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Was ist normal?

vor 1 Tag
15 Min. Lesezeit

Kinderbuchautorinnen Minitta und Melanie Kandlbauer über das Wort, das wir alle zu oft benutzen


Minitta und Melanie Kandlbauer Buch Wer sagt dir, was normal ist?


Zwei Schwestern und ein Buch, das eine Frage stellt, die so einfach klingt, aber schon fast philosophisch ist: Wer sagt dir, was normal ist? Minitta und Melanie Kandlbauer schreiben seit ihrer Jugend gemeinsam — das erste Kinderbuch entstand, als die eine dreizehn und die andere achtzehn war. Ihr Background ist Germanistik und Philosophie und Bildungswissenschaften, heute arbeiten sie als Antidiskriminierungstrainerinnen in Schulen in ganz Österreich, geben Workshops zu diskriminierungsfreier Sprache und haben mit „War das jetzt rassistisch?“ und „Gute Nachrichten aus aller Welt“ bereits zwei Kinderbücher vorgelegt, die man Erwachsenen mindestens so dringend in die Hand drücken möchte wie Kindern.

Ihr neues Buch „Wer sagt dir, was normal ist?“ ist bei Leykam erschienen, illustriert von İrem Kurt. Wir haben uns in Wien getroffen und sind der Frage nachgegangen, was das Wort normal mit uns und unserer Gesellschaft eigentlich macht.



Buchseite aus  Wer sagt dir, was normal ist?


Ich finde es spannend, dass ihr einen etwas unterschiedlichen Background habt, in eurer Arbeit aber wieder zusammenkommt — nicht nur beim Buch, sondern auch in der Bildungsarbeit. Habt ihr das immer so gemacht, oder hat sich das ergeben?


Minitta: Wir haben eigentlich gemeinsam zu schreiben begonnen. Da war ich, glaube ich, dreizehn — und Melanie achtzehn. Damals haben wir unser erstes Kinderbuch gemeinsam geschrieben, ein Fantasybuch. Das war sehr schön, weil wir viel Zeit miteinander verbracht, viel fantasiert und gemeinsam Welten erschaffen haben. Das war unsere erste Zusammenarbeit, als Teenager, und das hat sich bis ins Erwachsenenleben gezogen. Wir haben alle Bücher gemeinsam geschrieben. Wir haben außerdem sehr viele gemeinsame Interessen und reisen zum Beispiel auch zusammen — die Länder aus unserem letzten Buch „Gute Nachrichten aus aller Welt“ haben wir praktisch alle gemeinsam bereist. Wir sind in uns sehr verbunden und so hat es sich ganz natürlich ergeben, dass wir auch beruflich zusammenarbeiten.


Melanie: Und irgendwann haben wir unsere Bildungsarbeit mit dem Schreiben verbunden. So sind Kinderbücher entstanden, die zeigen sollen, wie schön vielfältig die Welt ist, und die gleichzeitig mit bestimmten Vorurteilen aufräumen, die zum Beispiel in Schulbüchern oder in den Medien weitergetragen werden.


Wie sieht eure Bildungsarbeit konkret aus?


Melanie: Wir haben gemeinsam mit einer Freundin, die auch unsere Lektorin ist, einen Verein gegründet: das Institut für literarische Diversität und kritisches Denken. Dort machen wir Bildungsarbeit, einerseits für Erwachsene, andererseits für Kinder. Gleichzeitig habe ich mit Freundinnen noch einen zweiten Verein gegründet, mit dem wir österreichweit unterwegs sind. Wir gehen in Schulklassen und geben Workshops, die sich immer um Antidiskriminierung mit dem Schwerpunkt Antirassismus drehen, aber auch weitere Schwerpunkte haben, etwa die Klimakrise oder Social Media. Und mit dem neuen Buch stellen wir den Schülerinnen und Schülern die Frage: Wer sagt eigentlich, was normal ist — und kann man das nicht auch hinterfragen? So trainieren wir kritisches Denken.

Bildungsarbeit ist auch ein bisschen unsere Herzensangelegenheit. Gerade wenn man mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, ist das total bereichernd, weil die Gedanken, die von den Kindern kommen, einen selbst noch einmal neu auf die Welt schauen lassen.


