Vielleicht bin ich einfach müde
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Text: Christina Kaiser
Ich habe ein Problem mit Nahrungsergänzungsmitteln.
Nicht, weil ich Kapseln nicht schlucken kann. Das kann ich durchaus. Zwei Schmerztabletten gleichzeitig? Kein Problem. Eine Antibiotikakur? Kriege ich hin.
Mein Problem ist psychologischer Natur.

Jedes Mal, wenn ich eine dieser Kapseln in der Hand halte, frage ich mich: Brauche ich das wirklich oder bin ich gerade Opfer einer sehr gut gemachten Instagram-Reels-Kampagne geworden?
Man kommt derzeit kaum noch daran vorbei. Öffnet man Social Media, begegnet einem spätestens nach drei Videos eine Frau, die erklärt, wie Magnesium ihr Leben verändert hat.
Wenn man lange genug zuhört, entsteht der Eindruck, dass sämtliche Probleme des modernen Lebens durch ausreichend Kapseln lösbar sind.
Müde? Magnesium.
Gestresst? Ashwagandha.
Schlechte Laune? Omega-3.
Keine Motivation? Wahrscheinlich Zinkmangel.
Existenzielle Krise? Vermutlich Vitamin D.
Natürlich bin ich nicht immun gegen solche Versprechen. In meiner Küchenlade wohnen Omega-3-Kapseln neben Eisenpräparaten. Vitamin D teilt sich ein Fach mit Magnesium. Irgendwo dahinter liegen Aminosäuren, die mir eine Freundin empfohlen hat, die seit ihrer Einnahme angeblich so leistungsfähig ist, dass sie vermutlich nebenbei noch ein Start-up gründen wird.
Ich kaufe die Sachen. Ich nehme sie ein paar Tage lang. Ich beobachte mich aufmerksam.
Fühle ich mich energiegeladener? Nein. Wacher? Nein. Glücklicher? Auch nicht.
Die einzige Veränderung besteht darin, dass meine Küchenlade voller wird.
Einmal im Jahr sortiere ich dann halbvolle Dosen aus, deren Ablaufdaten mich vorwurfsvoll daran erinnern, dass ich an meiner Gesundheitsoptimierung Zweifel hege.
Vielleicht liegt das Problem darin, dass heutzutage jeder weiß, was ich brauche – außer ich selbst? Instagram weiß es. Meine Freundinnen wissen es. Podcasts wissen es. Die nette Apothekerin weiß es. Nur mein Körper hält sich mit konkreten Antworten erstaunlich zurück.
Vielleicht ist aber genau das der Grund, warum mich Nahrungsergänzungsmittel so faszinieren und gleichzeitig misstrauisch machen. Sie versprechen etwas, wonach wir uns alle sehnen: eine einfache Antwort. Eine Erklärung dafür, warum wir müde sind.
Warum wir morgens nicht aus dem Bett kommen.
Warum wir ständig das Gefühl haben, hinterherzulaufen.

Vielleicht ist es Vitamin D.
Vielleicht Eisen.
Vielleicht Magnesium.
Es wäre jedenfalls beruhigend. Denn die Alternative ist komplizierter. Vielleicht sind wir nicht erschöpft, weil unserem Körper etwas fehlt? Vielleicht sind wir erschöpft, weil wir zu viel tragen.
Zu viele Aufgaben.
Zu viele Erwartungen.
Zu viele Tabs gleichzeitig geöffnet – auf dem Laptop und im Kopf.
Eine Kapsel wäre dafür eine wunderbar einfache Lösung. Man schluckt sie morgens mit einem Glas Wasser und kann darauf hoffen, dass sie all das richtet, was sich über Jahre angesammelt hat. Stress, Mental Load, zu wenig Schlaf, zu wenig Pausen, zu viele Verantwortungen. Die schlechte Nachricht lautet: Dafür gibt es vermutlich kein Nahrungsergänzungsmittel. Die gute Nachricht lautet: Vielleicht muss ich deshalb auch nicht jede neue Wunderkapsel kaufen.
Vor einigen Wochen habe ich beschlossen, dem Ganzen auf den Grund zu gehen und eine Ärztin aufzusuchen, die sich mit Mikrobiom, Hormonen und den komplexen Zusammenhängen unseres Körpers beschäftigt. Während ich diesen Text schreibe, liegen vor mir ein Speicheltest, ein Stuhltest und die Überweisung für ein Blutbild.
Vielleicht finde ich tatsächlich so heraus, dass mir etwas fehlt.
Vielleicht finde ich aber auch heraus, dass mein Körper die ganze Zeit versucht hat, mir etwas anderes zu sagen.
Nicht: „Kaufe Supplements.“
Sondern: „Du bist müde.“
Und vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis von allen.
Dass man Erschöpfung manchmal nicht wegschlucken kann. Die wichtigsten Hebel sind die, die man nicht verkaufen kann. Und die einem auch niemand abnehmen kann. Schlaf, Bewegung, Ernährung, Stressregulation, soziale Beziehungen – wir kennen die Säulen seit Jahrzehnten. Trotzdem suchen wir ständig nach der Abkürzung.
Deshalb habe ich immer noch ein Problem mit Kapseln.
Noch immer nicht damit, sie herunterzuschlucken.
Sondern mittlerweile mit der Hoffnung, die wir in sie hineinlegen und die Verantwortung, die wir versuchen, damit abzugeben.


