sehr wichtig.

 


Meine Töchter sollen nicht glauben, sie müssen erst etwas leisten, um gut genug zu sein. Das wünsche ich allen Menschen auf der Welt.

 


Ich möchte, dass meine Töchter, wenn sie irgendwann 16, 17 oder 18 sind, Menschen sind, die ihren Weg selbst gehen können. Ich werde ihnen nicht sagen, welchen Weg sie zu gehen haben, aber ich möchte ihnen die Werkzeuge mit in die Hand geben, damit sie sich selbst die Straßen ihrer Zukunft bauen können. Ich möchte, dass sie immer das Gefühl haben, so wie sie sind, sind sie gut genug. Ich möchte, dass sie verstehen, dass so wie ihre Körper sind, wie sie aussehen, wie sie sich fühlen, okay ist. Meine Töchter sollen nicht glauben, sie müssen erst etwas leisten, um gut genug zu sein. Das wünsche ich allen Menschen auf der Welt.


Wenn ich meinen Töchtern mitgeben und ihnen vorleben kann, auch in der Beziehung mit meiner Frau, wie wichtig es ist, einen Menschen so zu sehen, wie er oder sie ist, dann glaube ich, haben wir es schon richtig gemacht. Das Wichtigste ist, dass sie das Gefühl haben, sie werden geliebt. Fertig. Alles andere ist Bonus.

 



Mario Depauli © Viktória Kery-Erdélyi I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Viktória Kery-Erdélyi | Bearbeitung myGiulia

Mario Depauli

27 | Sozialarbeiter/feministische Männerarbeit bei StoP (Stadtteile ohne Partnergewalt) | lebt in Wien


Ich bin mit traditionellen Männerbildern aufgewachsen, mit Zuschreibungen wie„ein Mann muss stark sein“, „darf keine Schwäche zeigen“, „sollte nicht sensibel sein“, „muss dominat sein“, „darf keine Schmerzen zeigen“ usw.



Das Bild dieses „richtigen Mannes“ habe ich erst spät begonnen zu hinterfragen. Als ich mit 19 Jahren nach Wien gegangen bin, um als Mechatroniker zu arbeiten, hat sich zwar mein soziales Umfeld geändert, aber kaum die Vorstellungen von Männlichkeit. Erst als meine Freundin Soziale Arbeit zu studieren begann, wurde ich mehr und mehr mit meinen Privilegien konfrontiert und ich begann auch, mich mit Männlichkeit auseinanderzusetzen.



Die größte Chance, die ich für Männer in der Auseinandersetzung mit Feminismus und kritischer Männlichkeit sehe, ist, dass verschiedene Gefühle, Emotionen und Verhaltensweisen nicht mehr dem Weiblichen oder Männlichen zugeschrieben werden, sondern alle Menschen Anteile davon in sich tragen.


Ich bin aktuell bei „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ in der feministischen Männerarbeit tätig, da hat Feminismus natürlich eine hohe Bedeutung. Besonders in der Gewaltprävention braucht es eine feministische intersektionale Betrachtung der Gesellschaft, um Diskriminierungen, Rassismen, Ableismen und die dahinterliegenden Machtpositionen zu erkennen und zu hinterfragen. Zudem braucht es den Feminismus, um sich kritisch mit Männlichkeit(en) auseinanderzusetzen. Im Privaten spielt der Feminismus auch eine wichtige Rolle: Wie wird die Care-Arbeit verteilt? Wie verhalte ich mich im öffentlichen Raum? Wie reagiere ich bei sexistischen Witzen im Freundeskreis? Immer wieder zu reflektieren und auch offen für Kritik zu sein, ist wichtig und auch immer wieder eine Herausforderung.Ich bin der Meinung, dass das Patriarchat auch Männern schadet, weil uns Gefühle und Bedürfnisse – beispielsweise nach körperlicher und emotionaler Nähe – abgesprochen werden; dementsprechend fällt es oft auch schwer, sie zuzulassen, und zwar auch, weil sie als „weiblich“ abgewertet werden. In Männergruppen gibt es zumeist ein bewusstes oder unbewusstes Hierarchiedenken, die wenigsten fühlen sich damit wohl. Sich in diesen Männergruppen zu beweisen, braucht einerseits sehr viel Energie, zudem zwingt es einen immer wieder, über die eigenen Grenzen zu gehen.


