Was bist du dir wert? Der Weg zu einem selbstbewussten Leben


Von Christina Kaiser


Was ist Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstliebe, Selbstakzeptanz? Hast du dir schon mal die Zeit genommen, darüber nachzudenken, was sie wirklich bedeuten und in welchem Zusammenhang sie stehen?


Titelbild-Selbstbewusstsein-MyGiulia

Wir wissen eigentlich viel besser, was wir an uns nicht mögen und behindern uns viel zu oft mit strenger Selbstkritik. Wie wir über uns selbst denken hat jedoch große Auswirkung darauf wie wir im Allgemeinen durchs Leben gehen. Die Psychologin und Bestsellerautorin Dr. Shauna Shapiro sagt in einem sehr inspirierenden TED TALK: “Kümmere dich um dich selbst, wie du dich um deine beste Freundin kümmerst! Wenn wir uns wertschätzen, dann schauen wir besser auf uns. Folglich machen wir mehr Bewegung, ernähren uns gesünder, und wir gehen mehr Risiken ein.”


Nina Lizon ist zertifizierter Coach und begleitet Frauen auf dem Weg zu mehr Selbstbewusstsein, Klarheit und Gelassenheit im Leben. Im Gespräch mit ihr wollten wir besser verstehen wie das Selbstbewusstsein unser Selbstwertgefühl beeinflusst, wie wir niedriges Selbstvertrauen erkennen können und warum es so wichtig ist jeden Tag “Ich liebe mich” zu sagen.



Warum beschäftigst du dich mit dem Thema Selbstbewusstsein. Wie kam es dazu, dass du dich darauf spezialisiert hast?


Ich bin auf zwei Wegen tatsächlich auf das Thema gestoßen und zwar einmal natürlich durch meine eigene Erfahrungen. Ich war schon immer eine sehr selbstbewusste Person. Ich habe mich auch immer als sehr selbstbewusst empfunden. Ich habe viele Jahre im Projektmanagement gearbeitet, große Teams geleitet, viel Verantwortung gehabt und hatte nie große Selbstzweifel auf diesem Gebiet und auch nicht im privaten Bereich, meiner Partnerschaft zum Beispiel.

Dann startete ich mein Business und plötzlich hatte ich Selbstzweifel. Die Entscheidung mich selbstständig zu machen habe ich sehr selbstbewusst getroffen, aber dann kamen plötzlich viele Themen auf. Ich habe gemerkt "Aha, damit darf ich mich jetzt nochmal auseinandersetzen, da bin ich noch nicht so selbstbewusst, wie ich es von mir eigentlich gewohnt bin." Und so habe ich viel innere Arbeit geleistet.


“ Meine Erfahrung ist, dass man sich Selbstbewusstsein in den unterschiedlichen Lebensbereichen immer wieder jeweils neu erarbeiten kann. “

Und so bin ich für mich zu diesem Thema gekommen, weil ich gemerkt habe: in meinem Business darf ich noch ein Selbstbewusstsein für mich erarbeiten. Und zwar Selbstbewusstsein im Wortsinn: Mir meiner selbst als Unternehmerin bewusst werden. Was ist mir wichtig? Wie bin ich als Unternehmerin? Wie möchte ich nach außen treten? Was möchte ich darstellen? Wer möchte ich sein?


Gleichzeitig habe ich dieses Jahr natürlich aus Berufsgründen sehr viel mit Frauen gearbeitet und hier sehr viel über das Thema Selbstbewusstsein gelernt. Egal aus welchen Gründen die Frauen zu mir kamen, dieses Thema kam immer irgendwie auf. Also, sei es Frauen kamen zu mir, mit dem Thema “Soll ich kündigen ja oder nein?”, oder wenn der neue Job vor der Tür stand “Bin ich dafür jetzt gut genug?” Oder es ging auch um das Thema Konflikte, weil sie gespürt haben “Irgendetwas ist da, was mich immer wieder ärgert und nervt, sei es in der Partnerschaft oder in der Familie.” Früher oder später kommen alle auf dieses Thema zu sprechen: Selbstbewusstsein - sich seiner selbst bewusst sein.


