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Stephanie Lamezan-Salins „Manche Dinge brauchen Zeit“

vor 10 Stunden
5 Min. Lesezeit
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TEXT & INTERVIEW: CHRISTINA KAISER



Stephanie Lamezan-Salins Augarten Porzellan
Stephanie Lamezan Salis - Geschäftsführerin der Augarten Porzellan Manufaktur


„Ein kurzer Abstecher in die Werkstätten tut gut und erinnert mich daran, dass manche Dinge Zeit brauchen – gerade dann, wenn etwas wirklich Besonderes entstehen soll.“

Porzellan, das weiße Gold. Für viele ist Augarten untrennbar mit den Glasvitrinen ihrer Großmütter verbunden: mit fein bemalten Teetassen im berühmten Rosenmuster, elegant geschwungenen Formen und kunstvoll gearbeiteten Figuren. Seit 1718 steht die Wiener Porzellanmanufaktur für meisterhaftes Kunsthandwerk, höchste Qualität und zeitlose Eleganz. Doch wie führt man eine Marke mit einer über 300-jährigen Geschichte in die Zukunft? Wie gelingt es, ihr Image behutsam zu modernisieren, jüngere Zielgruppen anzusprechen und dabei die eigene Herkunft nicht nur zu bewahren, sondern selbstbewusst weiterzutragen?


Im Gespräch mit Stephanie Lamezan-Salins, die 2024 die Geschäftsführung der Manufaktur übernommen hat, wird deutlich, wie sie diesen Spagat meistern möchte. Mit ihrer Erfahrung im Consumer Marketing und Management verfolgt sie das Ziel, das kostbare Erbe von Augarten zu bewahren und zugleich neue Impulse zu setzen. Denn auch die Vorstellung von Luxus wandelt sich: Nicht mehr allein Status und Exklusivität stehen im Vordergrund, sondern zunehmend die Wertschätzung von Handwerk, Qualität, Design und Individualität. Mit überraschenden Produktkreationen wie dem Porzellan-Croissant und Kooperationen mit zeitgenössischen Designerinnen öffnet sich Augarten neuen Generationen, ohne seine gestalterischen Wurzeln und seinen kompromisslosen Qualitätsanspruch aus dem Blick zu verlieren.


Wie viel Veränderung verträgt Tradition? Welche Rolle spielen Geduld, Vertrauen und Leidenschaft in der Führung? Und was können Frauen, die Bestehendes neu denken wollen, aus ihren Erfahrungen mitnehmen? Stephanie Lamezan-Salins spricht über Markenführung im Wandel, die Kraft authentischer Entscheidungen und die Kunst, Bewährtes mit neuen Ideen zu verbinden. Dabei zeigt sich: Manchmal ist Geduld nicht nur eine Tugend, sondern eine wesentliche Voraussetzung dafür, etwas wirklich Wertvolles entstehen zu lassen.


„Porzellan ist eine Diva.“

Du hast 2024 die Verantwortung für eine Manufaktur mit über 300 Jahren Geschichte übernommen. Was hast du bewusst als Erstes verändert – und was wolltest du unbedingt bewahren?


Die Verantwortung für ein Unternehmen wie Augarten zu übernehmen, ist Privileg und Herausforderung zugleich. Seit Jahrhunderten wird in Wien Porzellanhandwerk auf höchstem Niveau gelebt und weltweit geschätzt. Meine oberste Priorität ist es daher, dieses Kulturgut zu bewahren und insbesondere den Mitarbeiter und ihrer langjährigen Erfahrung mit großem Respekt zu begegnen.

Gleichzeitig braucht auch ein traditionsreiches Unternehmen neue Impulse, um relevant zu bleiben. Deshalb habe ich das Schloss Augarten mit neuen Veranstaltungsformaten bewusst stärker nach außen geöffnet, um noch mehr Wiener für unsere Manufaktur und die besondere Handwerkskunst zu begeistern. Auch in unserer Produktpalette haben wir innovative Akzente gesetzt, um jüngere Zielgruppen anzusprechen – mit sehr positiver Resonanz. Porzellanobjekte wie das Croissant oder die ganz neu lancierte Artischocke erfreuen sich großer Beliebtheit und zeigen, wie sich traditionelle Handwerkskunst zeitgemäß interpretieren lässt.




Mitarbeiterinnen bei der Handarbeit in der Manufaktur im 2. Bezirk in Wien | Foto: Augarten Wien



In deinen Werkstätten arbeiten Menschen, die ihr Handwerk seit Jahrzehnten perfektionieren. Was hast du von ihnen über Geduld, Qualität und den Werkstoff Porzellan gelernt?


Ich habe viel gelernt, vor allem über Geduld, die nicht unbedingt zu meinen größten Stärken zählt. (lacht) Porzellan ist ein anspruchsvolles Material, und der aufwendige Herstellungsprozess braucht einfach seine Zeit. Wir sagen bei Augarten gerne: „Porzellan ist eine Diva.“ Und das trifft es ziemlich gut. Nicht immer gelingt alles auf Anhieb. Dann heißt es tüfteln und weiter ausprobieren.

