Mütter und Arbeit - Chancen für Veränderung

von Lisa Reinisch

Die Pandemie hat für Frauen viele Zusatzbelastungen gebracht, aber auch eine historische Chance. Die Krise von heute könnte eines Tages doch noch zum Saatbeet einer zukunftsweisenden Arbeitsmarktwende werden. Wir fragen uns deshalb genau jetzt: "Sollten wir, als Gesellschaft, uns die Leistungen von Müttern etwas kosten lassen?"


Mutter und Arbeit | myGiulia

Der globale Anklang der #MeToo-Bewegung hat in den letzten paar Jahren die alltäglichen Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen leben, wieder in den Vordergrund gerückt. Dann kam die Pandemie und hat das ihre dazu beigetragen, den Stellenwert von Kinderbetreuung und Hausarbeit als Wirtschaftsfaktoren zu verdeutlichen. Spätestens seit dem ersten Lockdown fragt keiner mehr, was Vollzeitmamas eigentlich den ganzen Tag so tun.


Noch nie war so vielen Menschen so klar, dass die sogenannte “Babypause” in Wirklichkeit ein anstrengender Vollzeitjob ist. Einer mit reichlich Überstunden, dafür ohne Pensionsanspruch, Gewerkschaft oder Bezahlung.

Die Covid-Krise hat eine neue Realität geschaffen, in der den Leistungen von Eltern mehr Aufmerksamkeit und Respekt zuteil wird, denn je. Jetzt dringen Stimmen in den Mainstream, die sich für die eine systematische Neugestaltung der Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern stark machen. Auch der Ruf nach einer Entlohnung für Eltern und bisher unbezahlte Betreuer*innen aller Art wird wieder lauter. 2019 streikten in der Schweiz tausende Frauen, wobei genau diese Forderung mit im Vordergrund stand.


Federführend sind dabei nicht nur eingefleischte Frauenrechtler*innen, sondern auch junge Manager*innen, Akademiker*innen und Erziehungsberechtigte aller Art, die in dieser Idee eine Chance auf ein lang heraufbeschworenes, bisher unerreichtes Ziel sehen: der tatsächlichen Gleichstellung zwischen Männern und Frauen – und zwar auch nachdem sie Eltern geworden sind.


Ein Leben davor, ein anderes danach


Natürlich stellt die Geburt eines Kindes das Leben von Vätern und Müttern gründlich auf den Kopf. Gerade in den ersten Monaten sind die Papas von heute aktiver und involvierter als noch eine Generation davor. Es gibt mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten als früher und das Leitbild der Eltern hat sich ebenfalls gewandelt. Doch die Realität, am Arbeitsmarkt und daheim, hat sich nicht so stark verändert, wie manche es sich erhofft hatten.


Hand hoch, wer eine Frau kennt, deren Beschäftigungsfeld nach der Geburt eines Kindes nicht nachhaltig anders ausgesehen hat als vorher. Teilzeit und Gehaltseinbußen, weniger Beförderungschancen, dafür mehr Hausarbeit. Das war auch schon vor der Pandemie so. Doch gerade seit Frühling 2020 mussten sich viele Familien eine “neue” Arbeitsteilung angedeihen lassen, die verdammt nach der alten aussieht: Der Besserverdiener (meist männlich) arbeitet Vollzeit, der Elternteil mit geringerem Einkommen (meist weiblich) arbeitet Teilzeit oder bleibt daheim und übernimmt den Löwenanteil von Kinderbetreuung und Haushalt. Wenn es wirtschaftlich eng wird, werden Eltern schnell in alte Geschlechterrollen zurück gedrängt. Die Pandemie hat uns gezeigt, wie zerbrechlich die Errungenschaften der Emanzipation eigentlich sind.