Viele der Klient*innen, die zu mir kommen, wissen erst gar nicht so, was das da ist, was sie ärgert oder wissen oft gar nicht genau, was der Glaubenssatz ist, der dahinter steckt. Und wir machen erstmal ganz viel innere Arbeit, ganz viel Innenansicht und Innenschau, um zu verstehen, was dahinter steckt. Das ist mein Verständnis von Selbstbewusstsein. Darauf aufbauend als nächster Schritt entsteht dann auch Selbstvertrauen und Selbstliebe. "Was ist denn alles da, was da geliebt werden darf und gewertschätzt werden darf?"


“Ich habe oft das Gefühl, dass ein sehr druckvolles Kommunizieren dieses Selbstwertgefühls da ist. Du musst dich selbst lieben, du musst dich selbst wertschätzen, du musst dich selbst akzeptieren.”

Und da ist so ein bedeutender Schritt, ein vermeintlich kleiner, aber bedeutender Schritt dahin, der gerne übergangen wird. Nämlich erst mal zu schauen Was ist denn das, was ich da alles mitbringe? Wie ticke ich, was sind meine Bedürfnisse, was sind meine Stärken und Schwächen? Und das alles erst einmal willkommen zu heißen, um es dann im nächsten Schritt zu lieben und zu wertschätzen. Dieser erste Schritt des sich Bewusstwerdens und das Aufdecken und das Erkennen ist für meine Klientinnen schon oft ein ganz großer Meilenstein. Da steckt oft viel Arbeit dahinter und es ist dann oft eine große Erleichterung da. Diesen Schritt finde ich so wichtig auf dem Weg dahin, sein Selbstvertrauen nach außen darstellen zu können.


Im Deutschen gibt es das Wort Selbstbewusstsein und auch das Wort Selbstvertrauen. Und dann gibt es noch Selbstwertgefühl. Du hast auch Selbstakzeptanz erwähnt. Wie würdest du den Unterschied machen zwischen Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein?


Für mich ist Selbstbewusstsein genau der Schritt, sich seiner selbst bewusst zu sein und zu werden. Es ist ein Prozess und es ist eine Reise, die uns in unserem Leben begleitet. Das ist ein Prozess, der nie zu Ende geht. Aus diesem Selbstbewusstsein heraus, wer ich bin, wie ich ticke, was meine Schwächen und und und Stärken sind, entsteht, wenn ich damit umzugehen weiß: Selbstvertrauen und darauf aufbauend dann Selbstwertgefühl. In der deutschen Sprache werden diese Begriffe oft mal durcheinander geschmissen. Dass man Selbstbewusstsein hat, heißt nicht unbedingt, dass sich daraus auch ein Selbstwertgefühl entwickelt. Wenn ein Tag mal nicht perfekt lief, dann gehen wir abends ins Bett und ärgern uns noch zusätzlich über uns selbst, weil wir nicht perfekt waren.


“Das wahre Selbstwertgefühl und die Selbstwertschätzung ist, dass wir uns mögen, jeden Tag und in jeder Situation!”

Die Psychologin Dr. Shauna Shapiro sagt, dass wir eine Art Mitgefühl brauchen um uns zu mehr Selbstvertrauen zu führen. Eine ihrer Übungen ist: Du stehst morgens auf und legst deine Hand aufs Herz während du zu dir sagst: "Guten Morgen, ich liebe dich!" Warum fällt es uns so schwer zu uns selber zu sagen, dass wir uns lieben?


Das Konzept des Selbstwertgefühls, also sich selbst die Hand auszustrecken, wenn man am Boden liegt, statt noch nachzutreten, kennen wir in unserer westlichen Welt gar nicht so, ist aber langsam im Kommen auch die Forschung und die Wissenschaft stehen dazu noch sehr am Anfang. Im Buddhismus aber zum Beispiel gibt es für das Mitgefühl und das Selbstmitgefühl nur ein einziges Wort (Tsewa). Der Buddhismus ist überzeugt davon, dass Mitgefühl für andere ohne das Selbst-Mitgefühl gar nicht geht, also dass beides nur zusammen existieren kann. Das ist nicht zu verwechseln mit Selbstmitleid! Selbstmitleid wäre, dass ich mich hinsetze und sage: "Es ist alles so schlimm, es ist alles so doof und das passiert immer nur mir." Mitgefühl hingegen ist ein Gefühl der tiefen Akzeptanz mir selbst gegenüber, auch wenn mal was nicht gut gelaufen ist und ein Gefühl mir gegenüber, das mich dazu befähigt, auch wieder zu handeln. Ich reiche mir die Hand.



