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Die Radikale


TEXT & INTERVIEW: JULIA PÜHRINGER


Sehen lernen: Anja Salomonowitz hat für ihr Maria Lassnig-Porträt „Mit einem Tiger schlafen“ kurzerhand das Genre Biopic revolutioniert. Im myGiulia-Interview spricht sie über ihre Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr und darüber, was wir von Maria Lassnig lernen können.



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Szene aus dem Film „Mit einem Tiger schlafen"


„Wenn ich einen Menschen ansehe und abzeichne, muss mehr geschehen als nur sehen lernen. Ich muss auf den Menschen eingehen. Das heißt, ich muss einen Teil von mir aufgeben.“ Birgit Minichmayr als Maria Lassnig in „Mit einem Tiger schlafen“


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„Selbstporträt mit Stab” von Maria Lassnig (1971, Maria Lassnig Foundation)

Das Unheimliche zwischenmenschlicher Beziehungen


Maria Lassnig ist eine unendlich faszinierende Künstlerin. Ihre teils überdimensionalen Werke verstören in Pastellfarben, setzen sich auf beklemmende Weise mit dem (weiblichen) Körper auseinander, zeigen das Unheimliche zwischenmenschlicher (Körper-)Beziehungen. Lassnig selbst betonte immer, sie sei Künstler, inzwischen stolpert man über die männliche Selbstbezeichnung einer Frau. Aber sie war notwendig – Lassnig, geboren 1919, wollte ihre Kunst nicht als „Frauenkunst“ verstanden wissen, sie wusste darum, dass die Kunst von Künstlerinnen unter Wert gehandelt wurde, wortwörtlich und metaphorisch. Deshalb sprach Lassnig von sich als Künstler. In einem Bild namens „Traditionskette“ malt sie sich an der Seite von Velázquez, van Gogh und Munch und nein, das war nicht Größenwahn, sondern eine realistische Einschätzung ihrer künstlerischen Fähigkeiten.



Aus dem Leib reißen


Wie also soll man über diese Künstlerin einen Film machen? Wir alle wissen, das Genre Biopic kann, vor allem wenn es um Frauen geht, ganze Leben in ihrer Komplexität zum Hochglanz-Fotoroman in drei Akten eindampfen, alles getrimmt auf ein, zwei Lebenskonflikte und eine große Liebe. Anja Salomonowitz hat etwas anderes vor: Sie will eine Künstlerin bei der Arbeit zeigen, nicht so sehr beim Malen, als beim Denken, dabei, wie sie sich ein Kunstwerk aus dem Leib reißt. Salomonowitz fängt damit an, womit alles beginnt, auch beim Film: mit einer leeren Leinwand. 



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„Zwei Arten zu sein” von Maria Lassnig (2000)

Mit einem Tiger schlafen


Auch Lassnig als Mädchen spielt Minichmayr – aus Erwachsenenperspektive erzählt sie, wie sie bereits in jungen Jahren „das absolute Farbsehen“ lernte, „die erschreckende Relativität der Farbe“. Ein Wunderkind würde man wohl sagen, komischerweise hört man das so selten über Frauen. „Komischerweise.“ Wieder ein Zeitsprung: eine Frau beim Denken, eine Frau bei der Arbeit, ein Genie bei der Arbeit. Später die arrivierte Lassnig, bei einer Ausstellungseröffnung herrscherisch-mürrisch die Hängung beanstandend. Niemandes Meinung interessiert sie außer die eigene. Potenzielle Käufer*innen müssen sich per Lebenslauf (!) bewerben. Jahrzehntelang hat sie aushalten müssen, dass sie ihre weit nicht so begabten Kollegen überholt haben, und die Verletzungen und das Unverständnis ertragen. Sie ist eigenbrötlerisch geworden, aber auch völlig selbstbestimmt, nach der harten Schule von Jahrzehnten in großer Armut. Wieder ein Zeitsprung: Lassnig wird während der NS-Zeit an der Akademie der bildenden Künste aufgenommen. Ohne Prüfung, so gut ist sie. 



