Verliebte Eltern

von Lisa Reinisch

Wenn zwei Menschen, die sich lieben, Eltern werden, verändert sich so Einiges. Von einem Tag auf den anderen mutiert der Alltag zu einem emotionalen und logistischen Spiessrutenlauf. Chronischer Schlafmangel und eine Umverteilung der gewohnten Rollen drücken auf das Beziehungsglück: plötzlich entdeckt man Seiten aneinander, die man lieber nicht kennengelernt hätte; plötzlich hat man fast vergessen, wie Verliebtsein überhaupt geht. Irgendwo zwischen vollen Windeln und leerem Kühlschrank, tief dunklen Augenringen und hell gellendem Babygebrüll geht der Leidenschaft die Luft aus.



Was es bräuchte ist klar: Optimismus, Toleranz und Empathie, und zwar jeweils auf olympischem Niveau. Doch wenn sich gerade mal wieder alles um den einen oder anderen Wonnebrocken in unserem Leben dreht, wenn die inneren Ressourcen gegen Null gehen, dann fällt es schwer, auch noch Zeit und Energie für romantische Hingabe oder mitreissende Gespräche aufzusparen.


Viel hängt davon ab, wie gut wir die notwendige Sisyphusarbeit meistern, immer und immer wieder die Balance zwischen den vielen widersprüchlichen Befindlichkeiten und Bedürfnissen herzustellen, die das Elternsein prägen. David Foster Wallace brachte es auf den Punkt: „Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.“


Kampf gegen die Zwickmühlen

Doch wie genau sollen diese Opfer aussehen? Immer voll und ganz für die Kinder da sein? Die eigenen Bedürfnisse total ausklammern? Alles nur das nicht!, riet der legendäre Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch Liebende Bleiben: Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken:

„Zweisamkeit ist Elternrecht. Das Beste, was Mütter und Väter für ihre Kinder tun können, ist, gut auf ihre Beziehung als Paar aufzupassen.“

Juul regte Eltern stets dazu an, die eigenen Ansprüche herunter zu schrauben und sich bewusst von der Vorstellung zu verabschieden, immer alles richtig zu machen. Wir wollen auf Biegen und Brechen alles unter einen Hut bekommen: Familie und Freunde, Beziehung und Selbstentwicklung, Haushalt und Karriere. Das Resultat? Natürlich jede Menge Stress – und das uns ständig begleitende Gefühl von Unzulänglichkeit.


Viele der Zwickmühlen, in denen sich Eltern wiederfinden, sind unumgänglich. Andere sind selbst gebaut. Die folgenden vier elterliche Zwiespalte werden einigen Mamas und Papas vertrauter sein, als ihnen lieb ist. Was uns aber besonders interessieren sollte: es gibt für jedes Dilemma verlässliche Strategien, die dabei helfen können, mit dem Thema “Kind da, Verliebtheit weg” umzugehen.


Zwickmühle 1: Schlafmangel versus Leidenschaft

Sex nach der Geburt ist für viele Paare wie ein exotisches, nur selten gesichtetes Wildtier. Eines, das vielleicht sogar vom Aussterben bedroht ist. In den ersten Wochen und Monaten nach der Entbindung gibt es für frisch gebackene Eltern einfach nichts ausser dem Baby und der radikalen Umstellung auf einen neuen Lebensabschnitt. Diese außergewöhnliche Zeit ist geprägt von viel körperlicher und emotionaler Nähe mit dem Baby – vor allem zwischen Mutter und Kind – jedoch deutlich weniger Intimität zwischen Vater und Mutter als vorher. In dieser Phase stellt ein ununterbrochenes Schläfchen nun einmal die größte Ekstase dar. Das ist normal und gut so.


Bis es sich erholt, braucht das Liebesleben von Neueltern einfach eine Weile. Ob und wann genau es wieder so zwischen den Laken knistert wie früher, ist sehr individuell und hängt stark davon ab, wie die Geburt verläuft und wie viel Pflege das Baby braucht. Gibt es bei der Entbindung Komplikationen oder hat man es mit einem Schreibaby zu tun, wird dieser Prozess länger dauern als wenn im Kreißsaal alles glatt läuft und der Nachwuchs schon bald die Nächte durch schläft.


So oder so: es tut gut, sich immer wieder gemeinsam bewusst zu machen, dass es wieder Zeit und Energie für Intimität geben wird. Die Wiedereroberung des Schlafzimmers verlangt jedoch Geduld. Immer an den Schneeleopard denken: der lässt sich auch nicht-mir-nichts-dir-nichts aus dem Unterschlupf locken.


Was viele nicht wissen: Elternsex kann richtig gut sein. Selbst wenn er im Voraus geplant ist oder, wegen dem schlafenden Kleinkind im Zimmer, geräuschlos stattfindet. Sind die Kinder alt genug, um in ihrem eigenen Zimmer zu schlafen oder hin und wieder eine Nacht bei den Großeltern zu verbringen, gibt es gleich viel mehr Möglichkeiten, nicht nur den versäumten Schlaf nachzuholen.


