Die Reiselust

von Eszter Julia Ambrózi


Mit der Ankunft der wärmeren Temperaturen meldet sich bei vielen auch dieses altbekannte Gefühl. Man möchte etwas Neues sehen, weg aus den Schauplätzen des täglichen Lebens, Tapetenwechsel.


Man sitzt abends vor dem Computer, in Arbeit versinkend, weiß nicht, wo man anfangen soll und sucht plötzlich Flüge nach Überall und Jederzeit. Eskapismus vom Feinsten.

Aber was erhoffen wir uns davon?


Koffer packen Reiselust myGiulia

Eskapismus - bitte einmal weg


Ich denke an meine Reise nach Sizilien letztes Jahr. Nach wochenlangen Überstunden und Freizeitstress war ich urlaubsreif und folgte der Einladung eines Freundes nach Palermo. Es waren nur ein paar Tage, die ich fern von meinen täglichen Aufgaben verbrachte, ein paar Tage in der Sonne, mit Pizza und Gelato am Meer.


Aber ich erinnere mich genau an einen Moment, als ich im Meer schwamm, das Wasser war wundervoll warm, kristallklar und schien endlos. Ich war im Vergleich winzig. Meine Sorgen, die ganzen To-Dos, die zu Hause auf mich warteten, all das war im Vergleich so winzig. Ich war überwältigt von der Schönheit dieses endlosen Wassers und fühlte mich plötzlich vollkommen erleichtert. Als hätte mir jemand ein Gewicht von den Schultern genommen. Ich durfte mir ein paar Tage lang keine Sorgen machen und mich einfach nur über die Schönheit dieses neuen Ortes freuen. Und das war genau das, was ich gebraucht hatte.


“Unglaublich, wie gut so ein Ausflug tun kann.”

Es meldet sich aber gleichzeitig ein kleines Schuldgefühl.


Seitdem es Billigflüge gibt, ist Reisen zugänglicher und einfacher geworden, als je zuvor. Das hat zwar seine Vorteile, ist aber ohne Frage keine nachhaltige Entwicklung. Nicht selten findet man Flüge für den Preis eines Tages-Tickets für die U-Bahn. Das bedeutet auf der einen Seite, dass mehr Menschen in den Genuss beliebter Reiseziele kommen, auf der anderen Seite aber auch, dass sich diese Reiseziele verändern. Sie passen sich den Bedürfnissen der Reisenden an. Wir brauchen Busse zu abgelegenen Stränden, Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Nachtleben.

Bei berühmten Fotospots, die auf Instagram wie abgelegene Geheimtipps aussehen, steht man mit der Kamera Schlange. Es wird zunehmend schwerer, wirklich unberührte Natur zu finden.





Wofür reisen wir?


Ich schließe das Fenster mit den Flugtickets wieder.

Heißt das, wir sollten komplett aufhören, zu reisen? Lieber doch kein Kurztrip…?


Mein Leben wäre sicher ganz anders verlaufen, wenn ich nicht so viel gereist wäre. Ich bin mit 19 für ein Jahr nach Australien gezogen, später nach Paris, habe Europa und Brasilien alleine bereist und pendle jetzt oft zwischen Wien, Budapest und Paris. Das Reisebudget war immer klein, also musste ich erfinderisch sein. Autostopp und Couchsurfing standen an der Tagesordnung.

Dieser Art des Reisens verdanke ich viel von meiner Persönlichkeitsentwicklung, denn man lernt in solchen Situationen, schnell wichtige Entscheidungen zu treffen und sich auf sich selbst zu verlassen. Aber nicht nur das. In Brasilien und Frankreich habe ich Portugiesisch und Französisch gelernt. Ohne dort zu sein, hätte ich es vielleicht nie geschafft.


Es ist in der heutigen Zeit unvorstellbar, auf alle Reisen zu verzichten. Der Tourismussektor ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige der Gegenwart und trug 2018 rund 10,4 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei. Etwa jede/jeder zehnte Angestellte auf der Welt hat einen Job, der im direkten Zusammenhang mit dem Tourismus steht.


Reisen ist ein wichtiger und fixer Bestandteil unserer globalisierten Welt und vielerorts, vor allem in Schwellenländern, eine wichtige Grundlage für Einkommen und Beschäftigung. Vielmehr stellt sich die Frage: Wie können wir uns den Auswirkungen unserer Reisen bewusst werden, unser Reiseziel achtsam erkunden und unsere eigenen, von zu Hause gewohnten Bedürfnisse hinter die Begebenheiten des Ortes stellen?


Maria Kapeller, Buchautorin & Reisebloggerin, stellt folgende Überlegung an “Hat der Mensch das Paradies naiv für einen Urlaubsort gehalten, an dem er sich bedienen und an dem er sich bereichern kann, nur zum eigenen Genuss, achtlos und ohne Demut?” und bezieht sich dabei auf den reise-bewandten Philosoph Klaus Kufeld, der in seinem aktuellen Buch "Rückkehr zur Utopie. Philosophische Szenarien" ein ganzes Kapitel dem Thema des Reisens widmet.


