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Female Comedy - „Es ist wie Erdbeertiramisù“


Text von Viktória Kery-Erdélyi


Female Comedy: Was ist das? Vielfalt! Endlich! Frauen können nämlich (auch) alles sein. Häppchen aus den erfolgreichen Karrieren von Carolin Kebekus und Hazel Brugger und ein ausgedehntes Dessert mit Malarina.


Titelbild I Comedyfrauen im Porträt | Onlinemagazin | myGiulia

Wir reden schon, bevor wir sitzen. „Meine Oma hat immer gesagt, auf meinem Grab wird einmal stehen: Hier liegt Marina und sie schweigt zum ersten Mal“, lacht Malarina beim Interview. Am 6. Mai wurde die Kabarettistin, die im realen Leben Marina Lacković heißt, mit dem Salzburger Stier, dem renommiertesten Kleinkunstpreis im deutschen Sprachraum, ausgezeichnet. Geplant war die humoristische Karriere nicht, akribisch recherchiert und durchdacht sind hingegen ihre Inhalte. In ihrem Programm „Serben sterben langsam“ analysiert sie serbische und österreichische Geschichte und Politik, garniert mal mit tiefschwarzem Humor, mal mit leichtfüßigem Schmäh. Der Schlussapplaus vibriert, die Handflächen kribbeln – und auf der Bühne steht eine Künstlerin, die sich beim Publikum mit Nachdruck dafür bedankt, dass es ihr zugehört hat.


Malarina / Marina Lacković I Fotos von Vanja-Pandurevic


„Frauen sind lustiger, weil sie härter bewertet werden und daher mehr leisten müssen.“ Malarina

„Wieso macht mir das Programm einer Kabarettistin mehr Spaß, als wenn da ein Mann steht?“, denke ich laut nach und frage Marina: „Woran liegt das?“ – „Weil Frauen lustiger sind“, sagt sie gelassen. „Weil sie härter bewertet werden und daher mehr leisten müssen, um gleich anerkannt zu sein.“


Ähnlich sieht das Regisseurin Marion Dimali. In ihrem Text „Arbeiten mit Kabarettistinnen und Kabarettisten“ nennt sie folgendes Beispiel: „Wenn ein Kabarettist auf der Bühne eine Frau spielt, ist es völlig egal, wie gut oder wie schlecht er das tut, die Mehrheit des Publikums wird sich einfach schon aufgrund der Tatsache, dass er das tut, ,zerkugeln‘. Wenn eine Kabarettistin auf der Bühne einen Mann spielt, muss sie das wirklich bestechend gut tun, sonst läuft sie schnell Gefahr, dass gar nicht wenige Leute im Publikum das zwar lächerlich finden, aber eben nicht lustig.“

Das Paradoxe ist: Frauen sind in der Regel im Publikum zwar in der Überzahl, aber laut Dimali müsse peinlich darauf geachtet werden, „dass Männer gut mitlachen können. Denn ein einmal verprellter männlicher Kabarettbesucher geht so schnell in kein ,Frauenkabarett‘ mehr“.



Schonungslose Präzision


Mein Mann amüsierte sich bei Malarinas „Serben sterben langsam“ prächtig. Allerdings ist das Geschlecht für ihn generell kein Entscheidungskriterium bei der Wahl von humoristischer Zerstreuung. Mit Carolin Kebekus hielt schon vor langer Zeit „female comedy“ in unsere vier Wände Einzug.


Carolin Kebekus I Foto von Boris Breuer I myGiulia
Carolin Kebekus I Foto von Boris Breuer

Was für ein seltsamer Begriff, oder? Von „male comedy“ spricht niemand.

Aber es braucht die Bezeichnung offenbar (noch). „Einfach aus dem Grund, weil Frauen sich sehr viele Plätze erst später genommen haben bzw. nehmen durften. Es ist wie mit diesem Erdbeertiramisù“, zeigt Marina Lacković auf den Teller vor sich. „Tiramisù wird immer Tiramisù heißen, wir wissen, dass Mascarpone drinnen ist. Genauso wie wir wissen: Im Kabarett ist ein Mann drinnen. Der Penis war schon da, den müssen wir nicht betonen. ,Female comedy‘ ist wie Erdbeertiramisù; man muss dazusagen, dass Frauen drinnen sind.“


