Selbstliebe: Von der Kunst sich selbst zu mögen

von Yvonne Willms

Verdammt, ich liebe mich! Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich hat aktuell Hochkonjunktur. Selbstliebe, Body Positivity und innere Schönheit sind zu Trendwörtern unserer Zeit geworden. Aber wie lernen wir Selbstliebe in Zeiten von retuschierten Instagram-Fotos und Beautywahn?



Wir haben Make-up Artistin & Gründerin von Venus Moments Sabine Reiter zu genau diesem Thema interviewt. Uns hat sie verraten, wie sie es geschafft hat, ihre Sinnlichkeit und innere Schönheit zu entdecken und wie sich dabei Make-up und Natürlichkeit nicht gegenseitig im Weg stehen. Warum Selbstliebe kein Buzzword ist und wir am besten sofort mit Selbstliebe-Übungen starten sollten.


Sabine, Du gibst mit Venus Moments Onlinekurse, um Selbstliebe zu lernen in Kombination mit Meditationen und Make-up Tipps. Was bedeutet denn für Dich Schönheit?


Ich bin seit neun Jahren selbständige Hair- und Make-up Artistin. Mein ganzes Leben dreht sich um Schönheit. Ich arbeite oft für Magazine und verbringe die meisten Tage an großen Sets. Bei meinen Projekten geht es auch sehr viel um Kunst und Inspiration. Aus diesen Gründen habe ich diesen Beruf gewählt. Doch eins fehlt mir in der Beautywelt: Dass man nicht über das Thema innere Schönheit spricht. Ich finde es zwar wunderschön in der Beautyindustrie zu arbeiten, doch große Marken haben eben auch eine große Stimme. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.

Mit der Zeit ist für mich dieser Gegenpol immer sichtbarer geworden, denn Schönheit hat für mich nichts mit Äußerlichkeiten zu tun, sondern ist ein bestimmtes Gefühl. Mit Venus Moments möchte ich zeigen, dass wahre Schönheit von Innen kommt. Ich möchte diese Message ganz bewusst nach außen tragen und auf das Thema aufmerksam machen. Jede Person ist wunderschön – ganz egal ob mit, oder ohne Make-up.


Wie können wir zu Selbstliebe und unserem Stil finden, der im Einklang ist mit uns als Mensch und unserem Aussehen steht? Hast du hierfür konkrete Tipps?


Aus meiner Beobachtung ist Journaling und Selbstreflexion ein großes Thema, wo man sehr in die Tiefe gehen kann. Aber auch die tägliche Berührung des eigenen Körpers, weil man sich dann anders fühlt. In Sachen Make-up rate ich meinen Kund*innen diese Gestaltungsform nur ganz individuell für sich selbst zu verwenden. Habe ich gerade Lust mit Farben zu spielen oder nicht? Mit Venus Moments möchte ich zeigen, dass Make-up eben nicht Optimierung bedeutet. Make-up macht aus dem eigenen Körper etwas Einzigartiges – wie eine Art Kunstform.

Um mich selbst inspirieren zu lassen, folge ich auf Instagram nur ausgewählten Accounts. Menschen, die mit ihrer individuellen Natürlichkeit arbeiten. Es gibt viele großartige Frauen und Männer, die mit ihrem Content dazu beitragen die Haut in ihrer natürlichen Form gewissermaßen zu normalisieren. Genau das ist durch die Beautyindustrie nicht wirklich reflektiert worden. Denn beides ist schön: mit Make-up und auch ohne.


Sabine Reiter Foto Martina Trepczyk


Graue Haare werden gefärbt, Falten geglättet, Nägel lackiert. Diese Schönheits-Rituale geben uns ja oft ein Gefühl der Kontrolle über uns selbst.


