Sexualität und Selbstliebe als Mutter

Kaum jemand spricht über die Phase im Sexleben einer Frau, wenn sie Mutter wird. Sobald eine Frau Kinder hat, wird sie von ihrem Arzt darüber informiert, wann es in Ordnung ist, wieder Sex zu haben ... und das ist es normalerweise. Keine weiteren Informationen darüber, wie Mutterschaft ihre Sexualität beeinflussen könnte, körperlich und psychisch. Mutter zu sein bringt viele Fragen mit sich was die Kinder betrifft, zum Beispiel gesundes Wachstum, Ernährung, Erziehung, meistens jedoch bleiben im Gegensatz dazu die Fragen, die uns Mütter selbst beschäftigen, wie unsere eigene körperliche und psychische Veränderung, unbeantwortet.

Wir haben mit Sarah Forbes, Anthropologin, Buchautorin und Mutter über Mama Sex gesprochen und wie dieses so wichtige Thema unsere innere Balance und unser Wohlbefinden als Frau beeinflusst.


Wieso glaubst du, dass man über dieses Thema mehr sprechen sollte?

Ich bin ja Anthropologin und war über 10 Jahre Kuratorin des Sexmuseums in New York City. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Sex eine viel größere Perspektive aufzeigt, als die meisten glauben. Es geht dabei nicht nur darum was unser Körper tut, sondern vor allem um unsere erotischen Vorstellungen und welche Phantasien daraus entstehen. Meine Hypothese ist, dass wir vor einer Revolution stehen, einem Wendepunkt in der Wahrnehmung von Frauen in Bezug auf Sex. Im Vergleich zur Generation unserer Mütter sind wir aufgewachsen mit dem Bewusstsein "sexueller Befriedigung", ganz nach dem Bild, das uns von SEX AND THE CITY vorgelebt wurde. Allerdings steht dieses sexuelle Selbstbewusstsein noch im Konflikt mit den kulturellen Wertvorstellungen der Gesellschaft.

Mama Sex ist ein großes Tabuthema, obwohl unsere Generation kaum noch Tabuthemen hat!

Wie beeinflusst dieses Tabu uns Frauen?

Die meisten Kulturen haben sehr unterschiedliche Bilder von der Frau als Mutter und der Frau als sexuell aktiver Mensch. Im Fernsehen sind junge Frauen mit knackigen Körpern anziehend, sexy dargestellt, wann wird da schon mal eine 40-jährige Mutter in erotischen Szenen gezeigt? Das entspricht nicht dem gesellschaftlichen Bild. Der Status "Mutter" macht uns immer noch unsexy, allerdings sollte man schon noch sexy genug sein für seinen Partner/Partnerin. Aber Vorsicht, zu sexy heisst dann wieder schnell, dass man seine Kinder vernachlässigt und keine gute Mutter sein kann! Für unsere Generation baut sich dadurch enormer Druck auf, weil wir fühlen, dass sexuelle Befriedigung unser ganzes Leben begleiten wird und dann plötzlich kommt es zu einem Konflikt.


Aber steht jede Mutter in diesem Konflikt?

Meine Arbeit brachte es mit sich, dass mich, seit ich vor 9 Jahren selber Mutter geworden bin, sehr viele Mamas zu diesem diesem Thema angesprochen haben. Als junge Mutter war mir nicht bewusst, dass all die Fragen, die ich selber hatte, anscheinend auch vielen anderen Sorgen bereiteten. Lange dachte ich, ich wäre die einzige mit diesen Problemen, ich war gestresst mit meiner neuen Aufgabe, mit dieser großen Lebensumstellung. Erst einige Jahre nach der Geburt meines ersten Kindes wurde mir bewusst, dass ich nicht allein war mit all diesen Fragen über die Veränderungen meines Körpers und meiner Psyche. Ich war also doch kein Alien!

Beschwerden und Unwohlsein und folgend Veränderung unserer Sexualität kann man auf viele Symptome zurückführen. Frauen erleben das sehr unterschiedlich, und auch unterschiedlich intensiv.

  • Schmerzen und Veränderungen der Vulva und Vagina

  • Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper (Schwangerschaftsstreifen, weniger straffe Brüste, breitere Hüften, Hautveränderung, Haarausfall, schlaffe Bauchdecke und vieles mehr)

  • Hormonelle Veränderungen, die den Körper, unseren Zyklus und unsere Psyche wesentlich beeinflussen können

  • Müdigkeit und Erschöpfung

  • psychische Belastung: unter anderem Depression, Gefühl der Überforderung, Angstzustände, Verlustängste

Wichtig dabei ist es auch zu betrachten, dass man Mutter in ganz unterschiedlichen Lebensphasen sein kann. Eine Mutter mit achtzehn macht dabei oft ganz andere Erfahrungen als eine 45-jährige Mutter.

Denn Mutterschaft ist extrem vielfältig, es gibt nicht die eine Mutterversion. Da spielt der Beziehungsstatus mit (z-B. Partnerschaft oder Single), die Ausbildung, die sexuellen Erfahrungen vor der Mutterschaft, die eigene Erziehung und vieles, vieles mehr!

Und wie können wir unserer Generation helfen besser und offener mit dem Thema umzugehen?

