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Kristina Lunz: Ein Nein ist nicht genug

vor 9 Stunden
7 Min. Lesezeit

Ein Abend mit Kristina Lunz über digitale Gewalt, Ideologie und den Mut, trotzdem sichtbar zu bleiben



Kristina Lunz liest im Hotel Sacher in Wien aus ihrem Buch „Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?“
Kristina Lunz liest im Hotel Sacher in Wien aus ihrem Buch „Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?“

FOTOS: Julia Oberhauser

TEXT: Christina Kaiser


Ein Buch mit einem drastischen Titel und eine Frage, die keine loslässt: Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen? Beim RISE!-Kamingespräch im Wiener Hotel Sacher las Kristina Lunz aus ihrem neuen Buch und sprach mit rund zwei Dutzend Frauen über digitale Gewalt, Solidarität und das, was trotzdem Hoffnung macht.


Der Metternich Saal im Hotel Sacher, ein langer, elegant gedeckter Tisch: myGiulia und RISE!  luden am Vorabend des Auftakts von „RISE! See the Signs“ zu einem Kamingespräch mit Kristina Lunz, die Gründerin des Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP) und Autorin von „Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?“, das sie gemeinsam mit Journalistin, Autorin und Politikwissenschaftlerin Düzen Tekkal geschrieben hat.



Gastgeberinnen myGiulia Herausgeberin Christina Kaiser und RISE! Produzentin Christine Klimaschka mit Kristina Lunz
Gastgeberinnen myGiulia Herausgeberin Christina Kaiser und RISE! Produzentin Christine Klimaschka mit Kristina Lunz


Wien, eine Liebesgeschichte


Lunz begann persönlich. Vor zwei Jahren war sie für eine Lesung aus ihrem Buch „Empathie und Widerstand“ nach Wien gekommen, in einer Phase, in der es ihr „mental und körperlich nicht gut ging“. Hinter ihr lagen Monate einer digitalen Hetzkampagne. Eigentlich wollte sie absagen, doch dann wurde sie zum Schwammerlschnitzel eingeladen, saß mit großartigen Frauen am Tisch und erlebte „so viel Wärme und Solidarität in dieser Stadt“. Seitdem ist sie verliebt in Wien.


Drei Tage, 250 Frauen, zehn Forderungen


Im Mittelpunkt des Abends stand die Entstehungsgeschichte ihres Buches. Als im März 2026 öffentlich wurde, dass die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes schwere Vorwürfe digitaler sexualisierter Gewalt gegen ihren Ex-Mann erhebt, sei das für Lunz ein Moment gewesen, „in dem man gleichzeitig völlig erschüttert und überhaupt nicht überrascht ist“.


Gemeinsam mit Düzen Tekkal und der Bundestagsabgeordneten Ricarda Lang entschied sie: Es braucht mehr als Empörung. Zwischen Freitagnacht und Sonntagnachmittag setzten die drei Frauen ihr Netzwerk in Bewegung – am Ende schlossen sich mehr als 250 prominente Frauen aus Politik, Kultur und Medien ihnen an. Parallel dazu entstanden zehn juristisch geprüfte Forderungen an die deutsche Bundesregierung. Darunter: die Strafbarkeit sexualisierter Deepfakes, Femizid als eigener Straftatbestand, „Nur Ja heißt Ja“ im Sexualstrafrecht sowie spezialisierte Gerichte und geschulte Polizei nach spanischem Vorbild.


Die daraus entstandene Petition unterzeichneten knapp 340.000 Menschen; übergeben wurde sie im Sommer im Deutschen Bundestag.


Nein heißt Nein ist nicht genug


Wie lange solche Veränderungen dauern, weiß Lunz aus eigener Erfahrung. 2016 hat sie die Kampagne „Nein heißt Nein“ mit UN Women Deutschland mitkonzipiert. Nach heftigem Widerstand und vielen Anfeindungen wurde das Gesetz im selben Jahr einstimmig im Bundestag verabschiedet. Schon damals war klar, dass es nicht reicht. Doch der Gegenwind war so stark, dass mehr nicht durchsetzbar schien. „Don't let the perfect be the enemy of the good“, sagte Lunz. Zehn Jahre später gilt in Deutschland noch immer nicht „Nur Ja heißt Ja“.