Zwickmühle 2: Dopamin versus Oxytocin

“Wählen Sie Dopamin anstelle von Oxytocin-Aktivitäten?” So titelte kürzlich ein Blog-Artikel auf der Webseite des Human Improvement Project. Dieses amerikanische Non-Profit-Unternehmen fördert das Wohlergehen von Kindern auf der ganzen Welt, indem es Eltern wissenschaftlich fundierte Anleitungen gibt, wie sich bessere, tiefere Beziehungen zu ihren Kindern und auch untereinander aufbauen und aufrechterhalten lassen. Durch zwei kostenlose Apps, “In Love While Parenting” und “The Happy Child”, die es mittlerweile in 15 Sprachen gibt, werden die neuesten Erkenntnisse der Familien- und Gehirnforschung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.


Dabei spielen die beiden oben genannten Hormone eine entscheidende Rolle. Oxytocin, das sogenannte “Kuschelhormon” sorgt bei Säugetieren wie uns Menschen nämlich für die Entstehung von emotionalen Bindungen aller Art, zum Beispiel zwischen Eltern und Kindern und auch zwischen Paaren. Außerdem wirkt Oxytocin dem Stresshormon Cortisol entgehen und, als ob das noch nicht genug wäre: ohne Oxytocin gäbe es auch keine Orgasmen. Man könnte es also auch das “Elternhormon” nennen.


Demgegenüber steht ein anderes, nicht minder aufregendes Hormon: Dopamin. Dopamin ist für alle möglichen Gehirnfunktionen essentiell. Denken, Bewegen und Schlafen aber auch Stimmung, Aufmerksamkeit und Motivation stehen in direktem Zusammenhang mit Dopamin. Früher dachte man, dass Dopamin hauptsächlich Freude und Genuss auslöst, und uns damit motiviert gewisse Dinge – wie Essen, Sex oder Drogen – immer wieder zu wollen. Heute weiss man, dass Dopamin nicht mit Sucht sondern vor allem mit Suche zu tun hat. Dopamin stimuliert unser Suchverhalten, es macht uns neugierig und treibt uns an, immer weiter nach neuen Ideen und Eindrücken Ausschau zu halten.


Was haben diese beiden Hormone nun mit mehr oder weniger verliebten Eltern zu tun? Wie sich herausstellt, jede Menge. Denn unsere Aufmerksamkeit ist im digitalen Zeitalter ein heiß umkämpftes Gut. Smartphones, Soziale Medien, Computerspiele und Bildschirm-Welten aller Art werden spezifisch dafür entwickelt, uns anzulocken und nicht wieder so schnell loszulassen.


Gerade die Kombination von Smartphone und sozialen Medien führt zu einer sogenannten “Dopaminschleife”: jedes Bild, jeder Link, jedes Like, jede Schlagzeile auf unserem Newsfeed geben uns einen kleinen Dopamin-Hit. Die Verknüpfung der Dopaminausschüttung im Gehirn mit einer konditionierten Bewegung, also dem Wischen mit dem Daumen, machen diese Schleife so unwiderstehlich. Die Entwickler von sozialen Medien wissen nur zu gut, was es mit Dopamin auf sich hat und setzten diese Dynamik gezielt ein.


Oxytocin hingegen, bringt den Tech-Giganten kaum Profit. Und darin besteht diese besonders heikle Zwickmühle: Smartphone versus Körperkontakt. Digitale Vernetzung versus analoger Zwischenmenschlichkeit. Chamath Palihapitiya, ehemaliger Vizepräsident für Nutzerwachstum bei Facebook, gab vor einigen Jahren zu: "Ich fühle mich enorm schuldig. Die von uns geschaffenen kurzfristigen, Dopamin-gesteuerten Rückkopplungsschleifen zerstören die Funktionsweise der Gesellschaft."


Kann man diesem hormongesteuerten Teufelskreis entkommen? Laut Verhaltenspsychologin Dr. Susan Weinschenk besteht eine Art, wieder Kontrolle über eine zwanghafte Beschäftigung mit dem Smartphone zu erlangen darin, sich eine konditionierte Bewegung anzueignen, die den Bann bricht: “Wenn ich feststelle, dass ich mich in einer Dopaminschleife befinde, drücke ich sofort die Home-Taste und lege das Telefon mit der Vorderseite nach unten. Wenn Sie eine körperliche Bewegung entwickeln können, die zu einer konditionierten Reaktion wird, können Sie zumindest die Dopamin-Such-Belohnungsschleife durchbrechen, sobald sie begonnen hat. Oder schalten Sie das Gerät für eine Weile ganz aus. Radikale Idee, ich weiß.”


Zwickmühle 3: Heute versus Morgen


“Erst wenn man genau weiß, wie die Enkel ausgefallen sind, kann man beurteilen, ob man seine Kinder gut erzogen hat.” Erich Maria Remarque

Eltern haben es in mancher Hinsicht mit einer Extremform von Belohnungsaufschub zu tun. Wie beim berühmten Marshmallow-Test, liegt das Geheimnis des Elternerfolgs oft im Hinauszögern der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Klingt nicht gerade lustig, ist es auch nicht.


