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Sexualität und Selbstliebe als Mutter

INTERVIEW: CHRISTINA KAISER


Kaum jemand spricht über die Phase im Sexleben einer Frau, wenn sie Mutter wird. Sobald eine Frau Kinder hat, wird sie von ihrem Arzt bzw. ihrer Ärztin darüber informiert, wann es in Ordnung ist, wieder Sex zu haben – und das war's dann meist auch schon. Keine weiteren Informationen darüber, wie Mutterschaft ihre Sexualität beeinflussen könnte, körperlich und psychisch.


Schwangere Frau zieht sich aus Foto Pamela Russmann | myGiulia
Foto: Pamela Rußmann

Mutter zu sein bringt viele Fragen mit sich, was die Kinder betrifft, zum Beispiel in Hinblick auf gesundes Wachstum, Ernährung, Erziehung. Im Gegensatz dazu bleiben die Fragen, die uns Mütter selbst beschäftigen, wie unsere eigene körperliche und psychische Veränderung, meist unbeantwortet. Wir haben mit Sarah Forbes, Anthropologin, Buchautorin und Mutter über Mama-Sex gesprochen und wie Sexualität und Selbstliebe unsere innere Balance und unser Wohlbefinden als Frau beeinflussen.


Wieso glaubst du, dass man über dieses Thema mehr sprechen sollte?


Ich bin ja Anthropologin und war über 10 Jahre Kuratorin des Sexmuseums in New York City. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Sex eine viel größere Perspektive aufzeigt, als die meisten glauben. Es geht dabei nicht nur darum, was unser Körper tut, sondern vor allem um unsere erotischen Vorstellungen und welche Phantasien daraus entstehen. Meine Hypothese ist, dass wir vor einer Revolution stehen, einem Wendepunkt in der Wahrnehmung von Frauen in Bezug auf Sex. Im Vergleich zur Generation unserer Mütter sind wir aufgewachsen mit dem Bewusstsein „sexueller Befriedigung", ganz nach dem Bild, das uns von SEX AND THE CITY vorgelebt wurde. Allerdings steht dieses sexuelle Selbstbewusstsein noch im Konflikt mit den kulturellen Wertvorstellungen der Gesellschaft.


Mama-Sex ist ein großes Tabuthema, obwohl unsere Generation kaum noch Tabuthemen hat!





Wie beeinflusst dieses Tabu uns Frauen?


Die meisten Kulturen haben sehr unterschiedliche Bilder von der Frau als Mutter und der Frau als sexuell aktiver Mensch. Im Fernsehen sind es junge Frauen mit knackigen Körpern, die als anziehend, sexy dargestellt werden; wann wird da schon mal eine 40-jährige Mutter in erotischen Szenen gezeigt? Das entspricht nicht dem gesellschaftlichen Bild. Der Status „Mutter" macht uns immer noch unsexy, allerdings sollte man schon noch sexy genug sein für seine*n Partner*in. Aber Vorsicht, zu sexy heißt dann wieder schnell, dass man seine Kinder vernachlässigt und keine gute Mutter sein kann! Für unsere Generation baut sich dadurch enormer Druck auf, weil wir fühlen, dass sexuelle Befriedigung unser ganzes Leben begleiten wird, es zum Zeitpunkt der Mutterschaft dann aber plötzlich zu einem Konflikt kommt.



Aber steht jede Mutter in diesem Konflikt?


Meine Arbeit brachte es mit sich, dass mich, seit ich vor 9 Jahren selbst Mutter geworden bin, sehr viele Mamas zu diesem Thema angesprochen haben. Als junge Mutter war mir nicht bewusst, dass all die Fragen, die ich selber hatte, anscheinend auch vielen anderen Sorgen bereiteten. Lange dachte ich, ich wäre die Einzige mit diesen Problemen, ich war gestresst mit meiner neuen Aufgabe, mit dieser großen Lebensumstellung. Erst einige Jahre nach der Geburt meines ersten Kindes wurde mir bewusst, dass ich nicht allein war mit all diesen Fragen über die Veränderungen meines Körpers und meiner Psyche. Ich war also doch kein Alien!

Beschwerden und Unwohlsein und folgend Veränderung unserer Sexualität kann man auf viele Symptome zurückführen. Frauen erleben das sehr unterschiedlich, und auch unterschiedlich intensiv.


