Gut leben mit Migräne?

von Lisa Reinisch

Pulsierender Kopfschmerz, extreme Empfindlichkeit auf Licht und Lärm, anhaltende Übelkeit – so sehen die klassischen Symptome einer Migräneattacke aus. Weltweit leidet etwa eine Milliarde Menschen regelmäßig unter dieser unheilbaren Form von wiederkehrenden Kopfschmerzen. Kaum zu glauben aber wahr: Migräne ist die weltweit häufigste Gehirnerkrankung! Auf der allgemeinen Rangliste der Gesundheitsprobleme schafft sie es sogar auf Platz drei, gleich hinter Karies und Spannungskopfschmerzen.



Die Lebensqualität von Migräne-Patienten wird nicht nur durch die Attacken selbst geschmälert, die in schweren Fällen bis zu zehn Tagen andauern können; viele leiden außerdem zusätzlich unter dem mangelnden Verständnis ihrer Mitmenschen, sozialer (Selbst)Ausgrenzung und Karriere-Einbußen. Denn wer immer wieder einmal aufgrund von Migräne in den Krankenstand muss, bekommt vielleicht früher oder später Probleme mit dem Arbeitgeber.


Das Thema Migräne ist also nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein gesellschaftliches und wirtschaftliches. In Deutschland werden die direkten jährlichen Kosten für die medizinische Behandlung von Migräne auf etwa 500 Mio. Euro geschätzt. Die indirekten Kosten – also jene, die mit Arbeitsunfähigkeit und Produktivitätseinschränkungen zusammenhängen – werden auf das mehr als Zehnfache dieser Summe geschätzt.


Trotz der weiten Verbreitung und den hohen Kosten dieser Krankheit hapert es nach wie vor sowohl bei der Diagnose als auch bei der Therapie von Migräne. Auch heute noch wird dieses Leiden, das hauptsächlich Frauen betrifft, einerseits oft nicht richtig behandelt und andererseits oft nicht richtig ernst genommen. Wir fragen uns: geht das nicht besser?


Wir sprachen mit der Wiener Neurologin Dr. Med. Univ. Jasmin Kechvar darüber, ob und wie es sich mit Migräne gut leben lässt. Sie wünscht sich, dass mehr Menschen von den neuesten Erkenntnissen der Medizin profitieren könnten und setzt Hoffnung in die Zukunft der Migräneforschung.


Liebe Frau Dr Kechvar, was genau ist Migräne eigentlich?


Migräne ist eine neurologische Erkrankung, eine von ungefähr 200 verschiedenen Kopfschmerzformen. Es gibt verschiedene Ausprägungsformen: es gibt Migräne mit oder ohne Aura (mit oder ohne Wahrnehmungsausfällen), oder auch hemiplegische Migräne, das heisst mit Lähmungserscheinungen. Das kann natürlich die Lebensqualität und den Alltag extrem einschränken.

Frauen sind dreimal häufiger von Migräne betroffen als Männer.

Im Vergleich zu anderen Erkrankungen sind auch eher junge Menschen betroffen, denn Migräne kann schon im Kindes- und Jugendalter auftreten. Zwischen 30 und 50 gibt es die höchste Prävalenz.

Migräne ist weit verbreitet und bisher nicht heilbar. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Ja, Migräne ist eine Erkrankung, die einen durchs ganze Leben begleitet, das stimmt. Denn man kann sie zwar nicht heilen, aber man kann sie sehr gut behandeln. Die meisten haben dabei Übelkeit und Erbrechen, sind Lichtscheu und Lärmempfindlich, auch extreme Müdigkeit spielt eine Rolle. Eine Migräne läuft in Phasen ab. Nach der Vorbotenphase, kommt die akute Phase - also die Migräneattacke - und danach fühlen sich die meisten auch noch mindestens einen Tag richtig abgeschlagen und müde. Also für Patienten, die dieses Thema zehnmal im Monat haben, ist das schon ziemlich einschneidend.

Leider wird das oft so verharmlost. Im Volksmund heisst es dann: “Na gut, die hat halt Kopfschmerzen.” Wenn man mit Migräne keine Erfahrungen hat, kann man sich das nicht vorstellen.

Es leidet nicht nur die Lebensqualität sondern auch die Arbeitsfähigkeit: zu Müdigkeit und Konzentrationsschwäche kommen ja auch noch die Nebenwirkungen der einzunehmenden Medikamente.


Wenn man sich eine Weltkarte der Verbreitungsgebiete ansieht, konzentrieren sich die Fälle deutlich in den Industrieländern. Woran liegt das?