Er weist auf das „touristische Dilemma“ hin:


Indem wir ein Land bereisten („cover a country“) und entdecken („discover“), würden wir es zugleich mit unseren Bedürfnissen bedecken.

„Die ethische Maxime könnte dann lauten: Nimm an der Welt teil und lass es dir dabei gut gehen, achte aber darauf, dass du auch zu ihrem und nicht nur deinem Nutzen beiträgst“, formuliert es Klaus Kufeld.


Bewusstes Reisen und dessen Vorteile


Bevor wir die erstbeste Flugdestination buchen, die uns entgegen springt, stellen wir uns eventuell einmal ganz bewusst die Frage: Was wünsche ich mir von dieser Reise?





Staunen und Herausforderungen meistern

Neue Erfahrungen haben einen großen Effekt auf unser Gemüt. Ob es ein wild tosender Wasserfall im Dschungel von Bali ist, das Beobachten von Gorilla Familien in Uganda, oder der erstmalige Besuch von Angkor Wat: Staunen und Begeisterung setzen Glückshormone frei. Aber auch erfolgreich gemeisterte Herausforderungen wie Sprachbarrieren oder fehlende Orientierung können uns Selbstbewusstsein geben.

Reisen verbindet

Egal ob wir Einheimische oder andere Reisende treffen, diese Begegnungen ermöglichen es Menschen mit anderen Sichtweisen, neuen Ideen und anderen Erfahrungen kennen zu lernen. Ein bisschen Offenheit gehört natürlich dazu. Manchmal entsteht daraus sogar die große Liebe, Freundschaft fürs Leben, oder ein neuer Businesskontakt.

Detox für Körper und Geist

Der nötige Abstand zum kleinen Mikrokosmos, der sich Zuhause nennt, gibt manchen Menschen die besten Ideen, neue Sichtweisen auf ungelöste Probleme und oft auch Mut zu großer Veränderung. Vielleicht ist es doch besser, den Job zu kündigen?

Fehlt die nötige Internetverbindung, oder man nutzt den Urlaub bewusst für Internet-Detox, findet man plötzlich Zeit, sich ganz auf sich, den Partner/in oder seine Kinder zu konzentrieren.

Immer mehr Menschen verbinden ihre Arbeit mit dem Urlaub. Sogenannte “workations” sind voll im Trend. Gewünscht ist Inspiration und Erholung zu verbinden. Manche organisieren sich das individuell, fahren in ein abgelegenes Hotel um ihr Projekt fertig zu machen, oder neue Ideen zu brainstormen. Andere buchen gezielt ein Hotel, wie das Miramonte, welches sich auf diese Art von Erholung spezialisiert hat, oder nutzen gar exklusive Angebote inklusive Programm & Networking, wie zum Beispiel das Retreat von m.stories

“Wer unterwegs ist, kann etwas erzählen.”

Was uns die Pandemie über das Reisen gelehrt hat


Unberührte Natur und Wälder gibt es auch nur eine kurze Zugfahrt von zu Hause entfernt. Auch das Meer muss nicht immer eine Flugreise entfernt sein. Immer mehr Menschen versuchen, sich mit einer Reise körperlich oder geistig herauszufordern. Eine meiner besten Freundinnen wandert gerade mit nichts als einem Zelt und einem Rucksack von Mexiko nach Kanada. Eine andere Freundin ist letzten Sommer aus Wien nach Salzburg gewandert. Einfach, um den Weg zu genießen. Der Weg selbst wird zur Reise und zum Abenteuer.


Erkunden wir also auch die Möglichkeiten vor unserer Haustür.

Was können wir hier tun, das uns inspiriert, den Atem raubt, entspannt oder herausfordert?


Das Fenster mit den Flugtickets habe ich für heute geschlossen.

Also diesmal kein Kurztrip.

Aber ich möchte Entspannung, den Kopf frei kriegen.

Da fällt es mir ein; seit Jahren möchte ich mit dem Fahrrad um den Plattensee fahren.

Das mache ich!



 

Unsere Autorin


Eszter Julia Ambrozi

Eszter Ambrózi wuchs zwischen Wien, Budapest und dem Plattensee auf, bevor es sie in die weite Welt hinauszog. Nach einigen Jahren im Ausland und einer abgeschlossenen Ausbildung als Übersetzerin und Dolmetscherin, geht sie nun ihrem Kindheitstraum eines Schauspielstudiums nach.


Wenn am Rande noch Zeit bleibt, arbeitet Eszter als Fotografin, Regisseurin und Model an kreativen Projekten in Wien und Paris.


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Fotocredit: Harald Schwack




 

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Noch mehr Inspiration findest du auf Instagram @mygiulia_de