Kann man sein Immunsystem wirklich stärken?

Aktuell häufen sich immer mehr Berichte über Maßnahmen und Empfehlungen was man tun kann/soll um sich vor dem Corona Virus zu schützen. Wir sind neugierig geworden und wollten wissen, ob es tatsächlich hilft täglich eine Orange zu essen. Dazu haben wir mit Dr. Luiza Campos gesprochen. Die Medizinerin forscht seit fast zwei Jahrzehnten im Bereich Immunologie.



Soll man sein Immunsystem ausbalancieren oder lieber doch boosten?


Die Immunologie als Wissenschaft ist seit einigen Jahren hoch im Trend. Wir entdecken in der Forschung rasend schnell neue Erkenntnisse. Es gibt allerdings keine Evidenz für etwas, dass das Immunsystems nachweislich stärken kann.

Du kannst somit eigentlich nichts tun, um deine Zellen zu einer besseren Leistung zu bewegen.

Geht man von einem gesunden Menschen aus, also jemanden der/die nicht an einer genetischen Autoimmunerkrankung leidet, weiss das Immunsystem, was zu tun ist. Dabei ist es allerdings wichtig vorab zu verstehen wie unser komplexes Immunsystem überhaupt funktioniert.


Es gibt Trigger wie Mikroben (z.B. Bakterien, Viren oder Pilze) oder auch Luftverschmutzung (wie z.B. gefährliche Gase oder Partikel). Kommen wir in Berührung mit einem Trigger, reagiert das Immunsystem. Dabei gibt es zwei Arten wie es darauf antwortet.

Die angeborene Immunität ist unsere erste Antwort auf Eindringlinge, die unglaublich schnell reagieren kann. Sie ist vergleichbar mit einem Abwehrschild, einer Art Barriere und kann aber nicht auf Eindringe unterschiedlich/spezifisch reagieren. Zu den Bestandteilen der angeborenen Immunität gehören unsere Haut, die Magensäure, in Tränen enthaltene Enzyme, Schleim und der Hustenreflex.


Auf die erste Reaktion folgt eine zweite Immunantwort namens adaptives Immunsystem. Hier sind Zellen fähig hoch spezifische Muster in diesen Eindringlingen zu erkennen. Die Bedrohung muss zuerst erkannt und verarbeitet werden, und dann erzeugt das Immunsystem Antikörper.

Es wird somit jedes Mal trainiert, wenn es auf neue Mikroben stößt. Die Zellen bauen über unser ganzes Leben hinweg eine Art "Datenbank von Erinnerungen" an diese Reaktionen auf. So wird unser Leben lang das Immunsystem aufs Neue trainiert, es hört nie auf zu lernen.

Wichtig dabei ist es unser Immun System arbeiten zu lassen. Es verteidigt uns gegen infektiöse Mikroben und Keime, die Schaden anrichten können. Wir haben Zellen, die Killerzellen sind, und Zellen, die Regulatoren sind, damit die Killerzellen unseren eigenen guten Zellen keinen Schaden zufügen. Unser Immunsystem lernt zu erkennen, ob es sich um einen schädigenden Eindringling oder eine eigene Zelle handelt. Wir sollten in der Lage sein, unsere Immunfunktion angemessen einzuschalten und dann wieder auszuschalten, wenn das Infektionsrisiko vorüber ist.


Ein überaktives Immunsystem kann zu einer Autoimmunerkrankung oder einer erheblichen, weit ausgebreiteten Entzündung führen, während ein geschwächtes Immunsystem (z.B. über mangelhafte Ernährung) unser Infektionsrisiko erhöhen kann.


Am Anfang einer Infektion wird das System aktiviert und alarmiert Zellen und produziert Substanzen, die zum Beispiel einen Virus abtöten können. Gibt man einem Patienten nun Immunsuppressiva, die Reaktionen des Körpers unterdrücken, hinderst du deinen Körper daran die wichtigen Antikörper zu bilden, weil das Immun System nicht richtig aktiviert werden konnte. Wenn die Entzündung fortgeschritten ist, dann kann man die Symptome lindern, wie zum Beispiel Fieber zu senken.


Was genau ist eine Entzündung?


