Körperformen - eine Künstlerperspektive

von Eszter Ambrózi

Dass besonders der weibliche Körper seit jeher Idealen unterworfen wurde, ist nichts Neues. Ideale bestimmen welche Körperbilder überwiegend Repräsentation finden und somit auch, was als “normal” und “schön” empfunden wird. Meine Beine sind nicht so lang, mein Bauch nicht so muskulös, meine Arme nicht so zart. Werde ich diesem Ideal je entsprechen? Muss ich das, um schön zu sein? Das sind Gedanken, denen besonders Frauen* nur sehr schwer entkommen. Immer noch wird überwiegend der perfekt trainierte, schlanke und makellose Körper idealisiert.


Künstlerin Andrea Kollar mit Frauenkörper
Künstlerin Andrea Kollar

Nun erleben wir einen Umschwung, der bereits seit einigen Jahren im Gange ist und zunehmend an Momentum gewinnt. Body Positivity und Körperbewusstsein sind Schlagwörter, welche die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper fördern wollen. Die Repräsentation der vielen verschiedenen Formen des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit wächst immer mehr. Gottseidank! Denn neben den normativen Standards ist es auch reichlich an der Zeit, die Schönheit in der Einzigartigkeit und Vielfältigkeit des weiblichen Körpers zu erkennen. Denn sie beschränkt sich nicht auf einen Körpertypen, sondern umfasst viele unterschiedliche Formen, Farben und Größen. Ganz nach dem Motto: „My body - my choice“!


Nun stellt sich allerdings die Frage, wie können Frauen die Deutungsmacht über ihren Körper in all seiner Vielfalt für sich beanspruchen? Genau das möchte die Künstlerin Andrea Kollar in ihrer Arbeit zum Ausdruck bringen. Das Thema ihrer Werke ist der weibliche Körper in all seinen Formen. Mit ihren Zeichnungen und Keramiken möchte sie die Schönheit und Eigenschaften hervorheben, die oft als Makel wahrgenommen werden. In unserem Interview spricht sie über das Thema Körperbewusstsein und was sie Frauen* mit ihrer Arbeit mitteilen möchte.

Wie ist der weibliche Körper zu Deinem zentralen Thema geworden?


Um ehrlich zu sein, das war ein Prozess. Ich habe mich schon als Kind gefragt, warum es beinahe ausschließlich männliche Künstler gab und somit Frauen in der Kunst immer von Männern dargestellt wurden. Ich glaube, ich war schon als Kind Feministin.


Ich habe Modedesign an der Universität für Angewandte Kunst studiert und lange im Modebereich gearbeitet. Wenn man Kunst macht, probiert man, ganz viel aus und ist sehr lang auf der Suche nach dem Thema, mit dem man in die Tiefe gehen möchte. Bei der Arbeit an Textilprints habe ich Prints von Frauen* mit verschiedensten Körperformen gemacht. Ich bin einfach dagesessen und wusste sofort, dass das mein Thema ist. Es war ein wunderschöner Moment, weil ich genau wusste: ich habe gefunden, wonach ich jahrelang gesucht habe.

Im Nachhinein ist mir dann bewusst geworden, dass das eigentlich von Anfang an mein Thema war, schon als Kind. Aber über die Jahre und durch alle Eindrücke, die auf einen einprasseln, ist es überdeckt worden und ich bin nicht mehr herangekommen. Aber das war der Moment, in dem es mir wieder klar geworden ist.

Was siehst Du beim Erschaffen Deiner Körperformen vor Dir, was ist Deine Inspiration?


Das ist schwierig. Es ist einfach alles; das Leben allgemein, mein Leben, natürlich auch das Leben der Menschen, besonders der Frauen*, die mich umgeben. Ich kann das gar nicht auf einzelne Momente festlegen. Ich sehe etwas und es inspiriert mich. Das kann eine Freundin* sein, meine Mutter, meine Großmutter, meine Schwester… Oder einfach eine Frau* in der U-Bahn, die etwas an sich hat, das ich auf Papier bringen möchte oder als Keramik darstellen will.

Meistens sind das Dinge, die die Frau* selbst vielleicht als Makel empfinden würde, die ich aber genau schön finde und die total speziell sind.



Wie hat sich Deine Arbeit aus der Zweidimensionalität zur Keramik entwickelt?


Zeichnen war das Erste, was ich gemacht habe, immer schon. Es war mir von Anfang an klar, dass ich das zu meinem Beruf machen will. Dann kam irgendwann das tiefe Bedürfnis, meine Zeichnungen auch dreidimensional darzustellen, damit das ineinander greift und sich ergänzt. Ich dachte mir, “Diese Körperformen muss ich auch dreidimensional machen, zweidimensional ist zu wenig!” Der nächste Schritt war es dann, das richtige Material zu finden. Ich habe ganz viel ausprobiert, aber je mehr ich mich mit den verschiedenen Materialien auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde; es ist die Keramik. Vielleicht arbeite ich in Zukunft noch mit anderen Materialien weiter, aber im Moment ist es eindeutig die Keramik.


Bist Du je auf Widerstand gestoßen, innerlich oder äußerlich?


Einen inneren Widerstand spüre ich schon mittlerweile! Es irritiert mich, wenn ich Künstler sehe, die nur ein idealisiertes Körperbild darstellen oder Medienkampagnen, die nur dem normativen Schönheitsstandard entsprechende Models zeigen - da denke ich mir, “Warum tut man das?” Das ist eigentlich mein innerer Widerstand.

