Handtaschen-Kult: It-Bags als Symbol der Emanzipation

von Yvonne Willms


Notfallkoffer, Wertanlage, Statussymbol, Transportvehikel. Sie ist ein Symbol für Weiblichkeit und kann einen Look von jetzt auf gleich verändern: die Handtasche. Bis heute werden Handtaschen häufig nur als oberflächlich angesehen und ihre gesellschaftliche Bedeutung selten hinterfragt, dabei ist das modische Accessoire viel mehr als nur ein Gegenstand zum Verstauen von praktischen und persönlichen Dingen.


Handtasche mit Inhalt Sonnenbrille Kosmetik Handy

Obwohl wir uns alle täglich eines der zigtausend Modelle um die Schulter werfen, ist vielen von uns nicht bewusst, dass die Geschichte der Handtasche eigentlich mit der Geschichte der weiblichen Emanzipation stark verwoben ist. Für viele Frauen wurde die Handtasche nämlich das Symbol ihrer eigenen Emanzipation, sobald diese Geld verdienten, ihre eigenen Bankkonten eröffneten und ihren Autoschlüssel mit sich führten.


So spiegelt eine Handtasche nicht nur die individuelle Persönlichkeit ihrer Trägerin wider, sondern ist auch ein Stück weit Erinnerung und Symbol für Unabhängigkeit, Individualität und Selbstbestimmtheit.


„Die Handtasche einer Frau ist ein ebensolches Mysterium wie die Frau selber.“ Simon Le Bon

Geschichte der Handtasche: Wer hat die Handtasche erfunden?


Wer die erste Handtasche der Welt erfunden hat, ist bis heute unklar. Erstmals kamen die Accessoires im 15 Jh. als kleine Beuteltaschen aus feinen Stoffen auf. Abgelöst wurden sie aufgrund des aufkommenden Postverkehrs durch kompakte Brieftaschen, bevorzugt aus Leder. Zu Beginn des 20. Jh. waren es schmale Pochettes und elegante Ledertaschen mit kleinem Kettenhenkel, die den zeitlichen Trend bestimmten. Industrialisierung und bessere Mobilität sorgten bald dafür, dass Taschen immer vielfältiger wurden und wir heute für jeden Anlass ausgestattet sind.


Spannend dabei ist, dass sich ab den 60er Jahren Taschenmodelle und sogenannte Kultbags stark nach gesellschaftlichen Trends orientierten. So wurden Taschen sogar nach Kultfrauen benannt, die für einen gewissen Lebens- und Modestil standen und damit Frauen weltweit inspirierten. It-Bags aus dem Hause Hérmes, wie die nach Jane Birkin benannte Birkin Bag, oder die Kelly Bag inspiriert von der faszinierenden Grace Kelly, sind wohl die berühmtesten Beispiele.


„I learned what a Birkin bag is from the price tag. You’ll never forget what it is once you’ve paid for one.“

Auch später in den 1990er Jahren, als die selbstbewussten Frauen der Kultserie Sex and the City für den neuen Feminismus der Jahrtausendwende und Selbstverwirklichung standen, wurden Handtaschen wie die Baguette Bag von Fendi durch Carrie Bradshaw und Co. weltberühmt und verschafften vielen großen Designer Labels einen Aufschwung. Die Handtasche wurde so zur Cash Cow der großen Luxuslabels. Seitdem wandert das eigens verdiente Geld nicht mehr nur in ein Eigenheim, sondern auch in den Kleiderschrank. Denn genauso wie weltweit gestreute Indizes am Aktienmarkt, steigt auch der Wert von Designertaschen zuverlässig.


Bye bye It-Bag! Nachhaltige Handtaschen von Frauen für Frauen


So zeigt sich nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute, dass der Zeitgeist und seine Frauen nicht nur großen Einfluss auf die Mode, sondern auch auf Handtaschen-Trends haben. Denn It-Bags sind längst nicht mehr alles, was der Handtaschen-Markt heute zu bieten hat. Statt klassischer Marken wie Louis Vuitton, Gucci oder Chanel sucht die moderne Frau vermehrt nach Handtaschen von kleineren Labels mit Designs, die nicht gleich auf den ersten Blick „Designer-Bag“ schreien. Der Trend geht weg von großen Modehäusern hin zu lokal produzierenden, unbekannteren Marken. Eine Handtasche steht plötzlich nicht mehr nur für Emanzipation, sondern auch für traditionelle Handwerkskunst, die gerade von vielen Unternehmen wiederentdeckt wird. Das Erfolgsrezept dieser neuen Taschenliebe? Mit qualitativer Verarbeitung, hochwertigem Material, zeitlosem Design gepaart mit einer sehr starken Instagram-Präsenz und Preisen im mittleren Segment schreiben Marken wie z.B. Mansur Gavriel heute Erfolgsgeschichte.