  • Schmerzen und Veränderungen der Vulva und Vagina

  • Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper (Schwangerschaftsstreifen, weniger straffe Brüste, breitere Hüften, Hautveränderung, Haarausfall, schlaffe Bauchdecke und vieles mehr)

  • hormonelle Veränderungen, die den Körper, unseren Zyklus und unsere Psyche wesentlich beeinflussen können

  • Müdigkeit und Erschöpfung

  • psychische Belastung: unter anderem Depression, Gefühl der Überforderung, Angstzustände, Verlustängste


Wichtig dabei ist auch zu betrachten, dass man Mutter in ganz unterschiedlichen Lebensphasen sein kann. Eine Mutter mit achtzehn macht dabei oft ganz andere Erfahrungen als eine 45-jährige Mutter.


Denn Mutterschaft ist extrem vielfältig, es gibt nicht die eine Mutterversion. Da spielt der Beziehungsstatus mit (z. B. Partnerschaft oder Single), die Ausbildung, die sexuellen Erfahrungen vor der Mutterschaft, die eigene Erziehung und vieles, vieles mehr!


Stillende Mutter im Bett | Foto Pamela Russmann | myGiulia
Foto: Pamela Rußmann


Und wie können wir unserer Generation helfen, besser und offener mit dem Thema umzugehen?


Was ich an den Inhalten über Sex und Mama-Sex oft kritisiere, ist, dass es immer zu einseitig betrachtet wird. Der Zugang zu sagen „Das sind die 5 Dinge, die dein Sexleben wieder anheizen" funktioniert so nicht, weil Sexualität als Ganzes zu betrachten ist und eben sehr individuell ist. Es sollte eine viel tiefgründigere Diskussion sein, die unterschiedliche Lebensstile, kulturelle Hintergründe, bisherige sexuelle Erfahrungen oder eigene Vorlieben berücksichtigt. Und man sollte sich selbst und seine Bedürfnisse viel besser kennenlernen, das ist natürlich nicht einfach. Wir nehmen uns nicht die Zeit, unsere Sexualität zu erkunden.


In den meisten Gesellschaften ist es nicht selbstverständlich, all die unterschiedlichen Aspekte der eigenen Sexualität zu erkunden, vor allem nicht mit der Einstellung, dass Sexualität sich über unterschiedliche Lebensphasen kontinuierlich verändert.

Als Mensch entwickeln wir uns stetig weiter, so sollte natürlich auch unser Sexleben sich weiterentwickeln. Das darf man nicht ignorieren! Die Devise ist „Nimm dir Zeit und erfinde dich neu, immer und immer wieder!"



Aus Kindern werden irgendwann Erwachsene, die nicht mehr zu Hause wohnen. Was passiert dann mit Mama und Sex?


Wir müssen über Sexualität als Teil einer langfristigen Wellness-Strategie nachdenken. Du würdest nicht 18 Jahre warten, um mit einer Veränderung zu beginnen, die deine Gesundheit erheblich verändern könnte, oder? Das Gleiche sollte auch für die Pflege dieses wichtigen Aspekts unseres Lebens gelten.

Während das Muttersein für immer bleibt, gibt es nur eine kurze Zeit, in der die Kinder uns intensiv brauchen und wollen, dass wir ihre ganze Welt sind. Ich denke, dass ihre wachsende Autonomie genauso wichtig ist wie unsere. Deshalb glaube ich, dass der Gedanke, unsere Lust bis zu einem späteren Zeitpunkt aufzuschieben, uns nicht zu besseren Müttern macht. Wenn überhaupt macht es uns zu Vorbildern für etwas sehr Beunruhigendes – nämlich, dass unsere mütterliche Persönlichkeit irgendwie weniger wichtig ist. 

Unsere Sexualtriebe und Wünsche werden im Laufe der Zeit manchmal weniger und auch wieder mehr da sein, das ist ganz natürlich, da sich einerseits unsere Hormone verändern und auch Beziehungen unterschiedliche Stadien durchlaufen, aber es wäre unfair uns Müttern gegenüber, diesen Aspekt des Wohlbefindens zu ignorieren, der genauso kontinuierliche Pflege braucht wie alle anderen Teile unserer Gesundheit.



Welche Rolle dabei spielt der*die Partner*in?


Natürlich darf man bei dieser Diskussion nie vergessen, dass unsere Partner eine sehr entscheidende Rolle spielen. Die Stigmen, die die Gesellschaft Müttern auferlegt, müssen beseitigt werden, jedoch sollte das nicht nur von uns Frauen ausgehen. Vor allem auf der individuellen Ebene ist es sehr wichtig, Männer in das Gespräch einzubeziehen und auch sie nach ihren Bedürfnissen zu befragen. Wenn wir jetzt an ein heterosexuelles Paar denken, dann spielt hier auch die neue „Männlichkeit" hinein, nämlich wie heute Männer die Rolle der Frau in der sexuellen Beziehung sehen, und selbstverständlich auch, wie sie speziell Mütter dabei betrachten. Es ist nicht selten, dass Väter zu ihren Partnerinnen sagen: „Du bist jetzt Mutter, ich kann dich nicht mehr anders sehen!” Wir leben immer noch in einer Patriarchie, und unsere Gesellschaft hat in Bezug auf das Muttersein noch lange keine Gleichberechtigung erreicht. Das kann sehr frustrierend sein, weil viele von uns in einer gewissen Form von Gleichberechtigung aufgewachsen sind.