Grundsätzlich spricht nichts dagegen Haare zu färben oder etwas abzudecken. Selbstliebe lernen heißt auch: Nicht werten, aber vielleicht mal hineinzuspüren. Wie fühlt es sich denn für mich wirklich an? Verwende ich Make-up aus Angst oder weil ich Lust darauf habe? Hier geht es darum sich selbst zu hinterfragen. Der Wunsch nach Schönheit und Kontrolle ist für jede Person ganz individuell. Aber wenn man es runterbricht, ist es oftmals ein Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn ich mein Aussehen unter Kontrolle habe, ist das wie eine Art Schutzwall. Unterbewusst hat das auch mit dem eigenen Selbstwert zu tun.

Um dem entgegenzuwirken, kommen die Selbstliebe-Übungen ins Spiel. Dann vermindert sich das Bedürfnis Make-up als Schutz verwenden zu müssen. Das Erreichen von Selbstliebe ist da einfach ein großer Schlüssel, um aus dem Negativen rauszukommen. Prinzipiell gibt es keine Regel und ich nehme auch stark Abstand davon über Beauty-Rituale zu urteilen. Haare färben kann schließlich auch Spaß machen und ein kreativer Prozess sein. Alles was gefällt darf man praktizieren und stolz nach außen tragen. Wenn wir Lust auf Make-up haben, dann sage ich nur: Yes, do it!


Das heißt wir dürfen trotz Selbstliebe roten Lippenstift tragen. Dennoch: Make-up und Natürlichkeit – Wie geht das zusammen?


Eine sehr spannende Frage, worauf ich eine klare Antwort habe: Das eine schließt das andere nicht aus. Hier gibt es kein entweder oder. Für mich bedeutet Natürlichkeit sich im eigenen Körper und der eigenen Haut wohlzufühlen. Rötungen sind normal und die Haut ist schön in ihrer Einzigartigkeit.


Augenschatten machen das Gesicht spannend und sexy. Selbst Mona Lisa hat Augenringe. Selbstliebe finden bedeutet eben genau das: Das Äußere zu lieben und sich erlauben die eigene Natürlichkeit zu feiern. Make-up kommt dann als kreatives Tool hinzu, um sich mit Farben zu verbinden und Ausdruck zu schaffen.

Ich kann mich pur wunderschön finden und gleichzeitig Lust haben ein sattes Rot auf den Lippen zu tragen. Make-up soll Spaß machen und ist eine wunderbare Inspirationsquelle. Die Beauty- und Modeindustrie zeigt uns leider oft nur perfekte Körper – das ist aber nicht die Realität. Es ist viel inspirierender den natürlichen Körper kreativ in Szene zu setzen. Daher möchte ich verschiedene Körperformen, Hautfarben und auch Hautzustände auch in meinem Umfeld und meinem Instagram Feed sehen. Wenn sich eine Person mit natürlicher Akne zeigt und dazu einen ausdrucksstarken Lidschatten trägt – das finde ich schön.


Wie denkst du, erkennt man bei Selbstliebe die Grenze zwischen "Das tut mir gut, so fühle ich mich schön" und dem unterbewussten Verhalten sich für andere schön zu machen?


Eine Frage über die ich sehr oft nachdenke. Manchmal ertappt man sich bei dem Gedanken Make-up tragen zu müssen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Das sollten wir hinterfragen.


Warum fühle ich, dass Make-up ein Muss ist? Dieses Bedürfnis entsteht häufig schon in unserer Kindheit oder Jugend. Erfahrungen, bei denen wir verinnerlicht haben, dass wir uns für unsere Augenschatten oder andere Makel schämen müssen. Um Selbstliebe zu üben, muss ich mir zuerst bewusst machen, was mich da triggert. Die limitierenden Glaubenssätze sind immer ein Signal.

Für das Erlernen von Selbstliebe funktionieren angeleitete Meditationen und Journaling sehr gut. Doch das ist bei jeder Person anders. Für manche Personen hilft das Aussprechen der Glaubenssätze, für andere wiederum das Aufschreiben. Ich selbst besuche immer mal wieder Workshops zu diesem Thema. To Be Magnetic™ von Lacy Phillips kann ich empfehlen. Da gibt es verschiedene Trigger und dazu passende Reflexionsfragen. Auch auf Instagram gibt es Accounts, z.B. @self.practice, die bei der Selbstreflexion unterstützen. Es ist spannend sich diese Schlüsselwörter, die einen triggern, genau anzuschauen. Das Abgewöhnen von negativen Glaubenssätzen ist am Anfang nicht leicht, aber es bringt uns viel näher zu unserer Selbstliebe.