„In Wahrheit gibt es kein Normal, das für uns alle gilt."

Als ich den Buchtitel gesehen habe, habe ich gedacht: Das gibt es nicht, es gibt wirklich keine Zufälle, denn ich sage meinen Töchtern nämlich seit gefühlt einem Jahr: Bitte streicht das Wort „normal“ aus eurem Wortschatz. Ich habe persönlich ein Problem mit diesem Wort. Die beiden sind jetzt elf und dreizehn, und ich finde, je älter Kinder werden, desto stärker kommt dieses Sich-eingliedern-Wollen — sie sehen Dinge, und was sie oft sehen, halten sie dann für zwingend. „Das muss so sein.” Was ich an eurem Buch spannend finde: Ihr streicht das Wort nicht, ihr stellt es infrage. Wie steht ihr zu dem Wort „normal“?


Minitta: Die erste Frage, die wir im Buch stellen, lautet: Was ist „normal“ überhaupt? Wenn man erklären muss, was normal ist, kommt man darauf, dass man es gar nicht wirklich definieren kann. Normal ist immer eine Frage der Perspektive. Wenn ich sage, ich bin groß, dann vergleiche ich mich mit anderen Leuten. Ich bin der Durchschnitt, die einen sind größer, die anderen kleiner, und ich bin dazwischen das Normale. Es ist immer relational. In Wahrheit gibt es kein Normal, das für uns alle gilt. Das mache ich als Germanistin so: Ich schaue mir ein Wort an und dekonstruiere es. Was bedeutet das eigentlich? Woher kommt es? Und wenn man solche Wörter zerlegt, merkt man, dass das Konzept eigentlich gar nicht existiert. Es gibt kein Normal.




Minitta und Melanie Kandlbauer Buch Wer sagt dir, was normal ist?

Aber würdest du es als Germanistin dann aus dem Wörterbuch streichen wollen oder belassen? 


Minitta: Nein, aus dem Wörterbuch streichen würde ich es nicht. Aber wenn jemand behauptet „Das ist doch normal“, dann hat dieser Satz eigentlich keine Aussage. Es ist normal für mich. Das Wort steht immer in Relation zur Person, es ist kein objektives Wort. Also: bitte nichts streichen. Aber bei einer Formulierung wie „normale Menschen“ würde ich schon fragen: Was ist denn ein normaler Mensch?


Melanie: Vor allem braucht es immer den Kontext. Wenn wir durch die Zeit reisen oder von Ort zu Ort — was hier als normal gilt, war vielleicht nicht immer so. Deswegen muss man es vor allem kontextualisieren.


Minitta: Ich glaube, das ist auch der Kern des Buches. Man merkt das in Schulklassen: Kinder glauben einfach, dass bestimmte Dinge normal sind, ohne sich zu überlegen, woher das kommt. Uns ist wichtig, mit dem Buch zum Hinterfragen einzuladen und dieses kritische Denken zu fördern. Du glaubst, das sei normal — aber wer hat dir das eigentlich gesagt? Woher hast du diese Information? An der Uni muss man seine Quellen zitieren und dann schauen, woher diese Quellen kommen, wer diese Person ist, was sie sonst so macht. Genau das ist das Ziel: dass Kinder, wenn ihnen Normalität vermittelt wird, hinterfragen, woher das kommt und ob man es nicht anders machen kann. Das Beispiel, das ich oft bringe: Wenn Jungen lange Haare tragen, gilt das immer noch als mädchenhaft. Dabei gibt es viele Jungen, die gerne lange Haare tragen. Und dann fragt man kritisch nach: Warum ist das so? Warum heißt es, das sei nicht normal? Woher kommt das? Stimmt es, ist das überall so? Wenn man dann hinter die Kulissen schaut, sich das geschichtlich oder kulturell ansieht, merkt man: Nein. Die Welt ist sehr unterschiedlich.

Melanie: Kinder sollen auch darin bestärkt werden, dass sie nicht alle Botschaften, die über Medien oder die Peergroup vermittelt werden — „Nur so bist du normal“ —, einfach übernehmen und sich dann schlecht fühlen. Sondern dass sie dieses kritische Denkwerkzeug haben und sich fragen können: Na, warte mal. Da sagt mir jemand, das sei normal. Ich darf auch einmal Stopp sagen. Dieses Hinterfragen und Anschauen, was für mich gilt, stärkt einen auch selbst.