Inwiefern spielt da Perfektionismus eine Rolle?


Für mich ist Perfektionismus auch immer nur eine Form der geringen Selbstakzeptanz. Genauso auch wie auf der anderen Seite die Aufschieberitis, die gerade auch so so stark durch die Medien geistert.


“Perfektion bedeutet, ich akzeptiere noch nicht das, was da ist und halte mich dadurch zurück. Das ist eine versteckte, innere Blockade, die uns davon abhält, einfach jetzt schon rauszugehen oder das zu sagen, was ich denke.”

Das merke ich oft bei meinen Klient*innen. Da höre ich sagen: “Aber die Fortbildung mache ich jetzt noch und dann bin ich gut genug.” “Das Buch muss ich jetzt noch durcharbeiten, oder den Online-Kurs muss ich jetzt noch machen und dann frage ich nach einer Beförderung.“


Wir erreichen ja nie das Stadium des Perfektionismus, weil wir ja im Endeffekt unser ganzes Leben lang wachsen und uns weiterentwickeln. Warum strebt man immer so danach zu glauben, dass alles an einem bestimmten Zeitpunkt passen muss?


Das sind vor allem Glaubenssätze. Ich bin ein großer Fan davon, über Glaubenssätze zu sprechen, allerdings sind diese äußerst individuell. Es ist nicht immer "Ich bin nicht gut genug." Es kann auch die Abwandlung sein "Ich bin nichts Besonderes" oder "Ich gehöre hier nicht hin" oder was auch immer. Es ist sehr individuell und meiner Erfahrung nach ist der Perfektionismus sehr oft eine erste Entschuldigung dafür, dass ich mich noch nicht so annehme, wie ich bin.


Im Coaching schauen wir hauptsächlich nach vorne, aber wenn es um Glaubenssätze geht, ist es auch wichtig, mal herauszufinden, woher die kommen. Das hilft nämlich erst mal den Druck rauszunehmen. Das Ziel dabei ist das Unbewusste ins Bewusste zu holen und dann nach vorne zu schauen und etwas daraus zu machen. Man sollte dabei nicht nach Schuld oder Schuldigen suchen. Wenn man seine Glaubenssätze versteht und weiß woher sie kommen, dann fällt oft ein großer Stein von der Seele. Dann kommt der nächste Schritt: "Was machen wir jetzt damit?"


Wenn man etwas Neues beginnt, egal was, dann muss man ja eigentlich nicht alles zu Beginn können. Wie können wir uns gegenseitig diesen Druck nehmen uns einander helfen?


Ja genau, das sind Erwartungen, die wir an uns selbst haben, aber auch dieses von außen vorgegebene Bewertungssystem. Was mache ich denn klassischerweise als Unternehmerin, wenn ich meine ersten Schritte gehe? Ich schaue rechts und links und vergleiche mich fatalerweise mit denen, die schon viel weiter sind als ich. Dann kommen sehr rasch Selbstzweifel, die mich hindern. Das ist so schade.


Mein ganz praktischer Tipp ist, sich mit Frauen zusammenzutun, die genau da sind, wo ich jetzt bin. Wenn ich zum Beispiel Mutter meines ersten Kindes bin, muss ich mich nicht unbedingt mit der Mutter vergleichen, die vier Kinder und gleichzeitig noch einen Vollzeitjob hat. Besser, du tust dich mit einer Mutter zusammen, die auch gerade ihr erstes Kind bekommen hat. Wenn es dir hilft, dass du jemanden beobachtest, der schon weiter ist als du, um davon zu lernen und du dich davon inspirieren lässt, dann passt das selbstverständlich auch. Wenn du aber spürst, dass es dir nicht guttut, dann lass es! Weil es gibt immer jemanden, der weiter ist. Es gibt immer jemanden, der besser ist, der mehr Geld verdient. Meine Erfahrung ist: "Unter jedem Dach ein Ach!" Alle Menschen haben ihre Selbstzweifel, ihre Sorgen, ihre Blockaden und Ängste.


Woran merke ich, dass ich nicht genug Selbstbewusstsein habe?


