Die Vermessung des Glücks

von Christine Klimaschka

2020, was für ein Jahr! Ein Jahr, das viele von uns geprüft, herausgefordert und um viele Erkenntnisse reicher gemacht hat. Jeder hat dabei seine ganz individuellen Erfahrungen gemacht. Und am 31. Dezember werden sich die Menschen weltweit wieder ein “Glückliches Neues Jahr” wünschen. Aber was bedeutet das eigentlich, glücklich? Als uns kürzlich jemand den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer aus dessen "Aphorismen zur Lebensweisheit" zitierte: "Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns selbst, und unmöglich es anderswo zu finden." dachten wir uns "Einspruch!“ und machten uns auf die Suche nach dem Glück.

Kleeblatt Glück myGiulia

Eine befreundete Psychologin meinte vor kurzem in einem Gespräch: "Noch nie waren wir so reich, so gesund, so wohl genährt und so gut gebildet wie heute… und noch nie waren wir so unglücklich." Sie bezog sich damit auf die Tatsache, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen mittlerweile der dritthäufigste Grund für Arbeitsunfähihgkeit in Deutschland sind (Statista Studie Dezember 2020).


Die Frage, die sich nun stellt ist: "Was beeinflusst denn Glück und Wohlbefinden wirklich? Welche Bedeutung hat Glück in der Gesellschaft 2020? Lässt sich Glück überhaupt messen und wenn ja, dann wie?"


Bücher, TED Talk & Coaches über Glück & Happiness stehen seit Jahren hoch im Kurs. Doch welchen Einfluss das Thema Wellbeing und Happiness hat und wie groß das Interesse am Thema Glück und Wohlbefinden ist, zeigt uns das Vorlesungsverzeichnis der Eliteuniversitäten Harvard und Yale. Die populärste Vorlesung in der über 300-jährigen Geschichte von Yale hat den Titel: „The Science of Well Being“. 2018 initiierte Laura Santos, Professorin für Psychologie, diesen Kurs und bietet ihn mittlerweile wegen der unglaublich großen Nachfrage auch auf coursera.org an, Stand heute: über drei Millionen Anmeldungen. Ein ebenso durchschlagender Erfolg war der Kurs von Professor Tal Ben-Shahar in Harvard. „Positive Psychology 1504“ wird dort als beliebtester Kurs in die Geschichte von Harvard eingehen.


Was beeinflusst unser Glück?

Glück ist ein allgemeines subjektives Empfinden von positiven Gefühlen. Es gibt viele Einzelfaktoren, die unser individuelles Glück beeinflussen. Laut ProfessorTal Ben-Shahar können diese in drei Kategorien zusammengefasst werden:Im Durchschnitt sind 50 Prozent unseres Glücks abhängig von unseren Genen, 10 Prozent von externen Faktoren (zum Beispiel sozialer Status, das Land in dem man geboren wird, kindliche Erziehung). 40 Prozent allerdings sind abhängig von den Entscheidungen, die wir treffen. Also, obwohl die Kapazität zur Möglichkeit des Glücksempfindens zu einem gewissen Anteil vererbt wird, bedeutet das nicht, dass wir durch unsere DNA limitiert sind. Mit der richtigen Einstellung und Übung können wir unser Glück tatsächlich selbst in die Hand nehmen.


Die Frage danach, wie Wege zu einem glücklichen Leben und besseren psychischen Lebensbedingungen gewiesen werden können, führte Ende der 1990er Jahre zur Entstehung der Positiven Psychologie. Die positive Psychologie hat zum Ziel, die Wissenschaft der Psychologie zu vervollständigen, indem sie vernachlässigte Bereiche erforscht und sich beispielsweise mit Charakterstärken, Tugenden, Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, positiven Emotionen und Talenten befasst. Professor Martin Seligman von der University of Pennsylvania, ist der Gründervater der positiven Psychologie und hat zum Thema Glück eine klare Meinung: „Menschen wollen viel mehr vom Leben als bloß nicht unglücklich zu sein, sie wollen Wohlbefinden.“ Seligmans Forschung zum Thema Wellbeing und Positive Psychologie haben ihn zu einem der bekanntesten und populärsten Psychologen weltweit gemacht.