Apropos Penis: Manchmal staune ich bewundernd über weibliche Comedians, mit welch schonungsloser Präzision sie Dinge benennen. Das gefiel offenbar auch Stefan Raab, der in „TV Total“ Carolin Kebekus ehrfürchtig eine Zukunft als „die beste Hardcore-Komödiantin“ prophezeite. Sie rührte in seiner damaligen Show die Werbetrommel für eine „Pussy Terror TV“-DVD, stand aber bereits seit gut einem Jahrzehnt auf der Comedy-Bühne bzw. vor der Kamera. Eine Pionierin, sogar eine Vorkämpferin. Im Vorjahr wurde sie von Alice Schwarzer und Chantal Louis für die Emma interviewt; in dem lesenswerten Artikel heißt es seitens der Journalistinnen: „Dir wird ja manchmal Obszönität vorgeworfen.“ Woraufhin Carolin Kebekus antwortet: „Jaaa. Ist ja auch so. (…) Das mit der Derbheit hat ja auch einen Grund: Als ich angefangen habe, wurde ich etwa so anmoderiert: ,Mein nächster Gast ist eine Gästin, jetzt kommt eine Frau!‘ Und dann haben sich die Leute erstmal ein Bier geholt, sind aufs Klo gegangen oder haben gequatscht. Und ich hatte das Gefühl, ich müsste da erstmal in die Mitte des Publikums scheißen, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Also war ich erstmal laut und hab rumgeschrien.“


Seither ist einiges passiert; ihre Mission hat Carolin Kebekus in gut 20 Jahren klar herausgearbeitet: Feminismus und Humor leben bei ihr in stimmiger Symbiose und füllen ganze Hallen. Ihr Engagement für Gleichberechtigung krönte sie 2021 mit der Veröffentlichung des Buches „Es kann nur eine geben“ (Kiepenheuer & Witsch). Dabei seziert sie patriarchale Strukturen, die seit den Grimm’schen Märchen Vorurteile wie Stutenbissigkeit nähren, indem sie Frauen immer wieder nur einen einzigen Platz zugestehen. Und was für einen! Carolin Kebekus: „Entweder du bist die eine, die Schönste, die Auserwählte, oder du findest schlichtweg nicht statt.“



Carolin Kebekus – Video: Bodyshaming



Das scheint bis heute zu greifen. Und zwar selbst dort, wo man es kaum vermutet. Dass die Menschen Eintrittskarten kaufen und Lebenszeit investieren, um ihr Programm zu sehen, empfindet Marina Lacković als „großes Privileg“. Der fokussierte Hype um ihre Person macht sie aber auch ein bisschen traurig; sie würde gerne mehr teilen. „Es gibt ganz viele wunderbare Frauen, die Humorarbeit machen. Es gäbe doch Platz für mehr“, sagt die Komikerin, in deren Biografie wir beim Erdbeertiramisù tiefer tauchen dürfen.



„Entweder du bist die eine, die Schönste, die Auserwählte, oder du findest schlichtweg nicht statt.“ Carolin Kebekus


Comedy mit Würde: Ein Rückblick


Marina Lackovićs Großmutter und Eltern kamen in den 1980ern als Gastarbeiter*innen nach Österreich; sie war sechs Jahre alt, als sie das erste Mal Tiroler Luft schnupperte. „Ich erinnere mich, dass ich am ersten Schultag kein Wort verstanden habe, und am letzten alles. Man weiß nicht, wie das für Kinder ist: Entweder ist es so traumatisch, dass man es verdrängt, oder so selbstverständlich, dass man nachher nicht mehr weiß, wie das war.“


Sie schreibt, seit sie denken kann; ein Deutschlehrer an der HAK lobt ihr Schreibtalent, aber sie inskribiert zunächst Wirtschaftsrecht in Innsbruck, ehe sie den Schritt nach Wien wagt, um Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren. Das erfüllt die belesene junge Frau zwar nicht, „aber ich habe gehofft, dass ich eines Tages in einem Verlagshaus Belege stempeln darf, einfach irgendetwas, das peripher mit Schreiben zu tun hat“, sagt sie. Dass sie selbst Autorin werden könnte, hätte sie damals nicht zu denken gewagt. Ihre Texte gibt sie lange nicht aus der Hand, aber sie liebt die Freiheit, die ihr das Schreiben bietet. „Schriftstellerei ist die niederschwelligste Form der Kunst: Es ist egal, woher du kommst, was du kannst. Wenn du alphabetisiert bist, kannst du schreiben. Du brauchst nur ein Blatt Papier und einen Kuli.“