Ja, das Leben mit Kind(ern) ist manchmal frustrierend, schwer planbar und völlig anders, als man es sich vorgestellt hat. Hinzu kommt das nicht zu unterschätzende Konfliktpotential, das die Erziehung in sich birgt. Jeder Mensch war selbst einmal Kind und bringt jede Menge persönliche Familienkultur und -werte mit in die Beziehung. Bis das erste Kind da ist, schlummert vieles davon unter der Oberfläche vor sich hin. Kaum ist ein Baby da, verschaffen sich unsere vorprogrammierten Ansichten Luft und prallen aufeinander.


Denn als Eltern stehen am laufenden Band Entscheidungen an. Egal ob es um die richtige Zeit fürs Bett oder den Tonfall bei einer Zurechtweisung geht – Eltern müssen eine Myriade an unterschiedlichen Ansichten auf einen Nenner bringen und, über kurz oder lang, zu einem Team zusammenwachsen.


Gerade in Stresssituationen spitzen sich die verschiedenen Wertvorstellungen und Bauchgefühle oft zu. Ganz Klassisch: das Kind verletzt sich und ein Elternteil plädiert sofort für eine Fahrt in die Notaufnahme, was der andere jedoch für völlig übertrieben hält. Auch nicht selten: ein Elternteil pflegt die eigene Konsequenz gegenüber dem Sprössling, der andere findet den Umgang zu herb und nimmt das Kind in Schutz. Man lernt sich neu kennen und diskutiert bis zum Umfallen, sieht sich in machen Situationen vielleicht sogar als Gegner, was die Romantik langsam schwinden lässt.


So manche heilige Erziehungsmaxime muss dann einer komplexen Realität weichen. Entweder werden durch Kompromisse mit dem Partner gewisse Ideale entschärft oder sie fallen dem Eigenwillen des Nachwuchses zum Opfer. Für Säuglinge, Kinder im Trotzalter und Teenager gibt es unumstößliche Regeln nun einmal ebensowenig wie elterliche Bedürfnisse. Selbst der Wunsch, zumindest rudimentäre Manieren zu etablieren, kann in diesen Phasen zur “Mission Impossible” werden.


Doch bekanntlich haben auch schwierige Phasen zumindest etwas Gutes an sich, nämlich dass sie irgendwann zu Ende gehen. Da ist Licht am Horizont. Wer seine Partnerschaft als wirkliches Lebensprojekt wahrnimmt, wird irgendwann erkennen, dass die Phase, in denen die Kinder die Hauptrolle spielen, nur eine von vielen ist. Danach warten (hoffentlich) noch viele Jahre trauter Zweisamkeit, für die es sich lohnt, das Kind nicht gleich mit dem Bade auszuschütten. Wem also bei der gefühlt tausendsten Wiederholung von “Nicht mit vollem Mund sprechen!” oder “Und wie lautet das Zauberwort?” schon die Augenwinkel zucken und der Sinn für Humor abhanden kommt, dem kann es nicht schaden, sich gemeinsam an das große Ganze zu erinnern. Und vielleicht ein, zwei Erziehungsziele auch mal schleifen zu lassen.


Zwickmühle 4: Zeit für mich versus Zeit für uns

So abgedroschen es klingt: für Eltern ist es wirklich wichtig, sich Zeit für sich zu nehmen. Und zwar sowohl gemeinsam als auch jeder für sich. Diesen nur scheinbar idiotensicheren Ratschlag man gar nicht genug unterstreichen. Selbst als Mikrodosis kann Zeit für sich Wunder wirken. Dabei dürfen ruhig Familie und Freunde mobilisiert werden. Kumpels und Verwandte aller Art, bitte aufgepasst: Kinderbetreuung durch vertraute Menschen gehört zu den absolut besten Geschenken, die man einem Elternpaar nur machen kann. Denn den ureigenen Sollbruchstellen eines Paares lässt sich oft nur dann entgegenwirken, wenn ihrer großen Belastung eine ebenso große Verbundenheit gegenübersteht. Keine Zeit miteinander bedeutet meist auch weniger Zusammenhalt. Keine Zeit für sich bedeutet meist auch weniger Belastbarkeit.


Wer sich also Freiräume für die Partnerschaft und für sich nimmt, braucht kein schlechtes Gewissen zu haben. Sich dann und wann einen Babysitter zu gönnen oder vermehrt Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen, heisst noch lange nicht, dass man die Kinder abschieben will oder dass es sich für diese so anfühlt. Im Gegenteil, es tut Kindern erwiesenermaßen gut, verschiedene Bezugspersonen zu haben. Mehr Freizeit für die Eltern hat nämlich den angenehmen Nebeneffekt, auch noch die soziale Fähigkeiten, Empathie und Selbstständigkeit der Kinder zu fördern.


Mark Twain schrieb einmal: “Erziehung ist organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.” Gut, ganz so drastisch muss man die Sache nun auch wieder nicht sehen. Und doch lässt sich aus Twains Bonmot eine Anregung für die Eltern von heute ableiten: es lohnt sich, wichtige Beziehungen zu verteidigen – nicht nur die zum Partner, sondern auch die zu sich selbst.



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