In neuester Zeit steht auch der Faktor Nachhaltigkeit bei Taschen-Start-ups hoch im Kurs. Bei Naditum wird zum Beispiel chromfrei gegerbt oder wie bei HVISK direkt ganz auf Leder verzichtet. Recyceltes Plastik, oder neue, vegane Textilien, bieten ausreichend Alternativen bei der Herstellung. Übrigens werden Start-ups im fair produzierten Accessoire-Bereich auch überwiegend von Frauen gegründet. Denn findet Frau nicht das, was sie sucht, stillt sie ihren Taschenbedarf eben selbst. So entstand auch das Taschenlabel maggie.b.good.company. Auch das ist Feminismus in Handtaschen-Form: Accessoires, die von Frauen für Frauen in nachhaltiger Produktion vermarktet werden.


Die Handtasche: Zeichen für beruflichen Erfolg und Unabhängigkeit?


Was für Männer eine Rolex ist, ist für manche Frauen die Chanel-Tasche. Und so steht für viele Frauen zu Beginn ihrer beruflichen Karriere eine Designertasche ganz oben auf der Wunschliste. Die Symbolik hinter dem Kauf dieses Kultobjekts: Ja, ich habe es alleine geschafft! Selbst gekaufte und ersparte Designertaschen sind heute also ein Teil der Selbstverwirklichung von ambitionierten Frauen. Ist aber dann eine vom Partner geschenkte Luxustasche im Sinne der Gleichberechtigung überhaupt noch erwünscht?


Waren es früher die Partner und Alleinverdiener, die mit teuren Geschenken den Status einer Frau definierten, so steht heute eine vom Ehemann geschenkte Designertasche oft erstmal im Gegensatz zu beruflicher Selbstverwirklichung und Emanzipation. Viele Frauen verzichten lieber auf ein Luxusgeschenk ihres Partners und verbinden die Investition in eine teure Handtasche lieber mit dem eigenen Erfolg. Für viele ganz oben auf der Liste steht dabei die Chanel Handtasche.


Handtaschenklassiker und Emanzipation: Geschichte der Chanel 2.55


Wer die Geschichte des Labels Chanel kennt, weiß: Coco Chanel war die Feministin schlechthin. Sie trug bequeme Männerkleidung und machte sie für uns Frauen gesellschaftsfähig. Sie suchte sich ihre Liebhaber aus und verfolgte ehrgeizig ihre Karriere. Die bekannteste Kreation der Designerin ist bis heute neben dem Chanel-Kostüm und Parfüm No.5 die 2.55, auch Classic Flap Bag genannt.


Coco Chanel mit Flap Bag 2.55
Fotocredit: Chanel

Die nach dem Monat und Jahr ihrer Entstehung benannte Ledertasche war ein absoluter Skandal. Mit Kettenriemen, eleganter Steppung und Metallschließe traf sie zwar den Geschmack der Frauen, nicht jedoch der Männer. Bis dato trugen Frauen bevorzugt Taschen mit filigranem Henkel. Der lange Schulterriemen, der Frauen mehr Bewegungsfreiheit gab, wirkte ungewohnt klobig. Aber praktisch war die Tasche allemal.


„Wenn eine Tasche attraktiv ist, gibt sie dir auch ein gutes Gefühl. Es geht um Linienführung, Oberflächen, Stoffe, ausgewogene Proportionen. Wenn all das perfekt harmoniert, wird sich die Tasche verkaufen. Mehr noch – du willst sie haben oder sterben.“ Tom Ford

Auch das innere Design der It-Bag war durchdacht. Das Außenfach auf der Rückseite war für Bargeld vorgesehen, im Inneren genug Platz für die alltäglichen Dinge. Heute ist die Classic Flap Bag ein eleganter Klassiker. Was viele der Chanel-Liebhaberinnen gar nicht wissen: Erst durch Karl Lagerfeld wurde die Metallschließe mit dem ikonischen CC-Logo versehen. Die bis heute begehrte Neuauflage ist daher eine Hommage an die Vorreiter*in der modischen Gleichberechtigung.


