Simone de Beauvoir - Was bedeutet es eine Frau zu sein?


von Eszter Ambrózi

wikicommons Simone de Beauvoir
Französische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir © wikimedia commons

“Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.” Dieses wohl berühmteste Zitat aus dem Schlüsselwerk Simone de Beauvoirs “Le deuxième sexe” (“Das andere Geschlecht”) stammt aus dem Jahr 1949, ist damit über 70 Jahre alt und viele meinen: Simone de Beauvoir ist als Ikone des Feminismus heute aktueller denn je. Warum? Weil sie schon vor über 70 Jahren die Rolle der Frau im Geschlechterverhältnis als Konstruktion entlarvt hat.


“Dies war schon immer eine Männerwelt, und keiner der Gründe, die zur Erklärung angeführt wurden, schien angemessen zu sein.”

Sie analysierte, dass die ungleiche Stellung zwischen Mann und Frau nicht auf einen biologischen, sondern auf einen gesellschaftlichen Ursprung zurückzuführen sei. De Beauvoir rückte erstmals die Kategorie Geschlecht in den Vordergrund und unterschied zwischen biologischem Geschlecht und sozialer und kultureller Prägung, und damit nahm sie die heutige aktuelle Differenzierung zwischen Sex und Gender vorweg.


"Diese Welt ist eine Männerwelt, meine Jugend wurde mit Mythen gespeist, die von Männern erfunden worden waren, und ich hatte keineswegs so darauf reagiert, als wenn ich ein Junge gewesen wäre", schrieb sie später in ihrer Autobiografie "Der Lauf der Dinge" (1966).


Wie aktuell de Beauvoirs Thesen sind, hat unlängst auch Alice Schwarzer hervorgehoben. Derzeit läuft in der Bundeskunsthalle in Bonn (noch bis 16. Oktober 2022) eine große Ausstellung unter dem Titel “Simone de Beauvoir und “Das andere Geschlecht””. Anlässlich der Eröffnung dieser Schau bestätigt Schwarzer, Freundin de Beauvoirs und Gründerin der feministischen Zeitschrift Emma, "Simone de Beauvoir ist heute aktueller denn je.”



Denn zahlreiche aktuelle gesellschaftspolitische Debatten holen das Buch und seine Thesen ins Jetzt zurück. Die Abtreibungsdebatte, die in den USA, aber auch in Deutschland, bis heute heftigst diskutiert wird. Das Thema Gender Pay Gap, aber auch die Zahlen und Fakten, die nach mehr als 2 Jahren Corona deutlich machen, dass Frauen und Mütter in Zeiten der Corona Pandemie unfreiwillig in alte Rollenbilder zurückgedrängt wurden. Oder eben das Bild von der Münchner Sicherheitskonferenz 2022...


 


Die Ausstellung in Bonn geht der Entstehung von Le deuxième sexe nach und erzählt von dem Vermächtnis des Werkes von Simone de Beauvoir und seiner Bedeutung als „Bibel des Feminismus“ innerhalb der Frauenbewegung. Literarische Beiträge und Interviews stellen Simone de Beauvoirs Denken und ihr Verständnis vom freien und selbstbestimmten Leben vor. Zu Wort kommen Simone de Beauvoirs Lebensgefährte Jean-Paul Sartre sowie einige ihrer wichtigsten Wegbegleiter*innen

 


Wer war Simone de Beauvoir?


Erst spät in ihrem Leben erscheint Simone de Beauvoir im Fernsehen und gibt Interviews. Eine selbstbewusste Frau mit strengem Blick, das dunkle Haar hochgesteckt und mit einem Tuch um den Kopf gewickelt und einer Präsenz, die sofort Respekt für sie erweckt. Sie beantwortete jede Frage wie aus der Pistole geschossen und sprach sehr schnell, fast als wäre sie darauf vorbereitet, dass sie der Interviewer (denn es waren überwiegend männliche Interviewer) unterbrechen wird.