Wenn das Kind im Supermarkt hinzeigt


Habt ihr euch damit auseinandergesetzt, wann das bei Kindern eigentlich beginnt? Ich habe zwei Kinder und konnte beobachten: Wenn sie sehr klein sind, nehmen sie alles als gegeben an und gehen völlig unbefangen auf die Welt zu. Irgendwann fängt es an, dass sie Unterschiede sehen — wir sehen ja ständig Unterschiede, so ist die Welt —, sie aber nicht einordnen können. Ich habe mir das klassische Beispiel herausgeschrieben: Du bist mit deinem Kind irgendwo, es ist vielleicht drei oder vier, es sieht etwas, zeigt hin und spricht es laut aus — und die meisten Leute würden am liebsten im Boden versinken. Sollte man mit Kindern darauf eingehen, wenn sie Unterschiede entdecken und sie auch aussprechen?



Minitta und Melanie Kandlbauer Buch Wer sagt dir, was normal ist?

Melanie: Aus der rassismuskritischen Bildungsarbeit weiß man, dass es wichtig ist, die Kinder benennen zu lassen und es dann gemeinsam mit ihnen zu kontextualisieren. Also gerade kein Tabuthema daraus zu machen. Kinder lernen in dem Alter zum Beispiel die Unterschiede zwischen Hautfarben kennen, und man sollte nicht sagen „Das sagt man nicht“, sondern wirklich mit ihnen darüber reden: Ja, es gibt Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, es gibt Menschen unterschiedlichen Geschlechts. Damit ihnen gezeigt wird, wie die Welt tatsächlich aussieht. Denn sonst vermittelt man: Darüber darfst du gar nicht reden. Dabei geht es ja genau darum, dass wir darüber reden, wie vielfältig die Welt ist. Und das ist ein gutes Alter dafür, weil Kinder etwa ab drei bis fünf Jahren beginnen, Vorurteile zu übernehmen — nicht in der Form, wie Erwachsene das tun, aber wenn in den Kinderbüchern immer nur weiße Personen vorkommen oder die Mädchen immer nur mit Puppen spielen und backen, dann übernehmen sie das unbewusst in ihr Weltbild. Es ist nicht bewusst wie bei uns Erwachsenen, aber es prägt sie. Gender-Normen haben sie relativ schnell erlernt. Deswegen ist es wichtig, früh mit Kindern über diese Themen zu sprechen.



Was die Schule leisten kann — und was nicht


Wie beobachtet ihr das in Schulen und Kindergärten? Geht das Bildungssystem in irgendeiner Form darauf ein? 


Melanie: Im Grunde hängt sehr viel von der Schule und von den Lehrkräften ab. Wir sind ja in ganz Österreich unterwegs. Ich war in Tiroler Schulklassen, die schon ganz, ganz viel über die Welt wussten — und dann war ich in einer Klasse, wo das überhaupt nicht der Fall war. Es ist sehr gemischt, und man merkt wirklich, dass es leider immer vom Engagement der Lehrkräfte abhängt. Man muss aber auch sagen, dass manche Dinge progressiver werden. Ich würde schon sagen, dass im Schulsystem nicht mehr unbedingt dieselben Gender-Normen vermittelt werden wie noch zu unserer Schulzeit. 


Minitta: Natürlich kann man als Einzelperson viel machen, aber die Verlagswelt, die Schulbücher müssen entsprechend reagieren. Die Lehrkräfte können sich noch so engagieren — wenn sie mit Material arbeiten, das Afrika auf eine eindimensionale Art darstellt, müssen sie das erst einmal dekonstruieren. Und oft ist es ja so, dass wir selbst bestimmte Dinge so gelernt haben und keine Gegenbilder kennen. Eine Wiener Buchhandlung hat uns zu unserem letzten Buch gesagt, dass sehr viele Erwachsene es kaufen — ein Kindersachbuch. Das ist ja eigentlich das Problem: weil sie selbst viele der Informationen nicht kennen, die in diesen Büchern stehen. Wir haben dort bewusst gute Nachrichten und gute Entwicklungen aufgenommen, die in Schulbüchern oder generell im Bildungssystem weggelassen werden. Insofern spielen die Institutionen eine große Rolle, nicht nur die Eltern. Selbst wenn Eltern versuchen, möglichst viel mitzugeben, sind sie nicht allein dafür verantwortlich, dass Kinder Stereotype verinnerlichen.