Sabine Reiter Foto Martina Trepczyk

Was meinst du sind dabei die größten Herausforderungen für Frauen? Wo genau fängt Selbstliebe an?


Wenn limitierende Glaubenssätze aufkommen, hilft es sich die Gedanken mal aufzuschreiben. Und sich zu fragen: Stimmt dieser Glaubenssatz wirklich? Denn meist ist dem nicht so. Dann empfehle ich sich ein Gegenbeispiel zu suchen und den Glaubenssatz umzuformulieren.


Bei anderen Frauen bewundern wir ja auch die ungeschminkte Wahrheit, nur bei uns selbst nicht.

Beispiele die eigenen Glaubenssätze zu widerlegen, finden sich schnell. Aus „Ich muss meine Makel abdecken“ könnte werden „Ich bewundere mich selbst, wenn ich meine natürliche Haut zeige“. Je öfter wir diese positiven Glaubenssätze wiederholen, umso mehr finden wir Selbstliebe in uns. Ich kann nur sagen: Es lohnt sich.


Erzähl uns mehr über Venus Moments – Wie kann man sich Deine Masterclass zum Erlernen von Selbstliebe vorstellen?


Venus Moments besteht aus Onlinekursen, Workbooks und Meditationen. Mit Venus Moments möchte ich dazu inspirieren, sich einfach mal zu fragen: Was bedeutet eigentlich innere Schönheit für mich und wie kann ich mir selbst Schönheit in meinem Alltag geben? Dabei geht es weniger um Äußerlichkeiten, sondern vielmehr darum sich selbst etwas Gutes zu tun. Gerade Meditationen sind ein wunderbarer Weg, wie man Selbstliebe und Kraft finden kann. In meinen Workbooks geht es dann um die eigene Selbstreflexion.

Hinzu kommen Anleitungen und Tipps für mehr Selbstliebe. In der Masterclass geht es auch viel um meinen persönlichen Zugang zu Make-up und Schönheit. Ein Part sind meine Tutorials, anhand derer ich meine Beauty- und Make-up Techniken zeige. Das ist so das „whole Package“. Die ganze Masterclass ist zudem sehr sinnlich gestaltet. Das war mir ein Bedürfnis, der eigenen Schönheit und auch der eigenen Sinnlichkeit mehr Raum zu geben, um Selbstliebe zu lernen.


Magst du uns einen deiner Selbstliebe-Tipps aus der Venus Moments Masterclass verraten? Was sind deine persönlichen Rituale?


Eine großartige Übung für mehr Selbstliebe ist es den Körper zu massieren. Ich mache das für mich täglich mit Körperölen. Ich empfehle das Öl nicht nur nach dem Duschen, sondern auch schon davor einzumassieren.


Der Trick ist: Wenn wir unsere eigene Haut bewusst berühren, können wir uns selbst Liebe senden. Denn wir gehen eine Verbindung ein und verbinden uns mit unserem Körper. Der Kontakt zur Haut erdet uns. Oft glauben wir, dass wir Selbstliebe allein mit positivem Denken finden können. Dann spielt sich jedoch alles im Kopf ab und nicht im Körper. Wie ändern wir Dinge? Indem wir sie fühlen.

Eine Selbstmassage mit Öl ist für mich daher eine sehr einfache Selbstliebe-Übung.

