Warum Frauen manchmal Gipfel brauchen – Eine Reise in den Himalaya und zu mir
- vor 5 Tagen
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Text und Fotos von Dr. Elke Paul

Als Weiterbildnerin, Yogini und Psychotherapeutin in Ausbildung sind für mich Reflektion, innere Einkehr und Stille wertvolle Fähigkeiten, die in der heutigen schnelllebigen Zeit aber immer schwerer zu finden sind.
„Wenn du Einklang mit dem Sein spüren möchtest, musst du zur Quelle des Ganges gehen. Du wirst verändert zurückkehren.“ Diesen Satz hatte ich in Indien mehr als einmal von Sadhus gehört – Wandermönchen, die seit Jahrhunderten auf Pilgerpfaden durch den Himalaya ziehen, auch durch das heilige Gangotri-Gletschertal.
Ich bin eigentlich kein Mensch für Superlative. Und gleichzeitig weiß ich, wie transformativ Natur wirken kann. Oft genug in meinem Leben habe ich wilde, unberührte Landschaften aufgesucht, um mit mir selbst ins Reine zu kommen. Und auch jetzt war es wieder an der Zeit. Die Bilder, die ich mir über die indische Region anschaute, taten ihr Übriges. Also buchte ich eine spirituelle Trekkingreise durch den Himalaya, ohne mich wirklich mit der Frage zu beschäftigen: Wie werde ich das eigentlich schaffen?
Psycholog*innen sprechen gern von drei Lernzonen: Komfortzone, Wachstumszone und Panikzone. Der Trip sollte im Oktober stattfinden. Ab Juli befand ich mich in der Panikzone. Eine Trekkingreise in den Himalaya bis auf 4.450 Meter ist für eine in Berlin lebende Mittfünfzigerin, deren höchste heimische Erhebung der Teufelsberg mit seinen 120 Metern ist, weit entfernt von der Komfortzone.
Was, wenn ich nicht fit genug bin?
Wie werde ich mit der Höhe zurechtkommen?
Ich kenne niemanden auf der Reise – was, wenn die alle komisch sind?
Kommen die in der Familie und Arbeit ohne mich klar?
Und wer zur Vorbereitung Trainingswanderungen macht, merkt schnell: Diese Gedanken werden nicht leiser. Sie werden lauter.
Loslassen
Heute weiß ich: Genau hier beginnt Transformation. Mit dem Loslassen des Gewohnten und der Begegnung mit dem Unbekannten – meist begleitet von einer ganzen Kette von „Was-wäre-wenn“-Gedanken. Interessanterweise zeigen Studien, dass solche Sorgenketten statistisch eher bei Frauen auftreten. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele von uns bei einer Idee steckenbleiben und gar nicht erst ins Handeln kommen.
In meinem Fall war der Trip bereits gebucht und weglaufen keine Option. Ich musste lernen, mit der Unsicherheit zu leben, und ich musste meinen Alltag umstellen, um ausreichend zu trainieren.