Was hast du aus der Recherche zu deinem Buch „Mama Sex" gelernt?


Als ich vor all den Jahren anfing zu schreiben, fühlte es sich an, als wäre es meine Mission, von den Dächern zu schreien, dass Mama-Sex ein wichtiges kulturelles Thema ist, das erforscht werden muss. Ich habe über meine Recherche und viele Gespräche gesehen, dass immer mehr Menschen die harte und dringend benötigte Arbeit der Mama-Sexrevolution übernehmen – wie Doulas und Hebammen, die positive Geburtserlebnisse unterstützen, Beckenbodenspezialist*innen, die so vielen helfen, postnatale Schmerzen zu lindern, Sexualtherapeut*innen, die uns durch die emotionalen und identitätsbezogenen Minenfelder dieser neuen Rolle führen, und Trainer*innen und Pädagog*innen, die systemische Stigmatisierung bekämpfen.



Was würdest du Müttern ganz allgemein raten?


Mutterschaft beginnt bereits mit dem Moment ein Kind zu wollen. Und schon hier kann dein Sexleben sich sehr verändern. Sex nach einem strikten Kalender, anti-akrobatischer Schwangerensex oder erschöpfter Sex als neue Eltern fühlt sich meist anders an als die allererste aufregende Nacht mit deinem Partner. Das Bewusstsein zu stärken und zu akzeptieren, dass es andere, neue Phasen in unserem Sexleben geben wird und die Erwartungshaltung zu ändern ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt ist Frauen die Plattform für wichtige Informationen zu diesem sehr vielfältigen Thema zu geben.


Ich denke, es ist wichtig, Frauen das Gefühl zu geben, nicht alleine mit ihren Zweifeln, Sorgen und Gedanken zu sein. Es gibt so viele unterschiedliche Disziplinen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen; die meisten Frauen wissen allerdings nicht, dass ihr Problem gelöst werden kann, geschweige denn, an wen sie sich wenden können.

Man muss nicht mit vaginalen Schmerzen oder Inkontinenz, oder einem Geburtstrauma nach einer Geburt leben. Viele Mütter fühlen sich auch „zu viel berührt" durch die ständige Nähe ihrer Kinder und haben keine Reserven für körperliche Berührung ihres Partners.


Ich denke, der Ausgangspunkt jeder Mutter sollte sein: Wie geht es meiner Gesundheit, wie fühlt sich mein Körper, wie meine Psyche an? Als ich Mutter wurde, hatte ich keine Ahnung, was normal ist und was nicht. Da gibt es plötzlich so viel Ungewissheit und Unwissen.

Es ist schockierend, wie viel Baby- und Schwangerschaftsliteratur es gibt, jedoch keinen Ratgeber, der sich mit der Mutterschaft als Ganzes beschäftigt, nämlich die körperliche und psychische Veränderung einer Frau ab dem Zeitpunkt des Kinderwunsches.

Vielleicht sollten wir Frauen uns nicht nur Babykleidung zur Geburt schenken, sondern lieber eine Beratung bei einer Beckenbodenspezialistin, einer Stillberaterin oder einer Frauentherapeutin. Denn die ganze Verantwortung in die Arme des Gynäkologen bzw. der Gynäkologin zu legen, ist unfair. Diese müssten zu viele Hüte tragen. Es gibt viele Spezialist*innen, die man auch in späteren Phasen der Mutterschaft konsultieren kann und sollte.



Anmerkung der Redaktion: Dieser wurde erstmals im September 2020 veröffentlicht und im Februar 2024 aktualisiert und überarbeitet.


 

Im Gespräch mit


Sarah Forbes | Sexualität als Mutter | myGiulia

Sarah Forbes war über eine Dekade die Kuratorin des Museum of Sex in New York City. Die studierte Anthropologin hat sich auf den sozio-kulturellen und geschichtlichen Hintergrund von Sex spezialisiert. Weiters ist sie Autorin, Keynote Speakerin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder.


Mehr Informationen findest du auf Sarahs Instagram oder auf ihrer Website: www.mamasexbook.com









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