Die älteste Tochter einer streng katholischen Bibliothekarin und eines Anwalts wurde 1904 im Pariser Montparnasse geboren und entscheidet schon sehr früh, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie beschließt mit etwa vierzehn, dass sie 1.) nicht an Gott glaubt und 2.) Schriftstellerin wird. Diesen Entscheidungen bleibt sie ihr Leben lang treu. Sie war hochgebildet schon bevor sie zu studieren begann.


Ihr Weg führt sie an die renommierte Pariser Universität Sorbonne, wo sie mit Auszeichnung den Abschluss erwirbt. Meist sieht man sie lesend, in kleinen Buchhandlungen, Büchereien, ihre Manteltaschen vollgestopft mit Lektüre. Sie arbeitet auf die Agrégation hin, die Eignungsprüfung für Gymnasialprofessor*innen in Frankreich. Das mag wenig gewagt klingen, war aber in den 1920ern ungeheuerlich. Es war auch die Zeit, als sie Jean-Paul Sartre kennenlernte.


Ihre Beziehung erregt viel Aufsehen, da sie alles andere als konventionell ist. Sie versprechen sich gegenseitig, füreinander stets an erster Stelle zu stehen, treten in der Öffentlichkeit auch als Paar auf, gehen ihren Karrieren nach und werden in den Kreisen der Pariser Philosophen und Intellektuellen bekannt. Beide geben sich aber die Freiheit, Beziehungen zu anderen Partner*innen einzugehen. Beauvoir war bekannt für ihre Liebhaberinnen*, die sie laut einigen Quellen auch mit Sartre teilte.


Sie lehnt mehrere Heiratsanträge von Sartre ab, da sie in der Verbürgerlichung und dem Eheleben eine Einschränkung ihrer Freiheit sieht, die sie nicht annehmen will.

Stattdessen widmete sie ihr Leben ihrem Werk.


Simone de Beauvoir revolutionierte das Denken über die Position der Frau in unserer Gesellschaft. Sie lebte in einer Zeit, in der Frauen ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten mussten, um arbeiten zu dürfen. In der Ehe war Familiengründung das erstrebenswerte Ziel und legale Abtreibungen noch unvorstellbar.


Beauvoir beschäftigte sich seit Anfang ihrer Karriere mit dem Gedanken der Freiheit. Anstatt anzunehmen, dass unser Leben einen übergeordneten Sinn hat, den eine äußere Macht, sei es Religion, Tradition oder Gesellschaft, definiert, war sie der Meinung, dass wir frei sind, den Sinn unseres eigenen Lebens zu bestimmen. Eine buchstäblich befreiende Annahme, die sich aber beim zweiten Hinschauen als Segen und zugleich als Last entpuppt, denn somit liegt schließlich die gesamte Verantwortung unseres eigenen Glücks in unseren Händen.



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Hinter der harten Schale


Auf den ersten Blick scheint es, als wäre Simone de Beauvoir von Anfang an eine rebellische Natur gewesen, die ihre Freiheit um jeden Preis einforderte und keine Widerrede duldete. Doch hinter der harten Fassade, die sich eine Frau aneignen musste, um in der männerdominierten Welt von damals nicht unterzugehen, ist auch eine sehr sensible Seite verborgen. Beauvoir spürte von klein auf den Druck der Erwartungen ihrer Eltern, der Religion und der Gesellschaft und fühlte sich eingeschränkt. Sie wusste aber gleichzeitig, dass sie ihre Eltern, zum Beispiel mit ihrer Entscheidung gegen den Glauben, nicht glücklich machen würde. Deshalb verheimlichte sie es ihnen, solang es ging.


Die großen Denker, Regenten und Machthaber waren hauptsächlich männlich, während Frauen in die Rolle der Mutter, der Hausfrau oder der Geliebten gedrängt wurden.

Die Arbeit an ihrem bekanntesten Werk begann als Essay, in dem sie die Frage, was eine Frau sei, erkundete. Schnell füllten sich die Seiten und das Ergebnis ist die über 1000 Seiten umfassende Bibel des Feminismus, “Le deuxième sexe”, auf Deutsch, “Das andere Geschlecht”.