Die größte Chance, die ich für Männer in der Auseinandersetzung mit Feminismus und kritischer Männlichkeit sehe, ist, dass verschiedene Gefühle, Emotionen und Verhaltensweisen nicht mehr dem Weiblichen oder Männlichen zugeschrieben werden, sondern alle Menschen Anteile davon in sich tragen. Werden diese nicht mehr an das Geschlecht geknüpft, ergibt sich die Chance für eine Gesellschaft, in der sich alle ab der Geburt frei entwickeln können.




Paul Ivic © Ingo Pertramer I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Ingo Pertramer I Bearbeitung myGiulia

Paul Ivić

45 I Koch und Gastronom I lebt in Wien

 

Handwerken, am Auto schrauben, Fußball schauen… – leider wurden viele dieser Dinge von der Gesellschaft uns als stereotypisch, als typisch männlich eingetrichtert. Das gehört unbedingt aufgebrochen, weil es weder zeitgemäß ist, noch der Wahrheit entspricht.

Mich erschreckt und erzürnt es immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit ein Teil der (Männer-)Welt Frauen unterdrückt, und dies nach wie vor akzeptiert wird. Das muss rigoros unterbunden werden – und zwar ebenso, wie schon allein die Verharmlosung „es ist eben ein männliches Verhalten“.Wir alle können vom Feminismus profitieren, weil eine gleichberechtigte Gesellschaft auf Augenhöhe jedem guttut.




Berni Wagner © Christopher Glanzl I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Christopher Glanzl I Bearbeitung myGiulia

Berni Wagner

32 I Kabarettist I lebt in Wien

 

Was ich sage, wenn ein Freund mit farbig lackierten Fingernägeln auftaucht? Erstmal „Hallo“ natürlich. Und dann … hm. Ich habe einige Freunde, die sich immer wieder mal die Nägel lackiert haben, aber kommentiert hab ich das bisher nur, wenn mir die Farbe besonders gut gefallen hat. Sonst wüsste ich auch gar nicht so viel dazu zu sagen. Ich war als Teenager mit den Emo- und den Punk-Leuten unterwegs – innerhalb der Subkultur waren Männer mit lackierten Nägeln schon recht üblich. Andere Leute hat das damals natürlich immer wieder provoziert, und darüber hat man sich oft auch gefreut, weil das irgendwo mit eingeplant war. Ich weiß auch, dass es zuletzt online viel Debatte gegeben hat, dass Nagellack tragen einen nicht zu einem Feministen macht. Das ist natürlich wahr, weil es zig Gründe gibt, sich die Nägel zu lackieren. Wenn man's wirklich macht, um Feminismus zu performen, find ich's auch eher bedenklich. Aber für viele Leute ist es einfach ein Look, den sie cool finden, ohne viel darüber nachzudenken, und das kommt mir eher begrüßenswert vor.

 


Wenn mich Frauen als hilfreichen Mitstreiter in der Sache sehen, oder mich sogar als Feminist bezeichnen würden, bin ich happy und es ist mir eine Ehre. Mit der Selbstzuschreibung bin ich vorsichtig.

 

Den Feminismus definiere ich als Kampf für die Freiheit von Frauen, für deren althergebrachte Unterdrückung und Ungleichbehandlung es keine haltbare Rechtfertigung gibt. Davon bin ich überzeugt und hoffe natürlich, dass ich wirklich mein Möglichstes tue, um in dieser Bestrebung so gut zu helfen, wie ich kann. Es ist aber auch viel darüber geschrieben worden, wie Männer – von ihnen selbst unbemerkt – vom patriarchalen System profitieren und es dann unbewusst mitaufrechterhalten. Ich versuche das natürlich zu verhindern, aber wie gut mir das gelingt, müssen eigentlich andere beurteilen. Deshalb würde ich es so sagen: Wenn mich Frauen als hilfreichen Mitstreiter in der Sache sehen, oder mich sogar als Feminist bezeichnen würden, bin ich happy und es ist mir eine Ehre. Mit der Selbstzuschreibung bin ich vorsichtig, weil ich glaube, dass es bei dem Thema einfach wichtiger ist, was andere dazu zu sagen haben.