Weekender und ausgebeulte Hosentaschen: Handtaschen für den Mann


Nun stellen sich sicher viele die Frage warum die Handtasche sich bisher nicht bei Männern durchgesetzt hat (Karl Lagerfeld ausgenommen!). Schaute man nämlich in der Vergangenheit in den Accessoire-Bereich eines Herrenausstatters fand man dort vieles, aber keine Handtasche. Die Auswahl an Taschen war deutlich eingeschränkt und stets zweckmäßig. Laptoptaschen fürs Business, Rucksäcke für die Freizeit und große Weekender für die Reise.


Von minimalistischen Shoppern aus Leder hin zu bunten Gürteltaschen mit Logoprägung ist nun allerdings auch für die Herren der Schöpfung viel mehr Auswahl vorhanden, denn der Taschenmarkt hat eine neue Zielgruppe entdeckt: den modebewussten Mann. Ausgebeulte Hosentaschen sind nun kein Thema mehr. Und warum auch nicht? Denn schließlich haben auch Männer Portemonnaie, Smartphone und Schlüsselbund zu verstauen. Die Auslöser für den Trend der männlichen Handtasche sind vielfältig. Zum einen hat die Modewelt erkannt, dass für den modernen Mann Selbstpflege nicht beim Gang ins Fitnessstudio aufhört. Zum anderen zeigen Stilvorbilder, wie Sänger Harry Styles oder Designer Virgil Abloh, dass Handtaschen nicht nur praktisch, sondern auch stylisch sind. Langfristig werden diese also wohl nicht mehr nur uns Frauen vorbehalten sein.


Der Mini-Bags-Trend im Zeitalter der Fempreneure


Ein faszinierender Trend, der wohl darauf zurückzuführen ist, dass mittlerweile sehr viele Frauen sich praktisch ihr Handy in Form von Handytaschen oder mittels Handyketten umhängen, sind Micro- oder Mini-Bags. Die kleinen Mini-Bags in verschiedenen Designs sind seit einigen Jahren heiß begehrt. Besonders ein Objekt hat es den Fashionistas angetan: die Le Petit Chipito Micro Bag des französischen Labels Jacquemus. Obwohl in die Tasche gerade mal ein paar Eurostücke reinpassen, ist das gute Stück seit Monaten im Onlineshop des Labels ausverkauft. In Modeblogs wird die Tasche angepriesen mit dem Slogan: „The most inpracticable bag you’ve ever wanted“. Doch wie gehen winzig kleine Mini-Bags und Mütter, die Karriere und Mama-Dasein wuppen, zusammen?


Ausgelöst wurde der Taschenhype im Jahr 2019 aufgrund von Digitalisierung und dem anhaltenden Minimalismus-Trend. Einem Zeitalter, in dem wir uns wieder auf das Nötigste beschränken und im Sinne der Nachhaltigkeit weniger konsumieren. Die Minitaschen befreien uns also von unnötigem Ballast und machen den Weg frei für die wichtigen Dinge. Denn was braucht die Frau von heute wirklich, um die Welt zu erobern? Eigentlich nicht mehr als Smartphone und vielleicht noch einen Lippenstift. Und so schaffen auch die Mini-Bags neue Bewegungsfreiheit, so wie es auch die 2.55 von Chanel in den 50er Jahren getan hat.


Welcher Handtaschentyp bist du?


Egal ob Designertasche oder Low Budget, ob im Mini- oder Maxiformat: die Handtasche begleitet uns durch unser Leben und sagt so viel über uns aus. Ob als Businessfrau, Mama, Globetrotterin, Influencerin oder Sportlerin - mit ihr verstauen wir unsere persönlichsten Gegenstände und drücken gleichzeitig unsere Persönlichkeit aus. Während sich manche von uns mit einer Minibag auf das Nötigste beschränken, investieren andere in eine klassische Chanel-Tasche als Wertanlage, oder Minimalistinnen nutzen einen chicen Jutesack als Einkaufstüte und praktisches Accessoire in einem. Egal in welcher Grösse, Form, aus welchem Material, oder in welcher Preisklasse, aus der Mode werden Taschen jedenfalls nie verschwinden.

Fragt sich nur noch – Welcher Handtaschentyp bist du?


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