Es erschien 1949 in Frankreich und beleuchtete die Geschichte von einer bisher ungesehenen Seite. Beauvoir nahm an, dass Frauen stets als das “andere” Geschlecht in der Gesellschaft behandelt wurden. Die großen Denker, Regenten und Machthaber waren hauptsächlich männlich, während Frauen in die Rolle der Mutter, der Hausfrau oder der Geliebten gedrängt wurden. Diese Nebenrolle verursachte immer schon eine Abhängigkeit der Frau vom Mann. Der Mann war es, der seiner Berufung nachgehen und ein eigenes Einkommen haben konnte. Die Frau war für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig und stand für ihre Selbstverwirklichung vor Herausforderungen, die Männern vollkommen unbekannt waren.


"Man wird nicht als Frau geboren, man wird es."

Beauvoir stellte fest, dass diese Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenrolle bereits von Kindesbeinen an unwillkürlich in uns verankert wird. Daher ihr berühmtes Zitat, “Man wird nicht als Frau geboren, man wird es”. Grob vereinfacht sollen Mädchen sich benehmen und ihre Kleider nicht schmutzig machen, während die Jungs auf der Wiese herumtollen und Fußball spielen. Sie dürfen sich mehr erlauben, lauter sein, mehr Raum einnehmen.


Beauvoir nahm diese gesellschaftlichen Konstrukte auseinander und behandelte Themen wie Sinnlichkeit, lesbische Liebe und Abtreibung. Sie traf damit genau den Nerv der Frauen zur Nachkriegszeit, die in Frankreich mit dem Ziel der Wiederbevölkerung des Landes erneut immer mehr in die traditionelle Mutterrolle gedrängt wurden. Von männlicher Seite wurde Beauvoir schärfstens für “Das andere Geschlecht” kritisiert. Albert Camus schleuderte ihr Buch angeblich wütend durch den Raum und sagte, sie würde den französischen Mann lächerlich machen.

Aber die Wirkung ihrer Worte war unaufhaltsam geworden. Ihr Werk wurde in immer mehr Sprachen übersetzt. Frauen weltweit fanden sich und ihre täglichen Kämpfe auf Simones Seiten wieder, fühlten sich verstanden und bestärkt, gegen die vorherrschenden Umstände anzukämpfen.




Bilder: Prime minister Levy Eshkol und Simone de Beauvoir 1967 in Tel Aviv | Simone de Beauvoir and Jean-Paul Sartre © wikimedia commons




Simone de Beauvoirs Relevanz heute


Die französische Denkerin hätte auch heute Vieles zum Stand der Dinge zu sagen.

Wir sind bestimmt viel freier und selbstbestimmter als unsere Vorgängerinnen in der Nachkriegszeit. Die bestehenden Konstrukte in unserer Gesellschaft müssen wir aber weiterhin hinterfragen.

Simone de Beauvoir ist relevant, weil sie philosophische Ideen erdacht hat, die uns heute noch weiterhelfen können. Sie hat schon damals die Fragen gestellt wie: "Wie kann ich ein selbstbestimmtes Leben führen? Was ist für mich wichtig im Leben?" Das sind Fragen, die sich auch heute noch Frauen weltweit stellen. Simone de Beauvoir hat mit ihrem Werk aufgezeigt, bis zu welchem Grade Frauen die Selbstbestimmung in der Geschichte vorenthalten wurde und hat Maßstäbe gesetzt, für den Feminismus, den wir heute leben. Selbstbestimmung beginnt bei den kleinen Dingen die wir konsumieren und endet bei den großen Entscheidungen unseres Lebens wie Ausbildung, Berufswahl, Partnerschaft oder Kinderwunsch.“Ich möchte in einer Welt leben, in der sich keine Frau gezwungen fühlt, ihren Lebensweg an die Erwartungen anderer anzupassen.” Da sind wir noch nicht ganz angekommen, aber wir sind definitiv dorthin unterwegs.



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Auszüge aus “Das andere Geschlecht”


“Die Biologie und die Sozialwissenschaften glauben nicht mehr an die Existenz unwandelbarer Anlagen, die gegebene Charaktertypen wie die Frau, den Juden oder den Schwarzen hervorbringen; sie betrachten den Charakter als Sekundärreaktion auf eine Situation.”