Melanie: Und es sollte auch nicht so sein, dass immer die Individuen verantwortlich sind, die einzelnen Lehrkräfte. Es wäre wichtig, dass wir als Gesellschaft neue Bilder zeigen.


„Wer sagt, dass Medizin wichtiger ist als Kunst?"

Gibt es einen Moment, an den ihr euch erinnert, in dem ihr gesagt habt: Darüber wollen wir schreiben, das ist ein wichtiges Thema? 


Minitta: Für mich war es ein fortlaufender Prozess. Zuerst haben wir uns in unserem ersten Buch mit Rassismus auseinandergesetzt. Da erkennt man einmal, wie die Welt gebaut ist, welche Ungerechtigkeiten es gibt. Und dann kommt die nächste Frage: Okay, jetzt haben wir gesehen, was schief läuft — was könnte man noch machen? Dann wollten wir die positiven Bilder zeigen. Es gibt berühmte Schwarze Musikerinnen, Ärztinnen, was auch immer: Gegenbilder zeigen. Und dann habe ich mich in dieser Entwicklung auch persönlich wieder hinterfragt. Wir versuchen, positive Bilder zu zeigen, etwa dass Schwarze Personen ganz wichtige Dinge erfunden haben. Aber in diesen Gegenbildern stecken teilweise immer noch eurozentrische Standards drin.


Nach unseren Maßstäben.


Minitta: Genau, es sind immer noch bestimmte Werte. Es ist ja trotzdem toll, dass Schwarze Personen ganz viele Tänze erfunden haben. Aber in meinem Kopf war es lange so: Man muss zeigen, was Europa toll findet. Und das war für mich der Bogen, an dem ich gedacht habe: Moment — wer sagt mir denn überhaupt, dass das so wichtig ist? Medizin ist natürlich wichtiger, heißt es. Aber wer sagt, dass Medizin wichtiger ist als Kunst? 


Melanie: Und genau das merken wir in den Schulklassen. Kinder und Jugendliche sind eigentlich relativ offen, und gleichzeitig haben sie schon bestimmte Vorstellungen davon, was als normal gilt. Wenn du dann nachfragst — ja, aber woher kommt das eigentlich, wer sagt das? —, dann machen sie große Augen und halten selbst inne. Weil genau das der Schritt ist, der oft nicht gemacht wird. Es wird relativ schnell gelernt: Das ist normal und das ist nicht normal. Aber wir wollten noch einen Schritt weitergehen und das Ganze infrage stellen: Brauchen wir überhaupt eine Vorstellung von „normal“, woher kommt sie, und hat sie sich im Lauf der Zeit gewandelt? Wir hatten das Gefühl, das wird noch gar nicht so oft gemacht. Dabei ist es die Grundlage dafür, dass man, auch wenn man gegen Rassismus und Diskriminierung kämpft, eine vermeintlich gegebene Normalität hinterfragen kann.



Minitta und Melanie Kandlbauer Buch Wer sagt dir, was normal ist?


Warum uns das Fremde Angst macht, obwohl wir es täglich essen


Es gibt so viele Menschen, die dieses Trennende haben, diese Angst vor dem anderen. Könnt ihr euch erklären, warum das so ist?


Minitta: Ich finde es immer bemerkenswert, weil gerade die Personen, die Angst vor dem Fremden haben, täglich so viele Produkte konsumieren, die fremd sind. Sie wissen es nur nicht. Diese Personen gehen trotzdem ins chinesische Restaurant oder konsumieren ganz viele Produkte aus dem Ausland, die sich für sie aber nicht fremd anfühlen. Wenn man sagen würde: Okay, du willst nur die österreichische Kultur — nehmen wir alles weg, was nicht aus Österreich kommt, dann würden die meisten nicht zustimmen. Es geht eher um die Dinge, die sie selbst als fremd wahrnehmen, und gar nicht um Dinge, die wirklich aus einem fremden Land kommen. Es geht also oft um das, was man in der Wissenschaft Othering nennt: wenn man etwas aktiv zum Anderen macht.