Eine Entzündung ist – ganz allgemein gesagt – eine Reaktion des körpereigenen Abwehrsystems auf einen Reiz. Das können Krankheitserreger sein, aber auch Fremdkörper. Wir haben in unserem Körper überall Zellen, die, sobald sie aktiviert werden Zytokine produzieren, die die Aufgabe haben weitere Zellen zu informieren zu einem bestimmten Ort zu kommen. Wenn die Entzündung sehr stark wird, kann sie sich auf den ganzen Körper auswirken. Dann können allgemeines Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit und Fieber auftreten. Diese Beschwerden sind ein Zeichen, dass die Immunabwehr sehr aktiv ist und viel Energie benötigt, die dann für andere Aktivitäten fehlt. Wenn der Stoffwechsel durch Fieber beschleunigt wird, können unter anderem mehr Abwehrstoffe und -zellen gebildet werden. Auch im Blut kann eine Vermehrung der Abwehrzellen festgestellt werden.


Welche Rolle spielen Vitamine wie Vitamin D oder Vitamin C?


Es gibt keine guten Beweise dafür, dass eine bestimmte Menge an Vitaminen die Leistung unseres Abwehrsystems steigern kann. Was allerdings erwiesen ist, ist, dass wir alle Nährstoffe auf dem normalen Niveau haben müssen, damit unser Immunsystem richtig funktioniert. Menschen nehmen Vitamin D, um sich vor COVID zu schützen, aber wenn ihr Wert im Gleichgewicht ist, sind diese zusätzlichen Vitamine nicht unbedingt hilfreicher. Man sollte das kontrollieren, indem man sein Blut regelmäßig (einmal im Jahr) auswerten lässt und gleichzeitig auf eine ausgewogene Ernährung achten.


Wie weit ist die Immunforschung? Was sind die spannendsten Entdeckungen der letzten Jahre?


Wir entnehmen Zellen trainieren sie, setzen sie wieder in den Körper ein und lassen sie dann arbeiten. Dies nennt man Immuntherapie und es wird schon einige Zeit angewandt. Oder man kann mit Gentherapie, primäre Immundefekte behandeln. Wenn wir das Gen kennen, welches die Krankheit verursacht, dann führen wir über das Knochenmark neue Zellen mit dem korrigierten Gen ein.

Die Wissenschaft entwickelt sich in diesen Bereichen rasant weiter. Die meisten sind sich nicht bewusst, dass diese Methoden keine Science-Fiction ist, sondern bereits wirklich eingesetzt werden.

Eine Forschungsgruppe in Paris untersuchte COVID Patienten mit schweren Infektionen. Sie fanden heraus, dass 12% mit schweren Corona-Virus-Symptomen gleichzeitig auch eine bestimmte Art von Antikörpern hatten, die gegen Zytokine wirken, die wichtige Regulatoren in unserem Immunsystem sind. Wir lernen jeden Tag neue Dinge, aber es gilt auch noch viele Lücken in der Immunologie zu schließen. Ich habe mehr als 3 Jahre mit Leukämie-Patienten gearbeitet und versucht, das Immunsystem zu trainieren. Wir wollten die Behandlung von Krebspatienten verbessern und einen Rezeptor finden, der nur Tumorzellen, aber keine normalen Zellen abtöten könnte. Die Behandlung mit Chemotherapie ist nämlich nicht selektiv, sodass die Behandlung meist viele wichtige Antikörper abtöten kann. Was mich so begeistert, ist, dass alles mit dem Immunsystem zusammenhängt. Wenn man einen Autoimmunmangel hat, wenn man nicht gut auf eine Infektion anspricht, wenn man eine Allergie hat, oder wenn man Krebs hat. Die Art der Behandlung über unsere Immunzellen und unser Immunsystem ist unglaublich spannend!



Unsere Expertin

Dr. med Luiza Campos ist Kinderärztin, spezialisiert auf Allergien und Immunologie. Sie arbeitete und forschte am Nationalen Institut für Krebs in Brasilien mit Gentherapie, Immuntherapie und experimentellen Modellen menschlicher Krankheiten. Sie lebt in London und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Royal Free Hospital des UCL-Instituts für Immunität und Transplantation.



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