Minimalismus als Lebensstil: Rebecca Lina im Interview

von Christina Kaiser


Wenn du an Minimalismus denkst, ist das Bild vor dir weiße oder neutrale Farbpaletten und leere Räume? Teilweise stimmt das natürlich, aber nicht alle Minimalisten leben in Tiny Houses, oder reduzieren sich auf 100 weltliche Besitztümer. In unserer Kultur, in der vor allem in den letzten 50 Jahren übertriebener Materialismus von vielen Seiten als Maßstab für Erfolg und Glück bewundert wurde, unterstützt von einer unerbittlichen Medien- und Werbeindustrie, sind viele von uns aufgewachsen und geprägt worden zu viel zu konsumieren.

Minimalismus-Elfenkindberlin-MyGiulia

Demgegenüber steht der Hauptgrundsatz des Minimalismus: den Konsum zu reduzieren und das Glück woanders als in Besitzgütern zu suchen. Der Grund: ein einfacheres, nachhaltigeres, umweltbewusstes Leben mit weniger Schulden und dem zusätzlichen Vorteil, im Einklang mit der Natur leben zu können.


Joshua Becker, Minimalist und Bestsellerautor von “The more of less” beschreibt den Vorteil von Minimalismus so: “Embracing minimalism brings freedom from the all-consuming passion to possess. It steps off the treadmill of consumerism and dares to seek happiness elsewhere.”


Vielleicht ist es für die meisten von uns nicht möglich, so weit zu gehen und als Minimalst*in zu leben, aber ein erster Schritt ist es, die Vorteile dieser Denkweise aus psychologischer, finanzieller und ökologischer Sicht zu erkennen. Psychologisch, da wir es dadurch schaffen können materielle Besitztümer nicht mehr mit Glück gleichzusetzen, finanziell, weil wir dadurch weniger kaufen würden und so Geld sparen, ökologisch, weil wir so nachhaltig Ressourcen sparen, weniger Müll produzieren und langfristig unsere Umwelt schützen können.


Die Schauspielerin, Designerin, Bloggerin & Autorin Rebecca Lina ist Minimalistin. Auf ihrem Instagram Account @elfenkindberlin teilt sie ihre Liebe zur Natur, wie Minimalismus und Familie funktioniert und wie ein schlichtes Zuhause trotzdem gemütlich sein kann. Uns hat sie einen sehr persönlichen Einblick gegeben in ihren Alltag und ihre Gedanken zum einfachen, reduzierten Leben.


Du wirkst sehr naturverbunden, auf das Wesentliche fokussiert, nachdenklich, überlegt und gleichzeitig ästhetisch sehr anspruchsvoll. Wie würdest du dich selbst beschreiben?


Also tatsächlich ist es genauso, wie du mich beschrieben hast, ich bin super minimalistisch, versuche aber trotzdem so eine Gemütlichkeit reinzubringen. Also für mich ist es wichtig, dass wir hier nicht so einen Minimalismus haben, im Sinne von, man darf eigentlich nichts anfassen und sich hinsetzen und eigentlich ist es total ungemütlich. Ich bin immer bestrebt, es auch gemütlich zu haben. Das wiederum schaffe ich dadurch, dass ich, wie du auch gesagt hast, so naturverbunden bin, weil ich immer diesen Rhythmus der Jahreszeiten mit ins Haus hole. Es sind dann zum Beispiel immer die Blumen hier, die auch draußen sind. Zum Beispiel in der Weihnachtszeit wird natürlich auch bei uns dekoriert. Alle anderen sagen immer: ”Total krass wenig, was ihr so habt!” Aber ehrlich gesagt, mir ist es immer schon fast zu viel. Das mache ich dann vor allem für die Kinder. Ich bin aber super froh, wenn ich im Januar alles abräumen kann. Das ist der Minimalismus, den ich lebe.


Rebecca Lina in ihrem Garten @elfenkindberlin Minimalistin | myGiulia


Gab es bei dir so einen Zeitpunkt, wo du für dich selber beschlossen hast, irgendwie noch bewusster zu leben in Richtung minimalistischen Lebensstil? Kannst du mir darüber etwas erzählen?


