Buchclub: An die Mutter
Jede Mutter war einmal Tochter. Was brauchen Töchter von ihren Müttern – und was, wenn sich Nähe, Wut und Verantwortung nicht sauber voneinander trennen lassen? Beim achten MQ Female Empowerment Buchclub stellten Lilian Klebow und Teresa Vogl vier Bücher über das Mutter-Tochter-Sein vor. Zu Gast war die Autorin Tamara Štajner, deren gefeierter Roman „Luft nach unten“ das Thema des Abends inspirierte.

Diesmal gab ein Roman den Ton an: Tamara Štajners „Luft nach unten“ lieferte die Inspiration für das Thema „An die Mutter“. Kaum stand es fest, folgte eine ganze Reihe von WhatsApp-Nachrichten über die eigenen Töchter. Beide Moderatorinnen haben eine Tochter in der Pubertät und finden sich gerade in einer Rolle wieder, die sie als Töchter nie einnehmen wollten: der der nervenden Mutter. Dazu kommt der allgegenwärtige Mental Load zwischen fordernden Berufen und zusätzlichen Verpflichtungen.
„Fast jedes Buch, das wir in mehr als zwei Jahren vorgestellt haben, hat mir direkt oder indirekt bei Konflikten mit meiner Tochter geholfen – vor allem beim Argumentieren“, sagt Klebow. Vogl ergänzt, was sie am gemeinsamen Lesen liebt: „Jede für sich ein Buch, die Füße zusammen unter der Decke, diese stille Zeit zu zweit.“
Sarah Trentzsch: „Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchen“
(Gutkind)

Nähe und Abgrenzung – beides zugleich
„Porträt einer Beziehung“ lautet der Untertitel – und genau darum geht es. Die Berliner Sozialpsychologin Sarah Trentzsch arbeitet seit 2013 als Paar- und Familienberaterin und engagiert sich in der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen und ihren Kindern. Entsprechend eindringlich thematisiert sie auch Gewalt, die in den beschriebenen Beziehungen erschreckend präsent ist.
Trentzsch beschreibt die oft widersprüchliche Beziehung zwischen erwachsenen Töchtern und ihren Müttern: Liebe und Nähe, aber ebenso Wut, Enttäuschung und unerfüllte Erwartungen. Ihre zentrale These: Töchter brauchen von ihren Müttern nicht nur Geborgenheit, sondern vor allem Freiheit – die Möglichkeit, sich abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln. Eine Mutter-Tochter-Beziehung gelingt dann, wenn beide einander als eigenständige Personen anerkennen, statt alte Rollen fortzuschreiben.
Besonders überzeugt die Moderatorinnen, dass die Theorie nicht abstrakt bleibt. Fünf Frauen zwischen 37 und 49 Jahren erzählen in der Ich-Form von ihren Erfahrungen: Lydia, Elena, Nicole, Anouk und Berit. „In jeder dieser Geschichten gab es Passagen, die mich extrem berührt haben, mit denen ich mich komplett identifizieren konnte“, sagt Vogl.
Die Quintessenz, auf die sich beide einigen: Stärke trotz Schwäche. Eine hilfreiche Mutter ist nicht diejenige, die immer souverän und fehlerfrei handelt. Wertvoll ist vielmehr, wenn die Tochter erlebt, dass ihre Mutter eigene Bedürfnisse verfolgt, sich Hilfe holt, Fehler eingesteht und Grenzen setzt. Die Botschaft lautet dann nicht: „Eine starke Frau braucht niemanden“, sondern: „Ich darf verletzlich und überfordert sein und trotzdem für mich einstehen.“
Ein Nein, eigene Interessen oder das Eingeständnis, gerade keine Kraft zu haben, zeigen der Tochter, dass auch ihre Bedürfnisse legitim sind. „Das hilft mir gerade enorm mit einer Tochter in der Pubertät“, sagt Klebow. Das Urteil der beiden: ein Pflichtbuch, eine Art Mutter-Tochter-Bibel für den Nachttisch – und ein grandioses Geschenk.
Alison Bechdel: „Wer ist hier die Mutter?“
(Kiepenheuer & Witsch)