Jess Brammar, bis vor kurzem Chefredakteurin des nun eingestellten britischen Ablegers der US-Nachrichtenplattform BuzzFeed, war bereits im 7. Monat Schwanger, als ihr der Chefposten angeboten wurde. Sie hatte Glück, ihr Arbeitgeber war einer der progressivsten in der britischen Medienbranche. Die meisten schrecken nach wie vor davor zurück, eine angehende Mutter zu befördern.


“Beruflich hat es fast keine Auswirkungen auf Männer, wenn sie Eltern werden,” sagt Brammar. “Wir müssen an einen Punkt gelangen, an dem die Menschen Mutterschaft nicht als ausschließliche Verantwortung derjenigen Menschen betrachten, die gebären oder Babys adoptieren. Das wäre eine wichtige Veränderung.”


Wirtschaftsfaktor Mama


Es steht außer Zweifel, dass die Arbeit von Müttern für Wirtschaft und Gesellschaft unentbehrlich ist. Laut Schätzungen der OECD, hätten die Frauen der Welt im Jahr 2018 an die 10,9 Billionen Dollar verdient, wenn sie für die unbezahlten Arbeiten, die sie tagtäglich erledigen, einen Mindestlohn ausbezahlt bekommen hätten. Das wäre mehr gewesen, als die 50 weltweit größten Unternehmen in demselben Jahr erwirtschaftet haben.


Solche theoretischen Konstrukte mögen realitätsfern sein. Doch sie dienen dazu, etwas greifbar zu machen, was sonst oft unsichtbar bleibt: die Arbeit, die Frauen, speziell Mütter, gratis zur Verfügung stellen. Seit jeher und auch heute noch.


Frauen mit Kindern unter sechs Jahren verbringen im Durchschnitt fast 60 Stunden die Woche mit der Erledigung von unbezahlten Arbeiten – das gilt für Hausfrauen genauso wie für Mütter mit Anstellung. Männer kommen auf etwas mehr als die Hälfte davon.

Obwohl sich die althergebrachten Geschlechterrollen langsam auflockern, Kinderbetreuung und Hausarbeit sind immer noch “Frauenarbeit”. Väter, die zuhause bleiben, bleiben die Ausnahme.


Arbeitsmarkt der Zukunft - Wohin geht die Reise?


Ein Universaleinkommen für Mütter wird sich politisch kaum umsetzen lassen, allerdings lenkt die Debatte darüber doch die Aufmerksamkeit auf eine wichtige Frage: wie könnte der Arbeitsmarkt der Zukunft aussehen, der es sowohl Frauen als auch Männer ermöglicht, ihr volles Potential zu entfalten?


Visionen für die Arbeitswelt von morgen begleiten uns schon lange. Gesetzlich gibt es die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz schon seit Jahrzehnten, die Realität sieht jedoch anders aus. Die Gehaltsschere hält sich hartnäckig, wobei der deutschsprachige Raum (Schweiz 17,7%, Österreich 21,7%, Deutschland 22%) zum europäischen Schlusslicht gehört.


Ebenfalls eine Dauererscheinung: Die Tatsache, dass selbst progressive Frauen mit hohem Einkommen und/oder großer Liebe zu ihrem Job oft aus der Arbeitswelt ausscheiden, sobald Nachwuchs da ist. Bei einer Gesprächsrunde zum Thema “Mothering and work, mothering as work”, die kürzlich an der London School of Economics (LSE) stattfand, stellte die Autorin Shani Orgad in Frage, darin eine individuelle Entscheidung zu sehen: “Das Verlassen einer bezahlten Beschäftigung wird oft fälschlicherweise als Wahl festgelegt. Bis zu einem gewissen Grad ist es wahr, aber selbst für privilegierte Frauen ist die Geschichte viel komplexer."


"Die Idee, dass man wählen kann, ob man bleiben oder gehen möchte, ist weit verbreitet, obwohl viele Forscher festgestellt haben, dass diese Wahl eher das Ergebnis einer Reihe struktureller Entscheidungen als persönlicher Wünsche ist. Dazu gehören Arbeitskulturen, die mit dem Familienleben völlig unvereinbar sind."