„Ich fühlte mich verbunden. Mit mir selbst. Und mit der Welt."
Konfrontation
Schließlich kam ich im ersten Hotel auf etwa 2.000 Metern Höhe an und traf meine Mitreisenden: beeindruckende, spannende Frauen – und ein paar Männer – aus verschiedenen Ländern und mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten.
In der Vorstellungsrunde zeigte sich schnell, dass uns ähnliche Themen bewegten: Abstand gewinnen. Loslassen. Zur eigenen Stimme zurückfinden. Verbindung zur Natur spüren. Veränderungen anstoßen oder verdauen. Wir hatten ganz schön viel mentales Gepäck für diese Reise.
Nach einer Woche Akklimatisation und Trainingswanderungen ging es endlich los – mit Zelten, Mulis und einem unglaublich hilfsbereiten Sherpa-Team. Jeden Tag ein Stück höher, immer entlang des jungen Ganges. Mit der Zeit fanden wir unseren Rhythmus. Langsam, stetig, Schritt für Schritt. Wir bewegten uns wie ein kleiner Trek-Organismus durch die Landschaft. Auch ohne viele Worte entstand eine tiefe Verbindung.
Abends in den Camps am Fluss gab es Zeit für Stille, Meditation, für Tagebuchschreiben oder Yoga. Und für das Staunen über die unglaubliche Schönheit der Berge.
Und genau hier kam es auch zur Konfrontation mit der eigenen Innenwelt. Die Rastlosigkeit der eigenen Gedanken im Angesicht dieser uralten, stillen Berge war frustrierend bis lächerlich. Wie klein – und gleichzeitig wie beherrschend – so ein Gedankenkino sein kann.
Ein Yin und Yang der Gefühle setzte während des Gehens ein. Alte und neue innere Wunden schmerzten plötzlich, Tränen flossen. Routinen, Entscheidungen und Einstellungen wurden hinterfragt. Wir schwiegen miteinander oder hörten gut zu – und lachten gern aus vollem Herzen.
Mit jedem Höhenmeter wich die innere Unruhe ein Stück weiter einer tiefen Ehrfurcht.
Als wir schließlich den Gletscher und das Hochplateau erreichten, herrschte in mir nur noch Stille. Ich spürte tiefe Ruhe, körperliche Erschöpfung – und gleichzeitig eine unglaubliche Kraft. Ich fühlte mich verbunden. Mit mir selbst. Und mit der Welt.
„Das Hintergrundbild auf meinem Handy – ein Foto der Berge – erinnert mich daran, größer zu sein, als es mein zweifelndes Ich zulassen möchte."
Reintegration
Es fiel mir schwer, umzudrehen und zurückzukehren. Ich wollte das eben gewonnene Equilibrium nicht aufgeben. Auch der Abschied von den Frauen nach der Rückkehr, die mit mir diese besondere Erfahrung teilten, tat weh. Etwas in mir hatte sich tatsächlich verändert.
Ich war nicht nur körperlich stärker geworden. Ich hatte Klarheit gewonnen über Dinge, die ich in meinem Leben verändern wollte, um mehr innere Ruhe zu spüren. Dazu gehörte auch, mich von einigen Arbeitsprojekten und Menschen zu verabschieden – und meine eigenen Ziele klarer zu formulieren. Die Erkenntnisse darüber waren nicht neu, aber der Mut, es nun endlich durchzuziehen, schon. Ich fühlte mich stärker, sowohl körperlich als auch seelisch.
Zurück im Alltag hilft mir Meditation, mein Gedankenkino öfters mit Abstand zu betrachten, und meine innere Verbindung zu halten. Und das Hintergrundbild auf meinem Handy – ein Foto der Berge – erinnert mich daran, größer zu sein, als es mein zweifelndes Ich zulassen möchte.
Einmal Himalya und was dann?
Diese Reise machte mir klar, dass ich genau diese Erfahrungen mit anderen Frauen teilen möchte: Wir Frauen können unsere Kraft einfacher entdecken, wenn wir uns nicht so oft von „Was-wäre-wenn“-Gedanken leiten lassen, sondern den Mut haben, die Panikzone zu betreten. Es gilt, das Abenteuer einzugehen und sich auf innere und äußere Herausforderungen einzulassen, damit innerer Frieden einkehren kann. Aber nicht nur im Kopf, sondern mit vollem Körpereinsatz und mit allen Sinnen. Die Himalayas, auch als „Ort lebender Spiritualität” bekannt, sind dafür der perfekte Raum.
Je mehr Frauen sich trauen, ins Unbekannte zu springen, ihren inneren Kompass zu spüren und sich danach auszurichten anstatt nach externen Erwartungen, desto besser ist das für uns alle. Nicht nur für unser eigenes Wachstum – sondern auch als Vorbild für andere.
Diese Idee ließ mich nicht mehr los. Drei Jahre später wird sie Wirklichkeit: Dieses Jahr biete ich erstmals selbst eine Yoga- und Trekkingreise für Frauen an. Wieder bin ich in der Panikzone, aber nun kenne ich ja das Gefühl. Gemeinsam werden wir zur Quelle des Ganges trekken. Und wir werden gemeinsam wachsen.
Über die Autorin

„Was macht uns alle glücklicher?” Mit dieser Frage beschäftigt sich Dr. Elke Paul auf ihrer Reise durch verschiedene Ausbildungen, Länder und spirituelle Studien. Ihr Fazit: Es ist weder Geld, noch Intellekt, noch unser Background, sondern unser menschliches Potenzial für Werte, wie Sinn, Leidenschaft und Zusammenarbeit, das uns blühen und gedeihen lässt. Paul ist passionierte Bildungsberaterin und hält neben ihrem Doktortitel in Erziehungs-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften einen Abschluss in Sozialer Arbeit und ein Zertifikat in Positiver Psychologie. Elke Paul hat in Europa, den USA, Australien und Asien gelebt. Sie liebt die Stille, Yoga, Meditation und lacht sehr gerne.
Du findest Dr. Paul auf LinkedIn oder über ihre Website createpositive.org

