Mangelndes Selbstbewusstsein tritt in ganz unterschiedlichen Facetten auf: Wenn dich ständig Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen plagen beispielsweise, verbunden mit der Frage, wie du es anderen Recht machen kannst. Wenn du dich selbst blockierst, weil dich zu sehr beschäftigt, wie es für die anderen wäre und was die anderen denken, was sie von dir halten werden. Wenn du immer gefallen möchtest, das “Good Girl” sein und dadurch keine Grenzen setzt. Wenn du die Erfolge anderer neidisch und missgünstig betrachtest und dich zum Beispiel nicht wahrhaftig mit deiner Kollegin über ihre Beförderung freuen kannst. Wenn du wichtige Dinge immer wieder aufschiebst statt sie tatkräftig anzugehen. Oder auch, wenn du oft widersprüchliche Gefühle hast und nicht weißt, wie diese zu deuten sind.


“Ich plädiere sehr dafür, dass Selbstbewusstsein nichts Aufgesetztes ist und darum auch nicht zwingend immer laut und auffällig daherkommt. Im Gegenteil: Wenn wir einmal hinter die Fassade von besonders extrovertierten Menschen schauen, dann verbirgt sich dort oft große Unsicherheit. Und das bedeutet wiederum, dass Selbstbewusstsein leise, unauffällig und bescheiden sein darf und dass selbstbewusste Menschen auch gerne mal gelassen im Hintergrund stehen. Denn wahres Selbstbewusstsein erkenne ich nicht immer gleich im Außen, es kommt von innen.”

Tief im Innern kann jeder von uns für sich die Frage beantworten: Fehlt mir noch Selbstbewusstsein? Möchte ich das gerne ändern? Dann ist mein Rat, einmal genau auf seine Gefühle zu schauen und darauf, was sie mir mitteilen wollen. Das ist der erste Schritt zu mehr Selbstbewusstsein.


Wie erlebst du den Weg zu mehr Selbstliebe bei den Frauen, die du begleitest?


Eine wichtige Sache ist, dass sich Selbstliebe nicht durch Erfolg kompensieren lässt. Die Selbstliebe steckt nicht hinter der nächsten Beförderung und die steckt nicht hinter der nächsten Gehaltsverhandlung. Viel schöner ist es den Punkt zu erreichen, wo dir der Weg Spaß macht, jeder Schritt Spaß macht und auch mal der horizontale Schritt Spaß macht. Wenn du abends ins Bett gehst und dich wirklich magst, auch wenn der Tag mal nicht gut gelaufen ist. Und nicht immer nur der Schritt nach oben und die Jagd nach: Schneller, besser, größer, weiter.


Wenn ich die Frage meinen Klient*innen stelle: "Wie sehr magst du dich?" Dann ist es sehr spannend für mich zu sehen, dass viele erst einmal ganz lange überlegen. Und dass es ihnen schwerfällt, darauf eine Antwort zu finden. Weil sie oft gar nicht wissen, wie sehr und ob überhaupt sie sich wirklich mögen. Das ist wie du gerade eben gesagt hast, dieses Morgens in den Spiegel schauen und ich liebe mich sagen. Das geht ganz vielen ganz schwer über die Lippen und die Frage: “Wie sehr magst du dich wirklich?”


Da dürfen alle öfter mal drüber nachdenken: Wie sehr mag ich mich bedingungslos, unabhängig von meinem Job, unabhängig von meinem Gehalt, unabhängig von dem, wie schön meine Wohnung ist. Wie sehr mag ich mich wirklich?



 

Für Dich!


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Im Gespräch mit:


Nina Lizon ist zertifizierter Coach und begleitet Frauen auf dem Weg zu mehr Selbstbewusstsein, Klarheit und Gelassenheit im Leben. Es ist ihr ein Herzensanliegen, dass Frauen ihre Fähigkeiten erkennen und ein Leben gestalten, das sich nach ihren Bedürfnissen ausrichtet und auf das sie stolz sind. „Jeden Tag einmal kurz raus aus der Komfortzone“ ist ihr Motto. Nina lebt mit Mann und Sohn in München. Mit finnischen Wurzeln und verheiratet mit einem Franzosen ist sie mit dem Herzen in Europa zuhause.


Du findest Nina auf Instagram und auf ihrer

Website.






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