Melanie: Ich glaube, das hat sehr stark mit unserem Thema zu tun. Wenn du als Erwachsene in bestimmten Normen und Werten aufwächst, hast du irgendwann verlernt, sie zu hinterfragen. Und wenn dann etwas kommt, das ganz anders ist, schreckst du davor zurück und baust eine Barriere auf, weil du glaubst, das eine sei das Normale. Obwohl man Geschichten darüber lesen oder eine Doku anschauen könnte — es gibt ja so viele Wege, von anderen Kulturen und Kontinenten zu erfahren. Aber man lässt es gar nicht zu, weil es ins eigene Denken nicht hineinpasst. Man muss sich auch bewusst sein, dass Normalität uns Orientierung gibt. Wenn wir sie hinterfragen und die Welt dadurch viel offener wird, kann uns das im ersten Moment verunsichern. Eigentlich ist es ja schön, weil wir dann viel mehr Möglichkeiten haben. Aber es kann eben auch ein Gefühl der Unsicherheit entstehen, wenn das, was man gelernt hat, plötzlich ganz anders aussieht. Gerade in der politischen Bildungsarbeit: Wenn du dich wirklich damit auseinandersetzt, welche Denkmuster und Vorurteile du selbst erlernt hast — bei uns war das Beispiel, dass wir alle mit demselben Afrikabild aufgewachsen sind —, dann ist es im ersten Moment erschreckend, überhaupt zu sehen, dass man all diese Vorurteile erlernt hat. Es braucht also auch eine Offenheit, diesen Schritt zu gehen und zu sagen: Okay, das verunsichert mich gerade. Aber in Wirklichkeit macht es uns reicher, wenn ich sehen kann, wie vielfältig die Welt tatsächlich ist — weil wir viel mehr Möglichkeiten haben und nicht in bestimmten Grenzen gefangen bleiben müssen, die zwar gezogen wurden, aber gar keine echten Grenzen sind.



 Buchseite Wer sagt dir, was normal ist?


Minitta: Alles eine Frage der Perspektive. Wenn ich mich selbst als das Normale wahrnehme und das in dem Moment zu wanken beginnt, dann wankt eben auch mein Selbstwert, mein Selbstgefühl. Beim Recherchieren bin ich übrigens darauf gekommen: Es gibt so viele unterschiedliche Kulturen und Verhaltensweisen, aber wenn es um Systeme geht, unterscheiden wir uns gar nicht so stark. Religion zum Beispiel ist wirklich in vielen Ländern der Welt präsent. In den großen Systemen unterscheiden wir uns also kaum. Historisch gesehen gibt es aber sehr, sehr große Unterschiede darin, wie wir zusammengelebt haben. Zu bestimmten Zeiten gab es keine Grenzen, es gab keine Ehe und so weiter. Das ist natürlich ein starker Unterschied. Und daran sieht man auch, was an Veränderung möglich ist — wie Gesellschaften sich verändert haben oder was alles schon einmal da war. 


Mindestens fünfzehn gestrichene Fragen


Erzählt mir vom Entstehungsprozess des Buches. 


Minitta: Die Idee entstand nach unserem zweiten Buch, „Gute Nachrichten aus aller Welt“. Was machen wir als Nächstes? Schwierig war es, die Fragen zu definieren: Wir hatten so viele, weil wir gesammelt haben, was Kinder in Schulklassen fragen. Es ist ein dickes Buch geworden, aber wir mussten stark reduzieren. Mindestens fünfzehn Fragen haben wir gestrichen.


Was war denn eine Frage, die ihr gestrichen habt? Könnt ihr euch erinnern?