Ich hatte und habe viele männliche Vorbilder. Zu viele, um sie aufzuzählen. Mein sanfter und zurückhaltender Vater hat mich bestimmt seit jeher geprägt. Als Teenager dann natürlich verschiedenste Sänger, Schauspieler und Autoren, manche finde ich immer noch gut, die meisten nicht mehr so. Beruflich, also im Bereich Stand-Up-Comedy, mag ich zum Beispiel Noel Fielding und Simon Amstell immer noch sehr gerne. Und der Musiker Jonathan Richman fällt mir immer ein als jemand, der so mit der Welt umgeht, wie ich es auch gerne können möchte.


Ein weibliches Vorbild war für mich immer Sinéad O'Connor, die leider ja kürzlich verstorben ist. Künstlerisch wie politisch hat sie keine Kompromisse gemacht, das finde ich beeindruckend. Humortechnisch war und ist eine meiner größten Inspirationen Suzy Eddie Izzard. Momentan finde ich auch cool und bewundernswert, was zum Beispiel Natalie Palamides macht. Generell machen Frauen für meinen Geschmack meist die spannendere Comedy, um ehrlich zu sein. Sorry, boys!

 



Kushtrim Alili © Denis Leon I Männerperspektive Feminismus I myGiulia
© Denis Leon | Bearbeitung myGiulia

Kushtrim Alili

22 I Social Media Manager, Workshop-Tätigkeit „Heroes® gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Ein Projekt für Gleichberechtigung in der Steiermark“ I lebt in Graz

 

Für mich bedeutet Feminismus, dass alle Geschlechter gemeinsam ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben haben sollen.

 


Unabhängig von politischen Ansichten sollten wir alle danach streben, Gleichberechtigung und Fairness zu erreichen. Als Mann ist es mir besonders wichtig, aktiv dazu beizutragen. Wir sind die neue Generation und haben die Möglichkeit, etwas zu verändern!


Wenn man sich zuvor mit solchen Themen auseinandergesetzt hat und sensibilisierter ist, werden einem oft im alltäglichen Leben die Ungleichheiten bewusst, die unter dem Deckmantel des Patriarchats existieren. Sei es in meiner Familie oder im Freundeskreis, Aussagen wie „Männer müssen das machen, weil es sich so gehört“ oder die ungleiche Behandlung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts, sind Dinge, die mir oft auffallen und die ich nicht ignorieren kann. In solchen Momenten sage ich häufig meine Meinung.Meine Vision? Dass wir Feminismus irgendwann nicht mehr benötigen. Solange jedoch Ungleichheiten und ungleiche Machtverhältnisse bestehen, besonders in Führungspositionen in der Privatwirtschaft, solange Löhne nicht ausgeglichen sind und immer noch Geschlechterklischees in Berufsfeldern existieren, ist es noch nicht so weit. Erst, wenn wir diese Punkte und mehr ändern, könnten wir von einem idealen Zusammenleben sprechen – von einer Welt, in der Vielfalt geschätzt wird, Konflikte friedlich gelöst werden und das Wohl aller im Fokus steht.Für mich ist es wichtig, eine Vorbildfunktion einzunehmen, besonders für andere junge Männer da draußen, um sie zu inspirieren, sich für Gleichberechtigung einzusetzen und jegliche Stereotypen zu hinterfragen. 



 

Unsere Autorin


Viktória Kery-Erdélyi I Journalistin I Männerperspektive Feminismus I myGiulia

Viktória Kery-Erdélyi wurde in Ungarn geboren und kam mit zehn Jahren nach Österreich. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft. In ihrer Diplomarbeit befasste sie sich mit den Geschlechterverhältnissen bei Marivaux und stellte die Frage: „Sie sagen, Sie sind nur eine Frau, was wollen Sie denn Besseres sein?“ Nach 10 Jahren als Redakteurin bei der Tageszeitung Kurier wechselte sie als freiberufliche Journalistin in die Magazinbranche. Ihre Arbeit zeichnet sich durch viel Feingefühl aus. Viki sagt: „Jede Begegnung mit Menschen, die mir über ihr Leben erzählen und beschreiben, wofür sie brennen, ist ein Geschenk und ich bemühe mich, mit Demut vor dem geschriebenen Wort ihre Geschichten festzuhalten.“



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