Warum das so entscheidend ist, erklärte sie eindringlich: Viele Betroffene können sich bei einer Vergewaltigung gar nicht wehren. Sie erstarren im Schock, Fachleute sprechen von tonischer Immobilität. Andere wehren sich bewusst nicht, weil Widerstand die Gewalt oft noch schlimmer macht. Solange „Nein heißt Nein“ gilt, liegt die Erklärungslast beim Opfer: Hat sie deutlich genug Nein gesagt? „Das müssen wir umdrehen“, sagte Lunz. „Die Verantwortung muss beim Täter liegen.“





Ein System, das Täter schützt


Was Lunz an diesem Abend beschrieb, ist ein Rechtssystem, das Frauen systematisch im Stich lässt und Täter schützt. In Deutschland wird laut Lunz weniger als ein Prozent aller Vergewaltiger verurteilt. „Es gibt keine Gerechtigkeit bei männlicher Gewalt.“ Wer sich trotzdem entscheidet, gegen den Täter vorzugehen, bekommt statt Gerechtigkeit oft Retraumatisierung und Herabwürdigung. Am Ende steht nicht selten ein Urteil, das der Frau ihre eigene Realität abspricht und den Täter bestärkt. Und auf den Prozesskosten bleibt sie in vielen Fällen sitzen.


Besonders deutlich wird das bei Femiziden. Obwohl internationale Definitionen klar sind, wird die Tötung einer Partnerin vor Gericht oft als Totschlag statt als Mord gewertet. Mit einer Begründung, die Lunz fassungslos macht: „Der arme Mann war ja nur eifersüchtig. Er hat sie doch geliebt.“ Die Folge sind deutlich geringere Strafen. Femizide sind zudem bis heute kein eigener Straftatbestand und tauchen deshalb in keiner Statistik gesondert auf.


„Ein Femizid ist keine zufällige Tötung einer Frau. Er ist die extremste Form von männlichem Hass, männlicher Gewalt und Verachtung gegenüber Frauen – die Folge von extremem Besitzanspruch und Kontrolle über ihr Leben. In den meisten Fällen wird eine Frau getötet, wenn sie sich trennen oder gehen möchte. Und davor gibt es fast immer eine lange Zeit extremer Gewalt.“ — Kristina Lunz

Dass es anders geht, zeigt Spanien. Dort gibt es seit 2004 ein umfassendes Gesetz gegen männliche Gewalt an Frauen, mit spezialisierten Gerichten, geschulter Polizei, finanzieller Unterstützung bei Prozesskosten und einem zentralen System, das Betroffene warnt, wenn ein Täter wieder in Freiheit ist. „Diese proaktive Haltung gibt es in Deutschland überhaupt nicht“, sagte Lunz. Und Österreich? Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: Man stehe hier in vielen Punkten sehr ähnlich da wie Deutschland.


Ein Buch in drei Wochen


Nach der Aktion kamen Verlage auf die Autorinnen zu – und sie wollten das Buch unbedingt schreiben. Allerdings unter einer Bedingung: Es musste noch vor der Sommerpause erscheinen. „Wir wollen jetzt keine Zeitverzögerung“, erzählte Lunz. Der Verlag rechnete vor: Es war April, Anfang Juli beginnt die Sommerpause, dazwischen liegen Lektorat, juristische Prüfung und Satz. Für das Schreiben blieben drei Wochen. Die Antwort der Autorinnen: „Dann schreiben wir das Buch jetzt.“ Vieles sei ohnehin „schon in uns drin“ gewesen, sagte Lunz, und das Lektorat des Verlags und eine externe Lektorin hätten sie durch den Prozess getragen. Das Ergebnis wurde zum Spiegel-Bestseller.


„So wie es ist, darf es auf gar keinen Fall bleiben“


Dann las Kristina Lunz aus ihrem persönlichen Nachwort. Sie erzählt darin von ihrer Kindheit in einem kleinen fränkischen Tal, „25 Häuser, 60 Menschen“, in dem jede Machtposition von Männern besetzt war, vom Bürgermeister bis zum Fußballverein. Und von den ersten Grenzüberschreitungen, die damals als normal galten.


Sie schreibt auch über das Ende des CFFP. In sieben Jahren hatten Lunz und ihre Mitgründerin Nina Bernarding die weltweit erste Organisation aufgebaut, die sich ganz der feministischen Außenpolitik widmete, mit mehr als 60 internationalen Projekten und über 40 Publikationen. Und trotzdem habe all das nicht gereicht, um sich vor der „zerstörerischen Dynamik digitaler männlicher Gewalt“ zu schützen. Im vergangenen Jahr schlossen die beiden das Unternehmen.