Was Frauen wollen


Der Wunsch von Frauen, sowohl Familie als auch Karriere zu meistern, ist eine zwiespältige Angelegenheit. Bestseller-Autorin, Facebook-Managerin und zweifache Mutter Sheryl Sandberg ruft seit 2013 unter dem Motto “Lean In” Mütter dazu auf, sich karrieretechnisch nicht unter den Scheffel zu stellen. Auch mit Babybauch und Kleinkind an der Hand sollte Frau die nächste Beförderung nicht aus den Augen verlieren. Die Erwartungen an Mütter sind hoch, Tendenz steigend.


Doch selbst die Grätsche zwischen Job und Familie sind vielen nicht genug. Viele Mütter wollen sich persönlich verwirklichen, stürzen sich in den sogenannte “Mumpreneurialism”, machen sich selbstständig, gründen Start-Ups und machen sich auf die Suche nach Geschäftspartnern und Investoren.


“Ein Tagesjob, bei dem Essen auf den Tisch kommt, reicht jetzt nicht mehr aus. Frauen werden ermutigt, auch in ihrer Freizeit energiegeladene, leidenschaftliche Arbeit zu leisten. Die zunehmende Unsicherheit, Erschöpfung, Prekarität und Angst von Frauen fehlt völlig in der Gleichung.” findet Orgad.

Wendy Sigle ist Leiterin des Zentrums für die Analyse sozialer Ausgrenzung an der LSE und sieht die Lage ebenfalls kritisch: “Als die EU anfing, Frauen einzubeziehen, bestand die ganze Idee darin, hoch gebildete und hoch steuerpflichtige Frauen in die Arbeitswelt aufzunehmen, um dann die Arbeit, von der sie abgezogen wurden, abzuwerten.”


Da drängt sich die Frage auf: wie viel Gleichberechtigung wollen Frauen eigentlich? Was Frauen wirklich wollen ist eine Arbeitswelt, eine Gesellschaft, in der der Erfolg von Müttern - sowohl daheim als auch im Büro - nicht eine individuelle, private Angelegenheit sondern ein gemeinschaftliches Anliegen ist. Dazu gehört ein Arbeitsmarkt und eine Arbeitskultur, die Mütter unterstützen, statt sie auszugrenzen.


In der klassischen romantischen Komödie “Was Frauen wollen”, wird Mel Gibson nach einem Elektroschock unfreiwillig zum Frauenversteher – sprichwörtlich: er kann plötzlich ihre Gedanken lesen. Ganz ehrlich: so ein Zwischenfall könnte auch unseren Gesetz- und Arbeitgebern ganz gut tun.


Uneingelöste Versprechen


Leider ist die Frage, die Politiker und Wirtschaftstreibende vordergründig beschäftigt immer noch die: wie viel Gleichberechtigung können wir uns leisten? Der Status Quo gibt wenig Anreize für eine grundlegende Veränderung der nach wie vor grösstenteils wenig familien- und frauenfreundlichen Arbeitswelt. Die Pandemie hat das bestehende Ungleichgewicht noch deutlich zugespitzt und offen gelegt, dass die alten Versprechen von Gleichberechtigung noch lange nicht eingelöst sind. Universelle Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten, mehr gesellschaftliche Anerkennung: die Forderungen von Müttern sind nicht neu, aber aktueller denn je.


“Die Krise hat dazu geführt, dass die politischen Entscheidungsträger ziemlich kurzsichtig geworden sind was den Alltag von Frauen angeht,” findet Sigle. “Wir haben eine künstliche Welt geschaffen, in der die Menschen in die Vororte ziehen, um dort alleine die Kindererziehung zu betreiben, statt als Gemeinschaft. Diese Mutter-Baby-Dyade ist ein Produkt eines bestimmten historischen Moments. Das ist nicht normal, oder natürlich.”