Besonders beeindruckt mich die Ruhe und Sorgfalt, mit der unsere Handwerker in der Produktion arbeiten. Für mich ist das ein schöner Kontrast zum oft hektischen Büroalltag. Ein kurzer Abstecher in die Werkstätten tut gut und erinnert mich daran, dass manche Dinge Zeit brauchen – gerade dann, wenn etwas wirklich Besonderes entstehen soll.


Augarten blickt auf eine lange Tradition der Zusammenarbeit mit Gestalterinnen zurück – von Ena Rottenberg über LUCY.D bis hin zu Barbara Palatin-Doyle. Was verbindet diese Frauen? Und welche Künstlerin würdest du gerne als Nächste in die Manufaktur einladen?


Es gehört seit jeher zur Geschichte unserer Manufaktur, bewusst den Austausch mit Künstler und Designer zu suchen. Umso mehr freue ich mich über die Zusammenarbeit mit Barbara Palatin-Doyle und zuletzt auch wieder mit Lucy D. Diese Frauen verbindet ein großartiges Gespür für Form und eine große Leidenschaft für den Werkstoff Porzellan. Gerade die Formbarkeit und Vielseitigkeit des Materials eröffnen immer wieder neue gestalterische Möglichkeiten und Perspektiven.

Für nächstes Jahr haben wir bereits zwei vielversprechende Designprojekte in Vorbereitung. Zu viel darf ich dazu noch nicht verraten, aber so viel sei gesagt: Eine aufstrebende Designerin wird dabei sein. Wir freuen uns schon sehr darauf, die neuen Kooperationen vorzustellen!


Für die Kollektion Charta Alba hat Barbara Palatin-Doyle gemeinsam mit Augarten Papier in Porzellan übersetzt. Wie ist ein solches Stück entstanden, und wie haben deine Handwerker auf die Idee reagiert?


Das Großartige an unseren Mitarbeiter ist, dass durch ihre langjährige Erfahrung, ihr handwerkliches Können und ihre unglaubliche Präzision so vieles möglich wird. Ich wage sogar zu behaupten, dass Charta Alba in dieser Form in kaum einer anderen Manufaktur hätte entstehen können.

Ausgangspunkt war ein Papiermodell, von dem zunächst ein Gipsabguss angefertigt wurde. Darauf folgte ein 3D-Druck, bevor das Modell im Formenbau weiter verfeinert wurde.

Natürlich stoßen außergewöhnliche Ideen anfangs auch auf eine gewisse Skepsis. Genau das macht die Zusammenarbeit so spannend: Aus anfänglichen Zweifeln entwickeln sich Neugier, Ehrgeiz und der Anspruch, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. So entstehen besondere Stücke wie Charta Alba.




Zeitgenössische Porzellankunst in Zusammenarbeit mit Studio Palatin | Foto: Augarten Wien



Wie entsteht bei Augarten eine Kollaboration? Woran merkst du im Gespräch, ob eine Zusammenarbeit das richtige Potenzial hat?


Bei der Auswahl unserer Kollaborationen bin ich sehr sorgfältig. Die Entwicklung eines Künstlerprojekts erfordert viel Zeit, Kreativität und handwerkliche Kapazitäten – gleichzeitig muss unsere laufende Produktion gewährleistet bleiben. Deshalb muss das Gesamtpaket stimmen: die künstlerische Idee, die gemeinsame Vision und nicht zuletzt die Persönlichkeit des Menschen dahinter.

Da ein solcher Prozess oft viele Monate in Anspruch nimmt, spielt für mich auch die persönliche Sympathie eine entscheidende Rolle. Schließlich möchten wir die Projekte am Ende mit Freude und Stolz gemeinsam präsentieren.


Du hast einmal gesagt, das Unikat sei der wahre Luxus. Besitzt du selbst ein Unikat, das dir besonders am Herzen liegt? Und welche Geschichte verbindest du damit?


In einer Welt, in der so vieles auf Knopfdruck verfügbar und nahezu alles reproduzierbar ist, gewinnt die persönliche Note natürlich an Bedeutung. Dabei muss ein Unikat nicht unbedingt teuer sein. Oft sind es gerade die kleinen, persönlichen Gesten, die etwas besonders wertvoll machen.

So habe ich beispielsweise in meinem Büro einen Kaffeebecher, den meine Kolleg mit einer liebevollen Botschaft für mich gestaltet haben. Daraus trinke ich morgens meinen Kaffee und freue mich jedes Mal aufs Neue darüber.




300 Jahre Tischkultur. Kreationen aus der Augarten Manufaktur | Foto: Augarten Wien



Was rätst du Frauen, die etwas Bestehendes neu denken möchten – sei es einen Familienbetrieb, eine Traditionsmarke oder die eigene Karriere?


Leidenschaft und Authentizität sind für mich der Schlüssel zu den richtigen Entscheidungen. Die Aufgaben, die im Unternehmen täglich anstehen, erfordern viel Energie. Dabei hilft mir meine Leidenschaft, auch in anspruchsvollen Phasen durchzuhalten und immer wieder neue Motivation für wichtige Projekte zu finden.

Um Augarten in die richtige Richtung zu führen, versuche ich, die Geschichte und Tradition der Manufaktur mit den heutigen Anforderungen und Ansprüchen zu verbinden. Gerade in der Produktentwicklung kann das sehr gut gelingen. Gleichzeitig ist es entscheidend, dass die Identität und die Werte der Marke stets spürbar bleiben.







 
 

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