Minitta: Uns werden ja verschiedene Dinge eingeredet. Unsere Meinung kann aus verschiedenen Gründen beeinflusst werden. Es kann aber auch beeinflusst werden, wie wir die Welt wahrnehmen und was wir wissen. Und es kann auch unsere Identität beeinflusst werden. In Amerika war es zum Beispiel lange so: Wir haben einen Schwarzen und einen weißen Elternteil, und man musste bei der Einreise immer auswählen, ob man Schwarz oder weiß ist. Die Kategorie „mixed“ gab es nicht. Du musstest entweder schwarz oder weiß ankreuzen. Die Gesellschaft kann also auch identitätsstiftend sein — weil du nichts anderes ankreuzen kannst. Mittlerweile gibt es diese Box. Wir sind also auf die Metaebene gegangen und haben überlegt: In welcher Hinsicht werden wir überhaupt beeinflusst? Unsere Meinung wird beeinflusst, unser ganzes Weltwissen, unsere Identität, und auch, wie wir handeln und uns verhalten sollen. Daraus sind dann die Fragen geworden: Wer sagt dir, was du magst? Wer sagt dir, was du denkst? Wer sagt dir, was du sagst? Und wer sagt dir, wie du lebst? Anhand dessen haben wir dann eingegrenzt. Wir haben uns aber auch ein bisschen an philosophischen Grundfragen orientiert.


Ich finde die Illustrationen wirklich sehr gelungen. Habt ihr euch mit der Illustratorin viel darüber ausgetauscht, wie ihr Dinge darstellen wollt — und vielleicht auch, was ihr unbedingt nicht darstellen wollt?


Minitta: Wir haben uns super verstanden und sind sehr glücklich. Das ist auch das Schöne: Man kann eine Idee nennen, und sie wird dann noch witziger umgesetzt, als man sie gedacht hat. Grundsätzlich ist das ein wichtiges Thema, auch für unsere Illustratorin. Wir haben bisher bei Illustrationen immer mit Personen of Color zusammengearbeitet, weil die Darstellung gutgehen oder schiefgehen kann. 

Diskutiert haben wir vor allem bei historischen Sachen: Wie hat das eigentlich ausgesehen, damit wir nichts erfinden. Ansonsten haben wir hauptsächlich die Inhalte weitergegeben — welche Epoche, welche Person — und sie hat daraus eine Seite gemacht.


„So bin ich überhaupt nicht gemeint“


Könnt ihr euch an einen Moment erinnern, in dem euch als Kinder klar wurde, dass die Welt nicht allen Kindern gleich erklärt wird?


Minitta: Ich glaube schon, dass es daraus entstanden ist, dass wir ganz viele Kinderbücher hatten, in denen es nur weiße Figuren gab. Da wurde unsere eigene Normalität nicht gezeigt. Man hat sich dann gedacht: Ich will auch eine Figur haben, die ein bisschen mehr so ist wie ich. Uns wurde immer gelehrt: Ihr könnt alles sein. Aber eigentlich wurden immer nur bestimmte Kinder gezeigt, die alles machen konnten. Ich glaube, ich konnte das damals nicht in Worte fassen. Aber ich habe schon gemerkt: So bin ich überhaupt nicht gemeint.

Und meine Lebensrealität war eben, dass meine Eltern aus unterschiedlichen Kulturen kommen. Bei mir waren es eigentlich zwei Dinge. Erstens: Wenn mir jemand gesagt hat, das gehört sich so, habe ich immer gefragt: Wer sagt das? In dieser Hinsicht war ich sehr rebellisch. Das mochte ich schon als Kind nicht, wenn mir jemand erklärt hat, das gehöre sich so. Wo sind die Beweise? Wer sagt das? Warum sollte ich das so machen? Da bin ich eigentlich froh, dass ich nie mitgegangen bin. Wenn mir etwas nicht sinnvoll erschien, habe ich es einfach nicht gemacht. Das war das eine.

Und das Zweite waren die Normalitäten, die mir aufgefallen sind — zum Beispiel, als ich als Teenagerin Make-up kaufen wollte. Es gab kein Angebot, das überhaupt für mich gemacht war. Mir ist aufgefallen, dass Angebote immer so beschrieben wurden, als wäre man mitgemeint. Man ist aber nicht mitgemeint.

Es war normal, dass du nicht zum Friseur gehen kannst, weil die sich mit deiner Haarstruktur nicht auskennen. Es war normal, dass du deine Hautfarbe nicht bekommst. Beim Buntstift ist mir auch schon aufgefallen, dass ich nicht alle Familienmitglieder zeichnen konnte. So etwas fällt einem als Kind schon auf, gerade wenn man selbst betroffen ist.