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Maria Lassnig im Atelier Avenue B, New York City 1974. Im Hintergrund das Gemälde „Doppelselbstportrait mit Kamera“ (Archiv Maria Lassnig Stiftung)

„Mit einem Tiger schlafen“ zeigt auch die von großer Liebe – und Abhängigkeit, Humor und Gemeinheit gleichermaßen – gezeichnete Beziehung von Lassnig zu ihrer Mutter (großartig: Johanna Orsini), die erste Liebe, den Wiener Kunstbetrieb in der Nachkriegszeit. Nur am Kostüm (Kostümbild: Tanja Hausner) erkennt man das Jahrzehnt, Minichmayr wird nicht älter oder jünger geschminkt, sie bewegt sich einfach anders, ein radikaler Ansatz. In Nebenrollen spielen Weggefährt*innen (u. a. die Fotografin Elfie Semotan) sich selbst. 



Mit Sehgewohnheiten aufräumen


Ein Film über eine Künstlerin, die mit den Sehgewohnheiten aufgeräumt hat, macht, wenn er das Herz am richtigen Fleck hat, dasselbe. Anja Salomonowitz nähert sich Maria Lassnig mit dem Mut, dem Witz und auch dem „Scheißmirnix“, der der Künstlerin entspricht. Die Regisseurin kommt vom Dokumentarischen: In „Das wirst du nie verstehen“ porträtierte sie die Großelterngenerationen, die während der NS-Zeit auf unterschiedlichen Seiten standen. Für „Kurz davor ist es passiert“ zum Thema Frauenhandel fand Salomonowitz ebenfalls eine neue künstlerische Form für recherchierte Fakten, auch in „Die 727 Tage ohne Karamo“ zeigt sie per Verfremdungseffekt die Brutalität, aber auch Absurdität des „Fremdenwesens“, dem Objektkünstler Daniel Spoerri widmete sie das Arbeits- und Denkporträt „Dieser Film ist ein Geschenk“. „Mit einem Tiger schlafen“ wirkt wie ein logischer nächster Schritt. Und es ist kein kleiner Film. Warum er „nur“ im „Forum“ der Berlinale lief, weiß man nicht – ob das einem ebenso mutigen Film über einen der wichtigsten bildenden Künstler Europas auch passiert wäre, kann man nur mutmaßen. 



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Die Filmemacherin & Drehbuchautorin Anja Salomonowitz (Foto: Heribert Corn)

Julia Pühringer: Maria Lassnig ist so eine komplexe Person mit so vielen Themen, wie hast du diese Form gefunden? Diese Sorte Film gab es ja vor deinem Film noch gar nicht.


Anja Salomonowitz: Die Form war von Anfang an da, die Idee, dass sie von einer Person gespielt wird. Meine erste Idee war, dass der Film in der Kindheit anfängt und sie ein Kind bleibt, während alle anderen älter werden. Die Idee gefällt mir noch immer gut, aber man hält das nicht den ganzen Film durch. Spätestens bei Sexualität, bei bestimmten Emotionen, hast du eine ältere Frau im Kopf, wenn du dir die Szene vorstellst. Um das Drehbuch zu schreiben, hatte ich schon wahnsinnig viele Leute aus dem Kunstbereich interviewt und mir dann gedacht, eigentlich müsste ich einen Dokumentarfilm über den Kunstmarkt machen. Es gab insgesamt wohl fünf unterschiedliche Filme, die ich geschrieben habe, aber die Idee, dass die Lassnig von einer Person gespielt wird, war immer da. Am Ende war es dann eine erwachsene Frau. Birgit Minichmayr habe ich danach in der Albertina gesehen und gehört, sie hat Auszüge aus dem Tagebuch von Maria Lassnig gelesen. Ich habe sie gesehen und mir gedacht: Die ist es doch.



Du hast dich an der unfassbar großartigen Lassnig-Biographie von Natalie Lettner orientiert.


Diese Biografie ist wirklich toll und schafft es, alle Widersprüchlichkeiten der Maria Lassnig nebeneinander stehen zu lassen. Ich habe auch sehr viele Interviews geführt, Kataloge gesucht, Bücher gelesen, Filme angeschaut, bin nach New York geflogen und nach Kärnten gefahren. Die Szenen im Drehbuch habe ich frei erfunden, aber schon auch aus dem Gefühl heraus, basierend auf den Infos, die mir in Interviews erzählt wurden. Im Detail waren wir exakt, beispielsweise bei der Ausstattung und im Kostüm. Sie selbst war ja irrsinnig witzig angezogen.