Einerseits ist es sicher eine Frage der Dokumentation, denn es hängt viel von den Datenbanken ab und auch wie diagnostiziert wird. In den Industrieländern ist sicher die Diagnostik besser und der Weg zum Facharzt für Neurologie einfacher. Ein zweiter Punkt ist vielleicht eine gewisse Häufung aufgrund von Gen-Mutationen und der Häufigkeit der Auslösefaktoren.


Migräne wird oft als “Frauenproblem” beschrieben. Liegt das ausschliesslich am weiblichen Hormonhaushalt oder gibt es auch andere Faktoren?

Nein, es geht nicht nur um den Hormonhaushalt. Er spielt zwar eine Rolle, wie ein Trigger, zum Beispiel für die peri-menstruelle Migräne, aber es gibt auch Formen die ganz unabhängig davon sind. Man weiss, dass Menschen aufgrund von genetischen Mutationen dazu tendieren. Deswegen gibt es auch richtige “Migräne-Familien”, wo Vater, Mutter und Kinder darunter leiden.


Welche Mittel gegen Migräne sind Ihrer Erfahrung nach besonders wirksam?


Ganz wichtig ist, dass man für eine umfassende Abklärung zu einem Facharzt geht, bevor man irgendwelche Medikamente nimmt. Ich kenne viele, die einfach in die Apotheke gehen, sich Schmerzmedikamente holen und dann, weil sie nicht richtig helfen, sehr viel davon nehmen. Das bringt nicht nur nichts, es kann sogar schädlich sein. Nicht steroidale Antirheumatika wie Voltaren, zum Beispiel, sollte man nicht nehmen. Also der Weg zum Neurologen ist enorm wichtig.


Bei der Erstdiagnose sollte dann immer ein MR gemacht werden. Danach wird der Patient “eingestellt”, dafür gibt es einen medikamentösen Stufenplan, der mit Schmerzmedikamenten wie Metamizol, Aspirin und Mexalen anfängt. Die zweite Stufe sind dann spezielle Migräne-Medikamente, sogenannte Triptane. Diese werden injiziert oder per Nasenspray verabreicht.


Wenn ein Patient an mehr als zehn Tagen im Monat an Migräne leidet, sprechen wir von einer chronischen Migräne – das gibt es leider auch. Hier kommt die dritte Stufe zum Einsatz: diese Patienten bekommen eine Prophylaxe, das sind gewisse Betablocker, Antidepressive und Epileptika. Wenn das noch nicht reicht, gibt es als nächste Stufe die Injektion mit Botox. Der Vorteil hier besteht darin, dass man für drei Monate eine deutliche Reduktion der Attacken erzielen kann, ohne Medikamente schlucken zu müssen.


Wenn sonst nichts hilft gibt es seit Neuestem auch den Migräne-Pen. Das ist eine Antikörper-Injektion, die man sich alle vier Wochen selbst spritzt. So etwas wird aber nur eingesetzt, wenn man vorher alles andere ausprobiert hat.


Wie sieht es mit den Kosten für die neuesten Therapien aus? Gibt es so etwas wie den Migräne-Pen per Kasse?


Ja, allerdings nur wenn alles genau dokumentiert ist. Dann ist so ein Pen auch von der Krankenkasse gedeckt. Das gleiche gilt auch bei Migräne-Behandlungen mit Botox. Die Verwendung von Botox in der Neurologie ist in Österreich, gerade im Vergleich mit der Schönheitsmedizin, glücklicherweise sehr gut geregelt: Da gibt es ein Verzeichnis von zertifizierten Ärzten, da muss man Fortbildungen und Workshops besuchen, und mindestens 500 Patienten behandelt haben – erst dann kriegt man dieses Zertifikat.


Man kann bei der Kasse also nicht eine Schönheitsbehandlung als Migränetherapie durchschmuggeln?


Nein! Denn bei der Faltenspritzung wird nur ganz wenig Botox injiziert und an ganz anderen Stellen.

Manche gehen ja zum Schönheitsmediziner und glauben, das hilft gegen Migräne. Das ist allerdings ein Blödsinn.

Botox-Injektionen gegen Migräne werden im Kopf-Nackenbereich verabreicht, dafür gibt es genau definierte Punkte und Dosierungen. Es ist allerdings an dieser Stelle sehr wichtig zu erwähnen, dass man, gerade bei chronischer Migräne, zusätzlich zur medikamentösen Behandlung ganz viel in Punkto Lebensstil, Schlaf, Ernährung, Ausdauersport und mentaler Gesundheit tun kann!