Eine Graphic Novel über die Suche nach Anerkennung
Wer kennt den Bechdel-Test? Die US-amerikanische Zeichnerin Alison Bechdel machte ihn 1985 mit einem Comic bekannt. Ein Werk besteht den Test, wenn mindestens zwei Frauen darin vorkommen, die miteinander sprechen – und zwar über etwas anderes als einen Mann. Ob ein Film feministisch oder gut ist, sagt der Test nicht. Er zeigt aber, ob weibliche Figuren als eigenständige Personen mit eigenen Themen vorkommen.
In „Wer ist hier die Mutter?“ blickt Bechdel auf ihre Kindheit und ihr Erwachsenenleben zurück. Ihre Mutter ist intelligent und künstlerisch interessiert, ihrer Tochter gegenüber aber oft emotional distanziert. Alison sehnt sich nach Nähe und Anerkennung und erlebt immer wieder Zurückweisung. Als Erwachsene versucht sie in Therapien zu verstehen, wie diese Beziehung sie geprägt hat. Dabei verwebt sie Erinnerungen, Gespräche mit ihrer Mutter, Träume und Therapiesitzungen mit den Theorien des Psychoanalytikers Donald Winnicott. Auch das eigene Schreiben wird zum Thema: Verletzt oder vereinnahmt sie ihre Mutter durch ihre autobiografischen Bücher?
Bechdel sucht keine Schuldige. „Sie möchte verstehen, warum ihre Mutter so war, wie sie war – und warum sie selbst bis heute nach deren Anerkennung sucht“, fasst Vogl zusammen. Vollständige Aufklärung oder Versöhnung ist vielleicht gar nicht möglich. Entscheidend ist, die Grenzen der eigenen Eltern zu erkennen und dadurch unabhängiger zu werden.
Ein Standardwerk einer Pionierin, das derzeit allerdings vergriffen ist. Bestellen lässt es sich bei Hartliebs Bücher. Wer tiefer in Bechdels Werk eintauchen möchte, findet in „Fun Home“ (2006) ihre Auseinandersetzung mit der Beziehung zu ihrem Vater.
Susanne Gregor: „Halbe Leben“
(Zsolnay)

Wer zahlt den Preis für ein gelungenes Leben?
Klara und Paul sind beruflich erfolgreich und haben zwei Kinder. Damit Familie und Karriere vereinbar sind, beschäftigen sie Jela, eine slowakische Haushaltshilfe und Betreuungskraft. Jela übernimmt immer mehr jener unsichtbaren Arbeit, die Klaras Alltag überhaupt erst ermöglicht: Haushalt, Kinderbetreuung und Fürsorge. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Abhängigkeit, obwohl ihre Lebensbedingungen kaum unterschiedlicher sein könnten. Die österreichisch-slowakische Autorin erzählt aus verschiedenen Perspektiven und verhandelt soziale Ungleichheit, Care-Arbeit, Migration und Privilegien. Vor allem aber stellt sie die Frage, wer den Preis dafür zahlt, dass andere ein scheinbar ganzes Leben führen können. Die Fürsorgearbeit wird ausgelagert – und mit ihr ein Teil der Mutterrolle.
Eine zweite, ebenso schwierige Mutter-Tochter-Beziehung verschärft den Konflikt: Als Klaras Mutter Irene nach einem Schlaganfall pflegebedürftig wird, gerät das sorgfältig organisierte Leben ins Wanken. Was bedeutet es, wenn die eigene Mutter plötzlich Hilfe braucht – in einer Beziehung, in der Nähe und Verantwortung nie selbstverständlich waren?
Tamara Štajner: „Luft nach unten“ (Zsolnay)

Briefe an eine Mutter, die nie ankommen
Den Abschluss bildete das Buch, mit dem alles begann. „Luft nach unten“ stand im August und September 2026 auf Platz eins der ORF-Bestenliste und wurde zwei Monate in Folge zum Ö1-Buch des Monats gewählt. Tamara Štajner erzählt darin eine moderne Familiengeschichte aus der Perspektive unterschiedlicher Frauen – eindringlich, radikal und mit einem besonderen Blick auf das Mutter-Tochter-Sein.
Teresa Vogl kennt die Autorin privat; die beiden teilen viele Freund*innen aus der Musikszene. „Ich war sofort schockverliebt in das Buch – und natürlich besonders kritisch, weil wir befreundet sind“, erzählt sie. Worum es geht? Um vieles: unerfüllten Kinderwunsch, eine komplexe Beziehung zur Mutter, Doppelleben, Selbsttreue und Untreue in der Partnerschaft, widersprüchliche Gefühle, Sex, Wut, Schuld und die Aufarbeitung der Vergangenheit.
Beeindruckt hat Vogl vor allem die Sprache – zumal Deutsch nicht Štajners Muttersprache ist. Immer wieder lässt die gebürtige Slowenin slowenische Zitate in den Text einfließen.
Lilian Klebow las den Roman stellenweise wie einen Krimi: Wie geht es weiter mit dem Liebhaber Gabriel, mit Ehemann Felix, mit der künstlichen Befruchtung? Und was hat es mit den vielen Briefen an die Mutter auf sich, die diese nie erreichen? Bemerkenswert findet Klebow, wie selbstkritisch der Roman aus weiblicher Sicht erzählt ist. Die männlichen Figuren sind durchwegs sympathisch, manchmal sogar sympathischer als die Protagonistin Iva. Eine Frauenfigur, die wütend ist, betrügt und polarisiert – und offenbar niemanden kaltlässt. Klebows Lieblingsstelle ist entsprechend die Wutszene. Tamara Štajner sagt dazu: „Bemerkenswert ist, welche verstörende Wirkung die weibliche Wut immer noch mit sich bringt.“
„Wir könnten generell mehr wütende Frauen als Protagonistinnen vertragen“, resümiert Klebow am Ende des Gesprächs. „Zumindest in der Fantasie können wir so richtig darin baden.“
Was bleibt
Vier Bücher, vier Blickwinkel auf eine Beziehung, die keine von uns ganz hinter sich lässt. Am Ende stehen einige Fragen im Raum:
Wie viel Nähe braucht eine Tochter – und wie viel Freiheit?
Darf eine Mutter Schwäche zeigen und gerade dadurch ein Vorbild für Stärke sein?
Wer trägt die unsichtbare Fürsorgearbeit, wenn wir selbst keine Zeit mehr dafür haben?
Vielleicht liegt die Antwort weniger in der Versöhnung als im Verstehen: der eigenen Mutter, der eigenen Tochter – und der Rolle, die man selbst gerade spielt. Oder, wie Teresa Vogl es formuliert: „Erst über die Rollenumkehr Mutter – Tochter – Mutter hat sie die Situation ihrer eigenen Tochter wirklich verstanden.“