Bei mir ist dieses Ritual eigentlich aus einem ganz anderen Bedürfnis heraus entstanden. Ich habe sehr trockene Haut. Dabei habe ich festgestellt, dass das Eincremen mit sehr reichhaltigen Ölen vor der Reinigung besser funktioniert. Denn das überschüssige Öl wird beim Duschen einfach abgespült. Das hat meine Haut sehr gestärkt und die bewussten Berührungen mich gleichzeitig näher zu meiner Selbstliebe gebracht.


Sabine Reiter Foto Martina Trepczyk

Was empfiehlst du Frauen, bei denen das Thema Selbstliebe im Alltag zu kurz kommt? Oder besser gefragt: Warum ist das Lernen von Selbstliebe so schwer?


Dafür gibt es mehrere Gründe. Durch gesellschaftliche Konditionierung und auch Scham ist es nicht einfach Selbstliebe zu verinnerlichen und seine innere Schönheit nach außen zu tragen. Hinzu kommen zeitliche Hürden und fehlende Motivation. Ich selbst habe mir mal eine Selbstliebe-Challenge gesetzt. Ich wollte bewusst Selbstliebe üben und meine Sinnlichkeit zum Vorschein bringen. Daher habe ich mir ein festes Ziel gesetzt: 40 Tage lang täglich meinen Körper vorm Duschen zu massieren und beobachten was das mit mir macht.

Bereits nach einer Woche habe ich eine deutliche Veränderung gespürt. Mein Körpergefühl und meine Haltung waren plötzlich ganz anders. Ich habe festgestellt, dass ich selbstbewusster in der Öffentlichkeit auftrete. Es war erstaunlich, daher kann ich diese Selbstliebe-Übung sehr empfehlen. Duschen gehen wir eh jeden Tag. Und sich dabei fünf Minuten Zeit für die Berührung des eigenen Körpers zu nehmen, führt sehr schnell zu Entspannung. Ich habe mir damals sogar eine Checkliste geschrieben zum Abhaken für jeden Tag. Das hat mich dazu gebracht es wirklich jeden Tag zu machen. Für mich hat dieses Ritual ganz viel verändert.


War das dein Aha-Moment, um Venus Moments zu starten? Was bedeutet denn Selbstliebe für dich persönlich?


Ganz genau. Endlich das Selbstbewusstsein zu finden, um all meine innere Schönheit und meine Sinnlichkeit nach außen zu tragen. Dieses Erlebnis der eigenen Selbstliebe möchte ich mit anderen teilen. Für mich der Startpunkt von Venus Moments. Zu meiner Arbeit als Hair- und Make-up Artistin eine großartige Ergänzung. Ich möchte dazu inspirieren einen anderen Blick auf Schönheit und das eigene Selbst zu werfen. Man kann sich die Selbstliebe auch vorstellen wie eine Art Brücke. Wie komme ich mit Selbstliebe auf die andere Seite?

Selbstliebe bedeutet für mich die eigene Haut und den gesamten Körper anzunehmen. Die negative Selbstbetrachtung hört auf. Übungen helfen dabei. Und je öfter wir üben, umso leichter finden wir Selbstliebe. Dennoch sollten wir nicht zu hart zu uns selbst sein. Wenn es auf Anhieb nicht funktioniert, ist das okay. Durch unsere Leistungsgesellschaft sind wir konditioniert, dass wir immer sehr streng mit uns sind. Das mit der Selbstliebe soll Spaß machen und es darf leicht sein. Mein Tipp: Akzeptieren und öfter mal „Ich liebe mich“ sagen.


Fotos: Martina Trepczyk



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Sabine Reiter ist erfolgreiche Hair & Make-up Artist für Mode, Kosmetik & Magazine. Sie arbeitete unter anderem für Vogue, YSL, Life Ball, Glamour und VIU. Sabine ist auch Gründerin der Online Masterclass Venus Moments. Sie möchte damit erinnern Rituale, Kreativität und Selbstliebe bewusst für sich zu praktizieren. Venus Moments steht für Momente in denen man seinen eigenen Körper zelebriert, genießt und diese in den Alltag einfließen lässt. Selbstliebe ist die stärkste und direkteste Liebe die du je erhalten kannst.

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