Was ich an den Inhalten über Sex und Mama-Sex oft kritisiere ist, dass es immer zu einseitig betrachtet wird. Der Zugang zu sagen "Das sind die 5 Dinge, die dein Sexleben wieder anheizen" funktioniert so nicht, weil Sexualität als Ganzes zu betrachten ist und eben sehr individuell ist. Es sollte eine viel tiefgründigere Diskussion sein, die unterschiedliche Lebensstile, kulturelle Hintergründe, bisherige sexuelle Erfahrungen oder eigene Vorlieben berücksichtigt. Und man sollte sich selbst und seine Bedürfnisse viel besser kennen lernen, das ist natürlich nicht einfach. Wir nehmen uns nicht die Zeit unsere Sexualität zu erkunden.

In den meisten Gesellschaften ist es nicht selbstverständlich all die unterschiedlichen Aspekte der eigenen Sexualität zu erkunden, vor allem nicht mit der Einstellung, dass Sexualität sich über unterschiedliche Lebensphasen kontinuierlich verändert.

Als Mensch entwickeln wir uns stetig weiter, so sollte natürlich auch unser Sexleben sich weiterentwickeln. Das darf man nicht ignorieren! Die Devise ist "Nimm dir Zeit und erfinde dich neu, immer und immer wieder!"


Welche Rolle dabei spielt der Partner?

Natürlich darf man bei dieser Diskussion nie vergessen, dass unsere Partner eine sehr entscheidende Rolle spielen. Die Stigmen, die die Gesellschaft Müttern auferlegt, müssen beseitigt werden, jedoch sollte das nicht nur von uns Frauen ausgehen. Vor allem auf der individuellen Ebene ist es sehr wichtig Männer in das Gespräch einzubeziehen und auch sie nach ihren Bedürfnissen zu befragen. Wenn wir jetzt an ein heterosexuelles Paar denken, dann spielt hier auch die neue "Männlichkeit" hinein, nämlich wie heute Männer die Rolle der Frau in der sexuellen Beziehung sehen und selbstverständlich auch wie sie speziell Mütter dabei betrachten. Es ist nicht selten, dass Väter zu ihren Partnerinnen sagen: “Du bist jetzt Mutter, ich kann dich nicht mehr anders sehen!” Wir leben immer noch in einer Patriarchie, und unsere Gesellschaft hat in Bezug auf das Muttersein noch lange keine Gleichberechtigung erreicht. Das kann sehr frustrierend sein, weil viele von uns in einer gewissen Form von Gleichberechtigung aufgewachsen sind.


Was würdest du Müttern ganz allgemein raten?

Mutterschaft beginnt bereits mit dem Moment ein Kind zu wollen. Und schon hier kann dein Sexleben sich sehr verändern. Zum Beispiel Sex nach einem strickten Kalender, anti-akrobatischer Schwangerensex oder erschöpfter Sex als neue Eltern, fühlt sich meist anders an als die allererste aufregende Nacht mit deinem Partner. Das Bewusstsein zu stärken und zu akzeptieren, dass es andere, neue Phasen in unserem Sexleben geben wird und die Erwartungshaltung zu ändern ist der erste Schritt.


Der zweite Schritt ist Frauen die Plattform für wichtige Informationen zu diesem sehr vielfältigen Thema zu geben.

Ich denke es ist wichtig Frauen das Gefühl zu geben nicht alleine mit ihren Zweifeln, Sorgen und Gedanken zu sein. Es gibt so viele unterschiedliche Disziplinen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, die meisten Frauen wissen allerdings nicht, dass ihr Problem gelöst werden kann, geschweige denn an wen sie sich wenden können.

Man muss nicht mit vaginalen Schmerzen oder Inkontinenz, oder einem Geburtstrauma nach einer Geburt leben. Viele Mütter fühlen sich auch "zu viel berührt" durch die ständige Nähe ihrer Kinder und haben keine Reserven für körperliche Berührung ihres Partners.


Ich denke, der Ausgangspunkt jeder Mutter sollte sein, wie geht es meiner Gesundheit, wie fühlt sich mein Körper und meine Psyche an? Als ich Mutter wurde hatte ich keine Ahnung was normal ist und was nicht. Da gibt es plötzlich so viel Ungewissheit und Unwissen.

Es ist schockierend wie viel Baby- und Schwangerschaftsliteratur es gibt, jedoch keinen Ratgeber der sich mit der Mutterschaft als Ganzes beschäftigt, nämlich die körperliche und psychische Veränderung einer Frau, ab dem Zeitpunkt des Kinderwunsches.

Vielleicht sollten wir Frauen uns nicht nur Babykleidung zur Geburt schenken, sondern lieber eine Beratung bei einer Beckenbodenspezialistin, einer Stillberaterin oder einer Frauentherapeutin. Denn die ganze Verantwortung in die Arme des Gynäkologen/der Gynäkologin zu legen ist unfair. Diese müssten zu viele Hüte tragen. Es gibt viele Spezialisten, die man auch in späteren Phasen der Mutterschaft konsultieren kann und sollte.



Unsere Expertin




Sarah Forbes war über eine Dekade die Kuratorin des Museum of Sex, in New York City. Die studierte Anthropologin hat sich auf den sozio-kulturellen-geschichtlichen Hintergrund von Sex spezialisiert. Weiters ist sie Autorin, Keynote Speakerin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder.



Mehr Informationen findest du auf Sarahs Instagram oder auf ihrer Website: www.mamasexbook.com





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