Sigle fasst die Lage so zusammen:


“Für die Regierung besteht kein Anreiz, den Wert von unbezahlter Arbeit tatsächlich anzuerkennen.” Stattdessen wurde es Familien erleichtert, billigen Ersatz für die Dienste anzumieten, die früher gratis von Müttern erledigt wurden. Jedoch nicht in einem annähernd ausreichenden oder leistbaren Umfang.

Momentan sind es hauptsächlich einige wenige innovative Arbeitgeber, die sich am besten um die Anliegen berufstätiger Eltern kümmern. Doch handelt es sich hier zumeist um Anreize für Mütter und Väter in Spitzenpositionen, nicht um breitenwirksame Ansätze. Ein Beispiel aus der Finanzwelt: KKR & Co., eine der ältesten amerikanischen Private Equity Funds, bietet jungen Eltern an, ihr Kleinkind samt Nanny auf Geschäftsreisen mitzunehmen – auf Firmenkosten. Wohl eine Pressemeldung wert, aber kaum ein gesellschaftlicher Game Changer.


Nein, wenn es um eine echte soziale Neuaufstellung geht, sind Regierungen gefragt. Laut UNICEF sind Schweden, Norwegen, Island, Estland und Portugal die familienfreundlichsten Länder Europas, während es Eltern in der Schweiz, Griechenland, Zypern, Großbritannien und Irland besonders schwer haben.


Besonders Norwegen wird oft als Vorbild für familien- und frauenfreundliche Arbeitsmarktpolitik hochgehalten. Zurecht: Das norwegische System ist flexibel und großzügig: Mütter können 35 Wochen bei vollem Entgelt oder 45 Wochen bei 80% Entgelt nehmen. Für Väter gibt es, je nach Einkommen der Frau, zwischen null und 10 Wochen Elternzeit. Gemeinsam können Eltern weitere 46 Wochen bei vollem Entgelt oder 56 Wochen bei 80% ihres Einkommens in Anspruch nehmen.


Zusätzlich hat Norwegen, wie auch andere skandinavische Länder, eine fortschrittlichere Wertekultur, die Männern und Frauen mehr Freiheit in der Gestaltung ihres Arbeits- und Familienalltags gibt. Im deutschsprachigen Raum schwingen, wenn es um arbeitstätige Mütter geht, immer noch althergebrachte Vorurteile gegen “Rabenmütter” und “Workaholics” mit. Auch die Aufteilung von Hausarbeit ist und bleibt in diesen Breiten eine traditionelle, besonders in der aktuellen Situation.


Der Blick nach vorn für Mütter


Doch Sigle findet für Frauen auch etwas Positives an der Covid-Krise: “Wir haben ein schönes Beispiel dafür gesehen, dass massive Veränderungen möglich sind, wenn der Wille da ist und wenn die Umstände es erfordern.”


Auch Brammar blickt mit Optimismus in die Zukunft: “Einer der Vorteile von 2020 ist, dass wir die Sentimentalität in Bezug auf die Mutterschaft verlieren werden. Weil niemand, der das Jahr 2020 erlebt hat, die Erfahrung der Mutterschaft als flockig oder einfach ansehen kann. Es ist zäh und Mütter haben Heldenhaftes geleistet.”


Sarah Knott, Autorin einer umfangreichen historischen Analyse der Mutterrolle, “Mother: An Unconventional History”, fasst es folgendermaßen zusammen: “Der Optimismus des Augenblicks ist, dass Frauen sich eine seltsame Art von Heiterkeit erlauben, indem sie anerkennen, wie unverwechselbar unsere Erfahrung ist. Dass es kein 2019 mehr gibt, zu dem man zurückkehren könnte. Es gibt nur noch das, was vor uns liegt und was wir tun, um es zu gestalten.”



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