Eine sehr interessante Erkenntnis wurde von der Harvard University veröffentlicht.

In einer 80 jährigen Langzeitstudie über die Entwicklung von Erwachsenen entdeckten die Wissenschafter, dass enge Beziehungen deutlich größeren Einfluss auf Langzeitglück haben als, Erfolg oder finanzielle Sicherheit. Die Studie zeigt deutlich, dass vertrauensvolle tiefgründige Beziehungen Menschen vor Lebensunzufriedenheit beschützen, geistigen und körperlichen Verfall deutlich reduzieren und viel zuverlässigere Vorzeichen für ein langes und glückliches Leben sind, als sozialer Status, IQ oder Genetik. George Vaillant, Mitglied des Forschungsteams der Harvard University:

“When the study began, nobody cared about empathy or attachment. But the key to happy aging is relationships, relationships, relationships.”

Die Ökonomie des Wohlbefindens

Thomas Jefferson, 3. Präsident der USA und einer der Autoren der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, hat schon Ende des 18. Jahrhunderts klar erkannt: “Die Sorge um das Leben und das Glück … ist das erste und einzig legitime Ziel einer guten Regierung.“


Kaum mehr als 200 Jahre später werden das Wohlbefinden und Glück der Bevölkerung als wichtige und messbare Kennzahl von internationalen Organisationen und nationalen Regierungen anerkannt und man hat sich endlich darauf geeinigt, dass nicht alleine der materielle Wohlstand (BIP) als Kennzahl dienen darf. 2019 veröffentlichte das World Economic Forum einen Bericht "Why the future of well-being isn't about money". Sie stützen sich dabei auf Forschungsprojekte, die potenzielle Happiness-Levels bis 2050 prognostizieren. Dabei spielen nicht-materielle Faktoren, wie soziale Unterstützung, Freiheit, Fairness eine größere Rolle als finanzielle Faktoren. Ihre Empfehlung ist es, das Wohlbefinden der Bevölkerung so gut es geht zu verbessern, indem politische Entscheidungsträger über Wirtschaftskennzahlen hinaus nicht-materielle Einflussfaktoren mitberücksichtigen sollten.

„Wir brauchen ein neues Paradigma für die Wirtschaft, welches die Gleichwertigkeit der drei Nachhaltigkeitssäulen beachtet. Wohlergehen in punkto Sozialem, Wirtschaft und Umwelt sind nicht voneinander zu trennen. Zusammen definieren sie das globale Brutto-Glück.“ Ban Ki-Moon UNO-Generalsekretär.

Mit dem Internationalen Tag des Glücks (am 20. März) will die UN Anerkennung gegenüber Staaten zum Ausdruck bringen, die Wohlstand auf eine Art und Weise messen, die über den materiellen Wohlstand hinausgeht.


Die Bedeutung und der Stellenwert von Glück (Happiness) und Wohlbefinden (Wellbeing) hat sich mittlerweile weltweit in den sozialen und politischen Diskurs katapultiert und mit der Entwicklung wissenschaftlich fundierter Messungen hat das Thema Happiness und Wellbeing Einzug gehalten in die politisch-soziale Schwerpunktsetzung vieler Staaten.


Die OECD hat Richtlinien entwickelt, welche die besten Ansätze aufzeigen, um das subjektive Wohlbefinden zuverlässig und konsistent messen zu können. Und es gibt bereits Staaten, die umdenken.


Als erstes Land der Welt hat das Königreich Bhutan einen weltweit einzigartigen Schritt gesetzt. Anstelle des BIP (GDP) als Erfolgsmesser für die Entwicklung des Landes wurde das Bruttoinlandsglück (GNH Gross National Happiness) in der Verfassung verankert. Als Grundlage dient der Nationale Glücksindex, der in Form einer Befragung 2008, 2010 und 2015 durchgeführt wurde. Das Ergebnis im GNH Survey Report wird angeben mit: 91,2 % der Bevölkerung Bhutans sind einigermaßen, ausgiebig oder zutiefst glücklich.