Äußeren Widerstand gab es bei mir sehr wenig. Auch auf Social Media war meine Erfahrung von Anfang an sehr gut. Klar gab es auch negative Nachrichten, aber ich kann sie auf zwei Händen abzählen. Ich weiß das auch sehr zu schätzen, denn das ist nicht selbstverständlich. Wie soll ich sagen? Ich füttere diese Negativität auch nicht. Dadurch, dass ich keine Energie darin investiere, ist das auch praktisch kein Thema.

Ich sehe mich nicht in der Rolle, Menschen mit meiner Kunst belehren zu müssen. Wenn meine Kunst zu Menschen spricht, Frauen*, sowie Männern*, sie berührt und ihnen gefällt, was ich mache, dann ist das großartig und ich freue mich! Aber wenn es Menschen einfach nicht berührt, sie es nicht verstehen oder es ihnen nichts gibt, dann ist das für mich auch in Ordnung.

Was erzählst du mit deiner Kunst?


Wenn ich eine Frau* sehe und etwas an ihr schön finde, würde ich am liebsten zu jeder einzelnen hingehen und ihr das sagen, aber dann denke ich mir immer, “Ich möchte nicht creepy sein.” (Lacht)

Ich glaube einfach, da ich nicht auf jede einzelne Frau* zugehen kann, möchte ich ihnen diese Schönheit, die in jeder Frau* ich sehe, durch meine Kunst mitgeben.

Ganz besonders ist es, wenn mir Kund*innen schreiben, dass sie eine Vase oder eine Zeichnung von mir sehen und sich damit identifizieren können. Sie sagen, wenn die Keramik oder die Zeichnung schön ist und sie Ähnlichkeiten zu sich selbst sehen, bedeutet das ja, dass sie auch schön sind! Dann denke ich mir immer, “Ja! Message angekommen!” Das ist großartig.

Es geht mir einfach um die Schönheit in jeder Frau*; dass man sie wahrnimmt und schätzt. Vermutlich auch, weil ich selber weiß, wie schwierig das ist.

Noch ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt, ist die Verbundenheit zwischen Frauen*. Ich habe das Gefühl, da ist gerade eine große Bewegung dahinter. Sich gegenseitig zu unterstützen ist so wichtig. Zusammen kommt man weiter, es macht mehr Spaß und man kann sich gegenseitig inspirieren. Ich zeichne Frauen*, die sich umarmen oder miteinander verbunden sind. Das kommt auch als Nächstes in der Keramik, in der Form von Skulpturen und Vasen.

Auch was den eigenen Körper betrifft, ist Gemeinschaft und Unterstützung so wichtig - wie ist Deine Reise zum Thema Körperbewusstsein gewesen?


Ich glaube, das ist eine total individuelle Reise, die bei jeder Frau* unterschiedlich und zu einem anderen Zeitpunkt beginnt. Als Teenager fühlen sich ja die Wenigsten in ihren Körpern wohl. Da fängt man an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Ich bin ein Kind der 80er und bin mit dem superdünnen Modell Image der 90er aufgewachsen. Das war schon… krass. Ein Ideal, das für 99 Prozent der Frauen* unerreichbar ist.

Als Teil meiner Teenagerzeit hat mich das sicher beeinflusst und dazu beigetragen, dass der Körper so ein zentrales Thema meiner Arbeit ist. Meine Herangehensweise, damit umzugehen, war das Zeichnen. Das ist aber ganz individuell. Für manche Frauen* ist es Sport, Tanzen, Kochen, sich mit Ernährung beschäftigen… Da hat jede Frau* einen anderen Zugang. Bei mir ist es, mich in der Kunst mit unterschiedlichen Körperformen zu beschäftigen. In der Hinsicht sehe ich jetzt aber einen großen Unterschied: jetzt sehen wir ein viel differenzierteres Bild in den Medien, und das ist großartig.


Genau deshalb ist die Repräsentation von verschiedenen Körperformen so wichtig, nicht wahr?


Genau. Wir hatten vor kurzem unser Love and Diversity Fotoshooting mit vier ganz unterschiedlichen Frauen* mit unterschiedlichen Körperformen und Hautfarben. Wenn ich die Fotos Freund*innen oder meiner Familie zeige, erkennen sie, wie sehr man von den perfekt trainierten und retouchierten Körpern in den Medien beeinflusst ist. Dass das Auge erst wieder lernen muss, dass das auch schön ist. Ich finde das total spannend.

Den Meisten, denen ich die Bilder gezeigt habe, sah ich an, dass sie erstaunt, aber auch ein bisschen irritiert waren, weil das ja doch etwas Anderes ist. Sie sahen die Schönheit in den Bildern, aber taten sich schwer, sie einzuordnen. Das ist ein sehr schöner und spannender Prozess: Umzulernen, was schön ist. Oder, dass nicht nur ein Körperbild und eine Hautfarbe, sondern eben dass ganz viele verschiedene Dinge schön sind.


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Im Gespräch mit


Andrea Kollar, studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Vor rund eineinhalb Jahren begann die Österreichische Künstlerin Vasen und Skulpturen mit weiblichen Formen zu kreieren. Seitdem arbeiten sie und der Kerammodeleur Hermann Seiser, einer der letzten seines Handwerks in Europa, zusammen an der Realisierung ihrer Ideen. Jedes einzelne Stück wird in Wien in einem Porzellan-Atelier entwickelt und von einem kleinen Team von Hand gefertigt. In ihrer Arbeit reduziert sie den weiblichen Körper auf ein Minimum an Linien und verstärkt gleichzeitig seinen sinnlichen Ausdruck.

www.andreakollar.at





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