Ich liebe die Szenen im heißen Atelier in der Unterwäsche.


Sie hat gern Huber Trikot getragen und sie hat aus Spargründen auch so gearbeitet, dass sie gemalt hat und wenn es ihr nicht getaugt hat, hat sie es mit Terpentin wieder weggewischt. Und dafür hat sie Fetzen gebraucht. Die Wäsche wurde später zu diesen Fetzerln. Die Ausstattung im Feistritzer Atelier haben wir teilweise dort vorgefunden. Die Fetzerl aus alten Unterleiberl sind dort noch im Original gelegen.



Künstlerin vor Leinwand_Leere Leinwand_Künstlerischer Prozess_Atelier_Kunst_Malerei_Filmausschnitt_Film_Biopic_myGiulia
Szene aus dem Film „Mit einem Tiger schlafen"


Das Bild von der leeren Leinwand, alles beginnt mit dem Geist, mit einer Idee. Das ist doch eine Superkraft: Vorher ist nichts, danach ist da was. Das ist schon auf eine Weise wie zaubern. Man sieht ihr zu, wie sie die Bilder dem Körper entreißt, gebiert, durch genaues Beobachten von sich selbst und der Welt und von den Relationen.


Das ist eine schöne Formulierung, „dem Körper entrissen“. Das ist, was mich am meisten fasziniert hat: Dieses unbedingte Kunstwollen, also dass sie jeden Tag ins Atelier gegangen ist, dort dann stundenlang gesessen ist und sich hingequält hat. Ich kenne das auch, dieses Warten auf den Moment, das Sich-in-den-Bewusstseinsstrom-Begeben. Ich weiß nicht, ist er hinter einem oder neben einem, also diese Sphäre, wo es tatsächlich keine Zeit und keinen Raum mehr gibt, wo meiner Meinung nach die Kreativität sitzt oder wo die Ideen zu Hause sind, wo du auch nicht weißt, wie die da jetzt in deinem Kopf geflogen sind. Jeden Tag hat sie das gemacht, gnadenlos zu sich selbst.



Sie hat darauf beharrt, dass sie „Künstler“ ist.


Sie wollte tatsächlich zu den großen Männern gehören, weil das das war, was man erreichen konnte. Sie wollte nicht anerkannt werden, weil sie eine Frau ist, sondern für ihre Kunst. Ich fand es auch extrem wichtig, diese Emanzipation zu zeigen. Ihr ganzes Leben ist im Endeffekt eine Selbstermächtigung, Emanzipation ist fast zu wenig als Begriff, ihr Durchbruch in dieser komplett männlich dominierten Kunstwelt. Und sie hat es ja geschafft, sie hat die gläserne Decke gesprengt, ist die teuerste damals lebende österreichische Malerin geworden. 



Wie war das bei dir? Früher lief der Unterricht an der Filmakademie ja auch oft ohne Frauen.


Ich hatte das Glück, dass andere Regisseurinnen wie beispielsweise Barbara Albert ein bisschen über mir an der Filmakademie waren, ich hatte Mitstreiterinnen. Meiner Meinung nach ist der 60-jährige rumbrüllende Regisseur, der unfreundlich ist, ein komplettes Auslaufmodell. Im Gegenteil, ich liebe Filmemachen gerade deswegen, weil es wie eine Zahnradbahn ist, wo alles ineinandergreift, all das, was alle können. Der Moment, in dem die Luft dann anfängt zu dampfen und sich das Rad zu drehen beginnt, das ist so schön. Das macht richtig süchtig. Ich habe viele Menschen, mit denen ich schon einige Filme gemeinsam gemacht habe. Zum Beispiel Veronika Hlawatsch, die das Sounddesign gemacht hat, oder Tanja Hausner, die das Kostüm gemacht hat. Oder Bernhard Fleischmann, der immer die Musik für meine Filme macht, künstlerische Wegbegleiter*innen oder künstlerische Mitstreiter*innen, die sind schon wie ein Teil meiner Filmsprache.