Neuseeland hat im Oktober 2019 das erste Wellbeing Budget verabschiedet und wendet nicht mehr allein das BIP (GDP) als Maßstab für die Entwicklung des Landes an. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sagte dazu, sie hoffe: „… dass mit diesem Schritt die Basis gelegt wird, nicht nur für ein Wellbeing Budget, sondern für einen völlig anderen Zugang zu Entscheidungsfindungen der Regierung im Allgemeinen.“


Im Oktober 2019 hat auch der Rat der Europäischen Union die Aufforderung an alle Mitgliedsstaaten verfasst, dass „die Menschen und ihr Wohlbefinden in das Zentrum der politischen Gestaltung gerückt werden sollen.“ Die Förderung des Wohlergehens der Bürger ist ein zentrales Ziel der EU und hat in den letzten zehn Jahren auf der sozialpolitischen Agenda an Bedeutung gewonnen. Dieser Erklärung vorangegangen war unter dem EU Ratsvorsitz von Finnland 2019 ein Vorstoß, Wellbeing Politik und Wirtschaftspolitik nicht länger voneinander zu trennen.


Dass die Schwerpunktsetzung auf Wellbeing auch messbare Ergebnisse zeigt, belegt der World Happiness Report. Bewohner in 150 Ländern werden dazu befragt, wie glücklich sie sich fühlen, wenn sie ihr eigenes Leben evaluieren. Es geht in dem Bericht also um das subjektive Wohlbefinden. „Der World Happiness Report hat sich als unverzichtbares Instrument für politische Entscheidungsträger erwiesen, die besser verstehen möchten, was Menschen glücklich macht, und damit das Wohl ihrer Bürger fördern wollen", sagte Jeffrey Sachs. "Immer wieder sehen wir, dass die Gründe für das Wohlbefinden gute soziale Unterstützungsnetzwerke, soziales Vertrauen, ehrliche Regierungen, sichere Umgebungen und ein gesundes Leben sind."


Professor John F. Helliwell von der University of British Columbia, Mitautor des Berichts, fasst die Erkenntnisse zusammen: "In einem glücklichen sozialen Umfeld, sei es in der Stadt oder auf dem Land, fühlen sich die Menschen zugehörig, vertrauen einander und genießen ihre gemeinsamen Institutionen. Sie sind auch belastbarer, weil gemeinsames Vertrauen Belastung und Schwierigkeiten verringert und dadurch die Ungleichheit des Wohlbefindens verringert wird."


Für die neugierigen unter euch, hier das aktuelle Ranking der 20 glücklichsten Länder der Welt: Finnland, Dänemark, Schweiz, Island, Norwegen, Holland, Schweden, Neuseeland, Luxemburg, Österreich, Kanada, Australien, Vereinigtes, Königreich, Israel, Costa Rica, Irland, Deutschland, USA, Tschechien, Belgien


Und wie kann ich mein Glück nun beeinflussen?

Laut Lyubomirsky, Sheldon, and Schkade (2005), sind wir glücklicher, wenn wir positive Gefühle spüren (Freude, Spass), wenn wir sagen können, dass wir zufrieden sind (was meistens zusammenhängt mit positiven Erfahrungen in unseren Beziehungen, in der Arbeit und unserer persönlichen Entwicklung). Zu guter letzt, fühlen glückliche Menschen seltener negative Gefühle wie Hass, Wut und Angst. Studien haben gezeigt, dass wir unser Glück beeinflussen können in der Art und Weise wie wir Situationen und Erlebnisse interpretieren und wie wir uns entscheiden, darüber zu denken und darauf zu reagieren.

“Happiness, more than anything, is a state of mind, a way of perceiving and approaching ourselves and the world in which we reside.” Sonja Lyubomirsky

Zum Abschluss noch eine augenzwinkernde Erinnerung an Glücksmomente aus der Jugend. Wer erinnert sich an "Herr Rossi sucht das Glück"?


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Mehr zu dem Thema Wellbeing in unserem Interview mit Dr. Elke Paul "Mit Wohlfühlfaktor zu Bildungserfolg"


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