Das Studium finanziert sich Marina mit mehreren Jobs selbst, als das lukrativste erweist sich das Kellnerieren. Wie sie multitaskend das Lokal schmeißt, macht doppelt Eindruck: Zum einen wird ihr ein Job bei ORF.at angeboten und sie veröffentlicht auch einige Artikel, zum anderen werden die Stimmen lauter, die sie auffordern: „Du bist so lustig, schreib doch mal was Lustiges.“

Da ist sie zunächst einmal perplex. Innerlich sogar ein bisschen empört. „Etwas Lustiges? Wenn, dann doch etwas Tragisches, ich bin Franz Kafka, habe ich mir gedacht“, lacht sie. „Aber Kabarett passiert den meisten Leuten. Ich weiß nicht, ob schon jemand in der Früh aufgewacht ist und gesagt hat: Heute lasse ich mich auslachen.“ Ganz bewusst konzipierte sie später ihre Malarina als eine würdevolle Bühnenfigur. „Ich wollte keinen selbsterniedrigenden Humor machen. Auch wenn ich mich selbst karikiere, tue ich das mit Würde. Ich will kein Clown sein; wenn man das will, ist das voll okay, nur für mich ist das nichts.“



Hazel Brugger I myGiulia
Hazel Brugger I Foto von Noëlle Guidon

„Mutti ist kaputti“


Eine Meisterin knallharter Selbstironie ist Hazel Brugger, das „Schweizer Messer“ der Unterhaltungsbranche, wie sie es selbst einmal beschreibt. Mit ihrem Mann Thomas Spitzer gründete sie die Produktionsfirma „Viel Spaß GmbH“; sie macht auch weiterhin Soloauftritte – aktuell: „Kennen Sie diese Frau?“ –, gemeinsam betreiben die beiden einen YouTube-Kanal, machen einen Podcast und bringen originelle praktische Merch-Produkte auf den Markt. Mein Favorit: das Stillshirt „Mutti ist kaputti“ mit Reißverschlüssen oder wie Hazel erklärt: „for easy access: schnell an die Möpse und schnell wieder weg.“ Nachdem sie nunmehr abgestillt hat, können die Reißverschlüsse genützt werden, um Snacks im BH zu bunkern, sagt sie und zaubert für Klaas Heufer-Umlauf in seiner „Late Night Berlin“-Show ein Traubenzuckerl hervor.


Vor gut zwei Jahren wurde die deutsch-amerikanische Schweizerin Mutter einer Tochter; ich feiere sie von Herzen für ihre offene Art, auch mit den nicht wenigen unromantischen Seiten des Elternseins offen umzugehen. Gar nicht lustig, aber inspirierend sympathisch: Als sie nach gut einem Jahr nach der Geburt ihrer Tochter völlig ausgepowert in eine Krise schlittert, wendet sie sich via Social Media direkt an ihre Fans und begründet ihre Pause so: „Vor allem das Touren als Mutter habe ich unterschätzt.“ Die Komikerin macht es also vor: Die Frau muss keine Superheldin sein, sie darf erschöpft sein, sie darf eingeschlagene Wege überdenken, unterbrechen und sich neu ausrichten.


Längst ist sie wieder auf die Live-Bühne zurückgekehrt; fabelhaft beherrscht sie die Crowdwork, bei der sie das Publikum immer wieder zu spontanen Fragen einlädt. Und siehe da: Das Kind-Thema interessiert auch Männer. „Wenn deine Tochter Poetry Slam macht, würdest du ihr applaudieren, auch wenn es scheiße ist?“, fragt sie ein Gast.



Hazel Brugger – Video: Über die Geburt



17 Jahre jung war Hazel Brugger, als sie als Poetry Slammerin einen spektakulären Karrierestart hinlegte; eine Vielzahl an Preisen säumen ihren Weg. Im Rampenlicht ist sie praktisch zuhause; auf der Bühne scheint sie nicht weniger entspannt, als im Podcast-Talk mit ihrem Lebenspartner.