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Birgit Minichmayr als Maria Lassnig

Es ist ein Zauber, Birgit Minichmayr beim Spielen zuzusehen.


Ja! Wunderbar sinnlich. Es war für sie eine extrem nuancierte Arbeit, sowohl was diese körperliche Wandlung betrifft als auch die Sprache. Maria Lassnig ist ja in Kärnten aufgewachsen und hatte einen starken Kärntner Akzent, der im Laufe ihres Lebens immer weniger geworden ist, und je nachdem, in welcher Zeit wir uns befunden haben, musste sie das dann nuancieren. Dazu kommt, dass viele Menschen im Film echte Menschen sind, Laiendarsteller*innen und keine Schauspieler*innen, zum Beispiel die Elfie Semotan. Maria Nicolini, die die analphabetische Großmutter spielt, ist in Wirklichkeit eine Intellektuelle, sie unterrichtet in Klagenfurt immer noch Germanistik. Oder Diethard Leopold, der spielt den Museumsdirektor und ist auch einer. Für mich hat das das Gefühl verstärkt, dass Maria Lassnig so entfremdet in der Welt wirkt, weil alle anderen ganz normal sind. Meine Art zu drehen ist so: Ich will eigentlich alles immer nur in einem Take drehen. Dadurch kriegt es was Dokumentarisches auf eine gewisse Art und Weise. Birgit ist da gerne mitgegangen.



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„Brettl vorm Kopf” von Maria Lassnig (1967)

Was können wir von Maria Lassnig lernen, von ihr mitnehmen?


Tatsächlich diese Gnadenlosigkeit zu sich selbst und dieses Weiterkommenwollen in der Kunst. Dass man so stark dranbleibt, um da hinzukommen, wo man hinwill, ist eine tolle Strategie.


Wo willst du hin?


Ich möchte weiter meine Filme machen können.




MIT EINEM TIGER SCHLAFEN von Anja Salomonowitz läuft ab 12. April 2024 in den Kinos.



 


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Frauen in der Kunst - Kinoabend mit Talk



Gemeinsam mit dem Stadtkino Wien und der Eventreihe Sisters Lumière des Frauennetzwerks Sorority organisieren wir am 23. April einen Filmabend rund um weibliche Schaffenskraft und feminine Kunst. Wir zeigen „Mit einem Tiger schlafen”, der bei der Berlinale 2024 seine Premiere feierte.


Anschließend freuen wir uns auf einen Talk zum Thema Frauen in der Kunstszene, unter anderem mit Maria Mattuschka, Freundin und Wegbegleiterin Maria Lassnigs sowie Denise Schellmann (bildende Künstlerin).


Moderation: Astrid Peterle (Leitung kuratorische Programmgestaltung, Kunsthalle Wien)


Filmbeginn: 19.30 Uhr im Stadtkino Wien

Talk: anschließend um ca. 21.15 Uhr


Tickets können HIER vorab reserviert werden und mit dem Code MYGIULIA am Filmabend um 9€ (statt 10.5€) erworben werden. 


Wir freuen uns auf euer Kommen!



 

Im Interview


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Foto: Heribert Corn

Anja Salomonowitz studierte Film in Wien und Berlin und arbeitete als Assistentin des Regisseurs Ulrich Seidl. Sie erarbeitet mit Studierenden an Universitäten deren Filme, u. a. an der Aalto Universität Helsinki, am Department for Film and Television oder an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Anja Salomonowitz arbeitet als Dramaturgin des Drehbuchverbandes und hält Masterclasses zum künstlerischen Film. Salomonowitz lebt in Wien und schreibt ihre Drehbücher in Kritzendorf an der Donau. Derzeit arbeitet sie an einem Film über die ukrainische Aktivistin Inna Shevchenko, Gründerin der feministischen Gruppe FEMEN.




 

Unsere Autorin


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Foto: Violetta Wakolbinger

Julia Pühringer ist Journalistin und Filmkritikerin und schreit gern ins Internet. Sie schreibt unter anderem für tele, Falter, den Standard und die an.schläge.

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