Was bleiben soll, wenn das Kind das Buch zuklappt


Was würdet ihr euch wünschen, dass mit dem Kind passiert, oder was es denkt, wenn es euer Buch zuklappt?


Melanie: Einerseits wünschen wir uns, dass die interaktiven Übungen genutzt werden. Kinder können sich zum Beispiel ausdenken, wie sie die Welt gestalten würden. Wir haben etwa ein „Spiel des Lebens“ drin. Ich glaube, wenn man diese Gedankenexperimente macht, lernt man noch ein bisschen mehr über sich selbst: In welcher Welt möchte ich eigentlich leben? Dieser Frage können sich natürlich Erwachsene genauso stellen wie Kinder. Insgesamt ist unser Ziel, generell kritisches Denken zu fördern, aber damit einhergehend auch das Selbstbewusstsein. Gerade wenn Kinder sich nicht normal fühlen, wenn sie das Gefühl haben, sie mögen etwas, das andere nicht mögen, hat das auch mit dem Selbstbewusstsein zu tun. Es ist also ein wichtiges Zeichen, dass sie auch unterschiedlich sein dürfen. Und dass sie wissen: Ich darf Fragen stellen, ich darf hinterfragen. Ich muss nicht alles, was mir als normal präsentiert wird, gleich annehmen.

Es ist eigentlich unsere Aufgabe als Erwachsene, den Kindern die Möglichkeit zu geben, zu kritisch denkenden Menschen heranzuwachsen, und sie nicht mit einer blöden Antwort abzuspeisen, nur weil wir gerade überarbeitet sind. Aber manchmal ist es auch deshalb schwierig, weil uns selbst Normen beigebracht wurden, die nicht immer Sinn ergeben — und dann kann man sie auch nicht gut erklären.


Findet ihr nicht auch, dass viel zu viel an Inhalten weitergegeben wird und viel zu wenig an Denkweise, an Art, wie man denken kann. Wir hatten die letzten zwei Schuljahre, glaube ich, Philosophie — das war alles. Dabei steckt da so viel darin: wie man an Themen und an Probleme herangehen kann, was die großen Denkerinnen und Denker sich überlegt haben, um das dann zu diskutieren. Und debattieren — damit könnte man schon viel früher beginnen.


Melanie: Ethik fand ich das spannendste Schulfach. Ich hatte es nur ganz kurz, viel zu kurz. Man merkt es ja auch: Wir haben jetzt einen Workshop zu dem Buch, da geht es noch ein bisschen mehr um das Philosophieren mit Kindern. Und die haben etwas zu sagen. Wir müssen nur eine Frage stellen — wie machen wir das eigentlich gerade, wollt ihr lieber einen anderen Stuhl? Dann können sie dir ganz genau erklären, warum das so viel angenehmer wäre. Und dann geht man weiter und philosophiert über das Schulsystem: Muss man immer Noten haben? Sie haben eine Menge dazu zu sagen. Aber sie müssen eben auch den Raum bekommen, in dem sie Gedanken entwickeln und sich kritisch einbringen können.




Wer sagt dir, was NORMAL ist?

Minitta & Melanie Kandlbauer



Minitta und Melanie Kandlbauer Buchcover Wer sagt dir, was normal ist?

Hinterm Tellerrand geht’s weiter!

Männer tragen keine Stöckelschuhe! Rosa ist für Mädchen! Barfuß auf der Straße zu gehen, gehört sich nicht! Stimmt das? Und wer entscheidet, was »normal« ist?

Von klein auf hören wir Sätze wie: Das macht man nicht. Das ist doch nicht normal! Aber was heute „normal“ ist, war es nicht immer, und ist anderswo auf der Welt ganz anders: König Ludwig XIV. stolzierte in hohen Absätzen durch Versailles, in Indien tragen Männer gern mal rosa auf ihrer Hochzeit und in Neuseeland spazieren manche Menschen barfuß in den Supermarkt.Die Welt ist voller Möglichkeiten – Regeln sind nicht in Stein gemeißelt. Erst wenn wir den Blick wechseln, merken wir: Normal gibt es nicht – zum Glück!

Ein humorvolles Kindersachbuch voller Aha-Momente, das Lust macht, kritisch zu denken, Gewohntes zu hinterfragen und Mut macht, einen eigenen Weg zu gehen.


 
 

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