Marina Lacković wollte ursprünglich gar nicht auf die Bühne. Als sie während einer Partynacht die queerfeministische Comedian Denice Bourbon kennenlernt, will sie ihr ausschließlich ihre Texte zeigen – „für Leute, die auf der Bühne stehen“, betont sie. „Ich hätte keinen Platz für mich auf der Bühne beansprucht. Bis heute nicht.“ Die PCCC-Mitbegründerin (Politically Correct Comedy Club, Anm.) ist mehr als begeistert: „Sie sagte zu mir: Deine Texte sind brillant. Aber du musst das selber vortragen.“


„Ich finde nicht, dass ein Mensch, der Migrationshintergrund hat, eine Safe Base für seine Kultur schaffen muss. Ich muss kritisieren, was kritikwürdig ist.” Malarina

So geschah es dann doch: im Winter 2019, im Wiener WUK. Ihr 15-Minüter wird aufgezeichnet und quasi zur Eintrittskarte in eine Welt, die ihr bis dahin kaum bekannt war. „Ich hatte keine Ahnung, was es braucht, um auftreten zu können, ich habe einfach alle möglichen Häuser kontaktiert – und das Kabarett Niedermair hat mich erhört.“

Covid macht ihr den Start nicht gerade leicht, doch die meisten, die ihr „Serben sterben langsam“ erleben, sind geflasht. Kritiker*innen und Gäste gleichermaßen. Marina schreckt vor nichts und niemandem zurück. Nicht vor dem Attentat in Sarajevo 1914, nicht vor jenen Landsleuten, die in Österreich die Freiheitlichen wählen, nicht vor Haider, HC und Handke, nicht vor Wien, nicht einmal vor Tirol. „Ich finde nicht, dass ein Mensch, der Migrationshintergrund hat, eine Safe Base für seine Kultur schaffen muss. Ich muss kritisieren, was kritikwürdig ist. Und nur wer das Eigene kritisiert, wird erhört, wenn er etwas zum Fremden zu sagen hat. Man muss immer fair in der Recherche sein und das bin ich. Ich bin gegenüber Österreich genauso hart wie gegenüber Serbien.“


Über all dem schwebt die Mission, die Menschen zum Lachen zu bringen. „Lustig war ich immer; ich habe es schon als Kind genossen, wenn Menschen lachen. Mein Vater war oft sauer. Das Einzige, das seine Stimmung kippen ließ, war, wenn er lachte“, beschreibt Marina. „Über Humor kann man sehr viele Menschen verbinden. Mehr als über Empathie. Ich habe früh gemerkt: Ich kann immer auf Humor bauen, wenn ich will, dass sich die Stimmung ändert.“



 

Wo ihr die drei aktuell erlebt


Malaria auf der Bühne I myGiulia

Malarina tourt mit ihrem Programm „Serben sterben langsam“ durch den deutschsprachigen Raum; außerdem gehört sie zum Team der „Tafelrunde“ (ORF III) sowie des Ratespiels „Was gibt es Neues?“ (ORF1).







Caroline Kebekus auf der Bühne | myGiulia

Die aktuelle Staffel der „Carolin Kebekus Show“ läuft noch bis 1. Juli 2023 donnerstags um 22.50 Uhr auf ARD; am 13. und am 14. September macht sie mit ihrer „Funny Bones“-Tour in Wien Station: gemeinsam mit Tereza Hossa, Eva Karl Faltermeier, Miss Allie und Filiz Tasdan.





Hazel Brugger auf der Bühne I myGiulia

Das aktuelle Stand-up-Programm von Hazel Brugger trägt den Titel „Kennen Sie diese Frau?“; sie tourt damit aktuell durch die DACH-Region. Mit ihrem Mann Thomas Spitzer erlebt man sie zudem im gemeinsamen YouTube-Kanal und im Podcast „Hazel Thomas Hörerlebnis“.





 


Unsere Autorin


Viktória Kery-Erdély | myGiulia
Viktória Kery-Erdély | Foto Vanessa Hartmann

Viktória Kery-Erdélyi wurde in Ungarn geboren und kam mit zehn Jahren nach Österreich. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft. In ihrer Diplomarbeit befasste sie sich mit den Geschlechterverhältnissen bei Marivaux und stellte die Frage: „Sie sagen, Sie sind nur eine Frau, was wollen Sie denn Besseres sein?“ Nach 10 Jahren als Redakteurin bei der Tageszeitung Kurier wechselte sie als freiberufliche Journalistin in die Magazinbranche. Ihre Arbeit zeichnet sich durch viel Feingefühl aus. Viki sagt: „Jede Begegnung mit Menschen, die mir über ihr Leben erzählen und beschreiben, wofür sie brennen, ist ein Geschenk und ich bemühe mich, mit Demut vor dem geschriebenen Wort ihre Geschichten festzuhalten.“

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