“Eine Frau, die sich ökonomisch vom Mann unabhängig macht, befindet sich darum noch lange nicht in der gleichen sittlichen, sozialen und psychologischen Situation wie er. Die Art und Weise, wie sie in ihren Beruf einsteigt und wie sie sich ihm widmet, hängt von ihrem gesamten Lebenszusammenhang ab. In dem Moment, in dem sie ihr Erwachsenenleben beginnt, hat sie nicht die gleiche Vergangenheit hinter sich wie ein junger Mann, sie wird von der Gesellschaft nicht mit den gleichen Augen angesehen, und die Welt stellt sich ihr in einer anderen Perspektive dar. Die Tatsache, eine Frau zu sein, stellt einen autonomen Menschen heute vor ganz besondere Probleme.”


“Der Vorteil, den der Mann besitzt und der für ihn von Kindheit an spürbar ist, besteht darin, dass seine Berufung als Mensch keinen Widerspruch zu seiner Bestimmung als Mann darstellt. Durch die Gleichsetzung von Phallus und Transzendenz ergibt es sich, dass seine sozialen oder geistigen Erfolge ihm ein männliches Prestige verleihen. Er ist nicht gespalten. Von der Frau dagegen wird verlangt, dass sie sich, um ihre Weiblichkeit zu erfüllen, zum Objekt und zur Beute macht, das heißt, auf ihre Ansprüche als souveränes Subjekt verzichtet.

Eben dieser Konflikt charakterisiert in besonderer Weise die Situation der befreiten Frau. Sie lehnt es ab, sich auf ihre weibliche Rolle zu beschränken, weil sie sich nicht verstümmeln will. Würde sie aber auf ihr Geschlecht verzichten, wäre dies ebenfalls eine Verstümmelung. Der Mann ist ein geschlechtlicher Mensch. Die Frau kann nur dann ein vollständiges Individuum und dem Mann ebenbürtig sein, wenn auch sie ein geschlechtlicher Mensch ist. Auf ihre Weiblichkeit verzichten hieße, auf einen Teil ihrer Menschlichkeit verzichten. (...) Eine Frau, die nicht schockieren möchte, die sich gesellschaftlich nicht entwerten will, muss ihr Frausein als Frau leben. Sehr oft ist dies sogar eine Voraussetzung ihres beruflichen Erfolgs.”


“Der Mann muss sich um seine Kleidung kaum Gedanken machen. Sie ist bequem, seinem aktiven Leben angepasst und braucht nicht besonders ausgewählt zu sein. Sie gehört nur ganz am Rande zu seiner Persönlichkeit. Im Übrigen erwartet niemand, dass er sie selbst instand hält. Irgendeine Frau entlastet ihn freiwillig oder gegen Bezahlung von dieser Sorge.”


“"Es ist leichter, ein Geschlecht anzuklagen, als das andere zu entschuldigen", schreibt Montaigne. Das Austeilen von Lob und Tadel führt zu nichts. Wenn dieser Teufelskreis so schwer zu durchbrechen ist, liegt das in Wirklichkeit daran, dass jedes der beiden Geschlechter zugleich Opfer seiner selbst und Opfer des anderen ist. Zwischen zwei Gegnern, die sich in ihrer reinen Freiheit gegenübertreten, kann eine Einigung leicht hergestellt werden, zumal ihr Kampf niemandem nützt. Aber die Schwierigkeit der ganzen Angelegenheit rührt daher, dass beide Lager sich im heimlichen Einvernehmen mit dem jeweiligen Feind befinden.”


“Es ist Aufgabe des Menschen, dem Reich der Freiheit inmitten der gegebenen Welt zum Durchbruch zu verhelfen. Damit dieser höchste Sieg errungen werden kann, ist es unter anderem notwendig, dass Männer und Frauen über ihre natürlichen Unterschiede hinaus unmissverständlich ihre Geschwisterlichkeit behaupten.”



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