Ich glaube tatsächlich, ich war schon immer so. Also ich komme aus einer Familie, wo wirklich viel rumsteht. Meine Mama ist das Gegenteil von mir, bei ihr ist alles voll. Mein Zimmer sah aber schon immer minimalistisch aus, dass auch alle, die mich noch aus meiner Kindheit kennen, sagen: “Es ist so lustig, wie sich dein Stil überhaupt nicht verändert hat!”

Also mein Jugendzimmer ist vom Stil her genauso wie meine Studentenwohnungen gewesen und auch wie unser Haus heute ist. Es sind auch ganz viele Sachen von früher, die sind hier auch noch, weil ich halt immer wenig haben wollte. Wenn ich mich für ein Möbelstück entscheide, dann bleibt das. Zum Beispiel der Esstisch, an dem ich gerade sitze. Den habe ich lange gesucht, als wir hier ins Haus gezogen sind. Und dann habe ich den gefunden und es war klar, dieses Teil wird jetzt für immer hier sein und wird nicht wieder ausgewechselt.


Das ist etwas, was sich so durch mein Leben zieht, also wenn ich Dinge anschaffe, dann sind die für die Ewigkeit! Ich überlege auch ziemlich genau. Das macht ja manchmal auch diesen Minimalismus aus, dass man wirklich ganz bewusste Kaufentscheidungen trifft. Und dann kauft man sich auch viel, viel weniger.

Du bist ja in den 80ern und 90ern aufgewachsen und gehörst somit zur Discount Generation. Das heißt plötzlich gab es Dinge zu kaufen, die gut ausgesehen haben, aber auch super günstig waren. Und da war irgendwie dieser Drang: “Wow, das ist aber super und da können wir gleichzeitig Geld sparen!” Es fällt auf, dass gerade diese Generation nun wieder weg möchte vom Massenkonsum. Wann kam für dich dieser Wendepunkt, wo du gesagt hast, du möchtest dich auch bewusster und nachhaltiger mit der Natur auseinandersetzen, und deinem eigenen Konsumverhalten?


Da hast du recht, dass wir diese Wohlstands Discount Generation sind. Wir hatten ja auch immer alles, das ist ja wirklich krass gewesen und auch immer alles in Massen. Aber mich hat das tatsächlich als Kind schon gestört, auch wenn Sachen weggeschmissen wurden. Also ich glaube ich bin bereits mit diesem Bewusstsein auf die Welt gekommen. Ich bin auch relativ früh vegetarisch geworden, ich glaube mit sieben. Ich habe schon früh viele Dinge in Frage gestellt und drüber nachgedacht. Also die Einkaufswagen voll machen, das habe ich irgendwie nicht gemacht.


Ich bin bereits mit siebzehn alleine nach Bremen gezogen. Bremen war eine sehr linksliberale Stadt und habe da in einem Viertel gewohnt, (das heißt auch Viertel) mit total vielen Künstlern und Ökos. Da habe ich als Studentin gewohnt und wurde so von diesem Lebensstil beeinflusst, den ich auch irgendwie gut fand. Ich weiß noch, ich hatte einen Freund, der kam aus einer sehr wohlhabenden Familie, die hatten ein total schönes Haus und waren mega Ökos. Und wenn du mich jetzt fragst, wann vielleicht so ein ganz bewusster Bruch kam, dann war das so irgendwie in diesem Zeitraum zwischen siebzehn und zwanzig! Ich weiß noch, dass ich das immer so mit großen Augen beobachtet habe und irgendwie toll fand und irgendwie dachte “Ah, das ist das, wo ich mal irgendwann hin möchte!”


Ich bin halt so ein richtiges Landkind. Das heißt, ich glaube, wenn man auf dem Land aufwächst und wenn du nebenan die Bauernhöfe hast, dann kriegt man natürlich diesen ganzen Wechsel der Jahreszeiten als Kind auch schon ganz anders mit. Meine Großeltern hatten immer einen riesen Garten, das heißt mein ganzes Gartenwissen, habe ich eigentlich von meinen Großeltern. Weil ich das bei denen immer erlebt hab und sie haben sich immer den ganzen Sommer über aus ihrem Garten ern