Besonders still wurde es im Saal, als Lunz davon sprach, was solche Hetzjagden bewirken: Dutzende Frauen hätten ihr danach gesagt, sie würden nun bewusst nicht mehr öffentlich Stellung beziehen. „Der unbändige Hass auf und die Verachtung für Frauen kommen aus allen Ecken“, las sie, auch aus der eigenen, progressiven Blase. „Es gibt keinen richtigen oder guten Frauenhass.“


„Wenn wir so auftreten, dass andere Menschen mit guten Absichten Angst vor uns haben, statt sich durch unser Engagement inspiriert und ermutigt zu fühlen, dann machen wir etwas grundlegend falsch. Einschüchterung, Machtmissbrauch, Beschämung und autoritäres Verhalten – entweder du teilst meine Meinung oder ich mache dich fertig – sind niemals in Ordnung, egal von welcher Seite.“ — Kristina Lunz


Was Hoffnung macht


Die anschließende Runde war offen, ehrlich und an vielen Stellen bewegend. Eine Teilnehmerin, die lange mit Politikerinnen gearbeitet hat, fragte direkt nach: „Kannst du uns etwas Optimistisches mitgeben?“


Lunz konnte. Die Kampagne sei die größte feministische Kampagne mit den meisten prominenten Stimmen gewesen, die es in Deutschland gegeben habe – und das in einer Zeit, in der Angriffe auf Frauen zunehmen. In Deutschland werde inzwischen ein Gesetzentwurf zur Strafbarkeit sexualisierter Deepfakes debattiert. Und Frauen, die öffentlich fertiggemacht wurden, holten sich ihre Geschichten zurück. „Wir sind da. Und wir sind geblieben.“




Netzwerke sind überlebenswichtig


Einig war sich der Tisch darin, dass Frauen das nicht allein schaffen. Mehrere Teilnehmerinnen betonten, wie wichtig es ist, Männer als Verbündete zu gewinnen – als Väter, als Vorbilder, als Stimmen, die in patriarchalen Strukturen gehört werden. Andere hielten dagegen: Burschen bräuchten nicht in erster Linie männliche Vorbilder, sondern müssten lernen, dass Frauen ebenso vollwertige Vorbilder sind. Am Ende stand kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.


Lunz' konkreter Rat an alle, die wissen wollten, was sie selbst tun können: Netzwerke bauen, und zwar ernsthaft. „Wir müssen es schaffen, dass wir innerhalb von zwei Kontakten an der richtigen Stelle sind.“ Netzwerke seien keine Netzwerkveranstaltung mit Blabla. „Damit werden politische Diskurse beeinflusst. Damit werden Wahlen gewonnen.“


„Zusammenzukommen, wissend, dass es diese Erfahrungen gibt und dass viele von uns sie leider selbst gemacht haben – es gibt nichts Wichtigeres, um nicht nur Narrative zu ändern, sondern auch die eigene Kraft und den eigenen Gestaltungswillen am Laufen zu halten. Gegen solche Widerstände kann man nicht ständig allein wieder aufstehen. Man braucht eine andere, die kommt und einem unter die Arme greift.“ — Kristina Lunz



Und wo verläuft für sie die Grenze zwischen Haltung und Ideologie? Haltung, so Lunz, bleibe offen für das bessere Argument. Ideologie nicht. Ihr Kompass innerhalb des demokratischen Spektrums: „Wie Menschen miteinander umgehen, ist für mich relevanter als das, wofür sie sagen, dass sie einstehen.“


Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Abends: Solidarität fragt nicht zuerst nach der Meinung, sondern danach, ob wir füreinander einstehen. Und sie beginnt dort, wo Frauen zusammenkommen, einander zuhören und wissen, dass keine allein wieder aufstehen muss.




Über das Buch


Kristina Lunz & Düzen Tekkal: „Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?“, [HEYNE]
Kristina Lunz & Düzen Tekkal: „Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?“, [HEYNE]

Der Fall Collien Fernandes hat Deutschland aufgerüttelt und wieder einmal schonungslos offengelegt, wie alltäglich männliche Gewalt gegen Frauen ist – und wie unzureichend das deutsche Rechtssystem betroffene Frauen schützt. Kristina Lunz und Düzen Tekkal wollen das nicht länger hinnehmen.


Gemeinsam mit Ricarda Lang und mit der Unterstützung von mehr als 250 bekannten Frauen stellen sie 10 Forderungen gegen männliche Gewalt an die Bundesregierung. Sie starteten eine bundesweite Unterschriftenaktion, die binnen kürzester Zeit über 300.000 Menschen mobilisierte.


In ihrem Buch, das im August 2026 erschien, verleihen die Autorinnen ihren Forderungen Nachdruck und zusätzliche Tiefe: Klar und analytisch zeichnen sie den Status quo nach und formulieren die Veränderungen, die sie nun einfordern. Ihr Ziel ist es, sichtbar zu machen, was politisch möglich wäre, würde endlich konsequent gehandelt. Sie wollen aus der Wut heraus Veränderung schaffen. Frauenhass kommt aus allen Richtungen, deshalb ist Stillhalten, Schweigen und Abwarten für Frauen keine Option.



RISE! See the Signs


Vom 25. bis 28. November bringt RISE! gemeinsam mit UN Women Austria Kunst, Begegnung und Musik an verschiedene Orte in Wien. Informationen und Tickets zu RISE! findest du auf www.women-rise.at



 
 

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