Was halten Sie von Ernährungsumstellungen wie zum Beispiel den Umstieg auf ketogene Ernährung, “Clean Eating” oder das Weglassen von Allergenen?


Was man weiss ist, dass histaminhaltige Lebensmittel Migräneattacken auslösen können – also zum Beispiel Wein, Schokolade, Käse, fermentierte Produkte. Wenn man auf die Ernährung achtet und gewisse Dinge weglässt, kann man schon einiges steuern. Zum Zusammenhang zwischen ketogener Ernährung und Migräne gibt es noch nicht genug Daten.


Intermittierendes Fasten ist derzeit angesagt. Ist das für Menschen, die zu Migräne neigen, überhaupt empfehlenswert?


Für die meisten Migränepatienten ist Fasten nicht gut, weil sie dann unterzuckert werden und das kann erst recht Migräneattacken triggern. Das muss man individuell entscheiden, ob das Sinn macht. Eine regelmäßige Ernährung, und das gesund, ist sicher von Vorteil. Überhaupt ist ein geregelter Tagesrhythmus bei Migräne sehr wichtig. Also, dass man sich daran gewöhnt, drei Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen, ein gewisses Ritual für den Schlaf hat. Auch die Flüssigkeitsaufnahme, also Wasser, Mineralwasser und Kräutertees, finde ich sehr wichtig.

1,5 bis zwei Liter am Tag wären ideal.


Auf Youtube gibt es jede Menge Videos mit Titeln wie “Yoga gegen Migräne” oder “Mit 5 Übungen Migräne schnell loswerden”. Gibt es Sportarten oder bestimmte Bewegungen, die gegen Migräne eine Wirkung zeigen?


In einer akuten Migräneattacke wird das sicher nicht gehen aber ergänzend und als Prophylaxe ist sicher Yoga zu empfehlen. Denn ein Trigger ist immer ein Spannungskopfschmerz. Mit Yoga, Ausdauersport und verschiedenen Übungen kann ich die Anzahl der Attacken verbessern.


Was würden Sie Frauen empfehlen, die sich schon seit Jahren mit wiederkehrender Migräne herumschlagen und auf der Suche nach neuen Lösungen sind?


Als erstes, unbedingt zum Facharzt für Neurologie gehen und gut abklären lassen, ob es wirklich Migräne ist. Zweitens: je nachdem, wieviele Kopfschmerztage sie im Monat hat, die passende Therapie finden, sowohl medikamentös als auch durch begleitende Lebensstilberatung. Wenn ich zum Beispiel jemand bin, der gleich früh morgens auf Vollgas arbeitet, muss ich mir gut überlegen ob Medikamente wie Betablocker, die Kreislaufschwächen auslösen können, das Richtige für mich sind. Auch bei Vorerkrankungen und Magen-Darmbeschwerden muss man die Prophylaxe schon sehr sorgfältig wählen.


Glauben Sie, dass man Migräne eines Tages heilen können wird?


Ich denke, es sind neurowissenschaftlich noch sehr viele Fortschritte zu erwarten. Ob es eine Heilung durch Medikamente geben wird, können wir heute nicht beantworten, aber auch nicht ausschließen. Ich glaube jedenfalls: wie bereits die letzten Jahre, wo neue Wirkstoffe bei Migräne eingesetzt werden konnten, als auch in Zukunft, werden noch weitere Behandlungen zur Prophylaxe und zur Reduktion der Attackenfrequenz u erwarten sein – sowie eine deutliche Besserung der Schmerzen!



Im Gespräch mit


Jasmin Kechzevar
Copyright: Evangelisches Krankenhaus

Dr. Med. Univ. Jasmin Kechvar ist seit 2016 Oberärztin der Neurologie am Evangelischen Krankenhaus Wien. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Wirkstoff Botulinumtoxin (allgemein bekannt als Botox), das seit den 1990ern auch gegen Migräne eingesetzt wird. Neben ihrer Privatpraxis betreibt sie derzeit ein neues Projekt namens NeuroSpa, welches Neurologie mit Wellness und Lifestyle verbindet. Als Zusatz zur schulmedizinischen Betreuung soll Patienten mit chronischen neurologischen Leiden durch Beratungsgespräche und Therapieeinheiten dabei geholfen werden, ihre Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu verbessern. Informationen dazu gibt es auf Instagram @neurospa.drkechvarjasmin





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