MQ Female Empowerment Buchclub
Lilian Klebow und Teresa Vogl gemeinsam mit Kommunikationsprofi Liane Seitz inspirieren seit ungefähr zwei Jahren den weiblichen Intellekt mit ihrem eigenen Buchclub: Der MQ Female Empowerment Buchclub. In einer unterhaltsamen Doppelkonferenz stellen die beiden live eine Auswahl ihrer persönlichen Lieblingsbücher vor und nehmen Neuerscheinungen unter die Lupe.
Der nächste Buchclub findet anlässlich der Buch Wien am Donnerstag, dem 26. November, um 15 Uhr auf der Großen ORF-Bühne statt. Zu Gast ist Barbara Blaha mit „Funkenschwestern“. Außerdem geht es um das umstrittene Phänomen der Tradwives und den Bestseller „Yesteryear“.
In der Libelle im MQ trifft sich der Buchclub am Samstag, dem 6. März, anlässlich des Internationalen Frauentags wieder. Der Eintritt ist wie immer frei.

Lilian Klebow ist Schauspielerin, TV-Liebling, Moderatorin, Aktivistin und Feministin. Sie wurde einem breiten Publikum durch ihre Rollen in den TV-Erfolgen Stadt, Land, Mord und SOKO Donau/SOKO Wien bekannt. Nach ihrer Schauspiel- und Musicalausbildung in Wien feierte sie ihr Debüt im Jedermann bei den Salzburger Festspielen. Seither war sie in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen sowie auf Theaterbühnen zu sehen. Darüber hinaus ist sie als Sprecherin und Sängerin mit eigenen Musikprogrammen aktiv. Lilian Klebow engagiert sich auch sozial: Für das Jane Goodall Institut fungiert sie als Ehrenbotschafterin und hatte diese Rolle auch für die im Jahr 2020 verstorbenen Friedensnobelpreisträgerin Betty Williams inne. Bereits seit ihrem 14. Lebensjahr ist sie überzeugte Umweltaktivistin.

Teresa Vogl studierte Germanistik, Romanistik und Musikwissenschaft in Wien und
Paris. Sie erhielt Gesangs-, Moderations- und Schauspielunterricht und ist heute als
Moderatorin und Schauspielerin tätig. Für ORF Radio Ö1 gestaltet und moderiert sie
die Sendung Pasticcio. Seit 2016 arbeitet Teresa Vogl als Redakteurin und Moderatorin in der TV-Kultur des ORF. Dort präsentiert sie regelmäßig Sendereihen wie die matinee, Wechselspiele oder Kultur aus der Vogl-Perspektive sowie Höhepunkte des österreichischen Kulturlebens – darunter das Neujahrskonzert und das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker, die Übertragungen von den Bregenzer und Salzburger Festspielen sowie den Opernball. Auch abseits der Kamera moderiert sie kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Galas, Preisverleihungen und Künstlergespräche.

Liane Seitz baut als langjährige Journalistin Kommunikationsbrücken, schöpft kreative Spielräume aus und verschiebt als Visionärin die Grenzen des Gesehenen. Mit einem gut ausgebauten Netzwerk und langjährigen Kontakten zu Schlüsselfiguren der Medienlandschaft, bildet sie Meinungen und platziert Geschichten mit Branchenkenntnis und mit viel Fingerspitzengefühl. Etablierte Marken, ausgewählte Designer*innen und hochkarätige Künstler*innen vertrauen auf ihre Tiefgründigkeit, ihr Talent zum branchenübergreifenden Vernetzen und ihr untrügliches Gespür für effektives Marken-Lobbying. Immer im Blick: die strategische Promotion im Lifestyle-, Luxus- und Kultur-Segment, gezieltes Matchmaking mit herausragenden Entscheidungsträger*innen, sowie internationaler Red Carpet Support. Alles gespickt mit feinem Humor, einer herrlichen Ruhe und der Ermutigung Anderer, selbst die Veränderung zu sein, die sie in der Welt sehen wollen. Haltung, Ethik und Nachhaltigkeit sind dabei Grundvoraussetzung für Liane Seitz und ihr Team.



