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Im Dialog mit Filmproduzentin Johanna Scherz 

vor 2 Tagen
15 Min. Lesezeit

INTERVIEW: CHRISTINA KAISER


Anlässlich der Filmpremiere von Marie Kreutzers neuestem Film GENTLE MONSTER sprechen wir mit der Produzentin Johanna Scherz über den Mut, schwierige Geschichten zu erzählen, das Risiko des Produzierens, Frauen in der Filmbranche – und darüber, warum wir als Gesellschaft mehr Energie in unser Miteinander investieren sollten.


Filmproduzentin Johanna Scherz
Filmproduzentin Johanna Scherz | Foto: Theresa Wagenhofer

Das Unheimliche beginnt manchmal dort, wo wir uns sicher fühlen. Bei einem freundlichen Blick. Bei einer vertrauten Stimme. Bei einem Menschen, den man seit Jahren kennt und bei dem man sein Kind ohne einen zweiten Gedanken anvertraut. 


Mit Gentle Monster widmet sich die Regisseurin Marie Kreutzer einem der verstörendsten und zugleich schwer greifbaren Themen unserer Gesellschaft: sexuelle Gewalt an Kindern und die Strukturen, in denen Täter lange Zeit unsichtbar bleiben können. Der Film beginnt genau dort, wo unsere Gewissheit ins Wanken gerät, nämlich bei der Erkenntnis, dass das Böse nicht immer erkennbar ist, nicht laut, nicht abgründig, nicht einmal besonders auffällig. Manchmal ist es sanft. Vertraut. Gentle.


Die Dimension des Themas außerhalb des Films ist erschütternd. In Europa ist Schätzungen zufolge jedes fünfte Kind von einer Form sexueller Gewalt betroffen; laut dem Europäischen Rat kennen dabei 70 bis 85 Prozent der Opfer die Person, die sie missbraucht. In Deutschland registrierte die Polizei 2024 insgesamt 16.354 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern. Die offiziellen Zahlen bilden dabei nur das Hellfeld ab – das tatsächliche Ausmaß liegt nach Einschätzung von Fachstellen deutlich höher. 


Gentle Monster erzählt in diesem Kontext vor allem von Vertrauen – und davon, wie radikal sich eine Welt verändert, wenn dieses Vertrauen zerbricht. Der Film verweigert sich einfachen Antworten und eindeutigen Täterbildern, und macht etwas viel Schwierigeres: Er lässt uns die Unsicherheit aushalten. Er erzählt von Familie, Mutterschaft, Liebe und der verstörenden Erkenntnis, dass Gewalt nicht immer dort beginnt, wo wir sie vermuten. Die französische Schauspielerin Léa Seydoux verleiht diesem leisen, beklemmenden Drama eine Intensität, die nicht über Lautstärke funktioniert, sondern über das, was man tief im Herzen spürt oder manchmal auch verdrängt. 

Dass ein solcher Film überhaupt entstehen kann, ist auch eine Frage des Mutes. Denn schwierige Stoffe verlangen nicht nur künstlerische Konsequenz, sondern Vertrauen, Zeit, Geld, Netzwerke – und Menschen, die bereit sind, ein Risiko einzugehen, lange bevor absehbar ist, ob sich dieses Risiko auszahlen wird.


Laurence Rupp & Léa Seydoux im Film Gentle Monster
Laurence Rupp & Léa Seydoux im Film Gentle Monster | Foto: Film AG

Einer dieser Menschen ist Johanna Scherz. Die österreichische Filmproduzentin leitet seit 2018 gemeinsam mit Alexander Glehr die Wiener Film AG und hat mit ihrem Team Filme wie Corsage, Was wir wollten, Alma & Oskar, Gina, Altweibersommer und Acht realisiert. Mit Marie Kreutzer verbindet sie eine langjährige Zusammenarbeit; Gentle Monster ist bereits der siebte gemeinsame Film.


Wir sprechen mit Johanna über die Kunst des Produzierens und die Frage, wann aus einer Idee eine Geschichte wird, für die man drei bis fünf Jahre seines Lebens einsetzt, und  begegnen dabei einer Frau, die Film als gesellschaftlichen Resonanzraum versteht, sowie einer Produzentin, die Geschichten nicht nur möglich macht, sondern sich von ihnen selbst verändern lässt. Und die überzeugt ist, dass ein Film nicht unbedingt gefällig sein muss, um etwas zu bewirken – manchmal reicht es, wenn er Fragen hinterlässt, über die wir danach weiterreden.



„Ein Film kann eine wichtige Geschichte erzählen und trotzdem kommerziell nicht erfolgreich sein. Das heißt für mich aber nicht automatisch, dass es falsch war, ihn zu machen.“


Johanna, bevor wir über Filme sprechen, würde ich gerne etwas mehr über dich erfahren. War Filmproduzentin immer dein Traumberuf? Was macht dir nach all den Jahren besonders Freude an dieser Arbeit?


Ich könnte nicht sagen, dass Filmproduzentin ein Berufswunsch war, der einfach mal so gekommen ist. Es ist ja auch schwierig überhaupt zu verstehen, was eine Produzentin macht. Ich merke auch, wenn ich mit meinem näheren Umfeld spreche, da braucht es schon immer etwas mehr Erklärung. Als ich mit 19 beschlossen habe, zu studieren, ist mir ein Interview von Barbara Albert untergekommen. Und da habe ich mir gedacht: Ja, das wäre etwas, was ich mir näher anschauen könnte und habe dann einfach mal bei der Filmakademie angerufen. Natürlich waren die Aufnahmeprüfungen schon längst vorbei, und ich dachte, okay, dann muss ich mich anders orientieren, und habe begonnen Ethnologie bzw. Kultur- und Sozialanthropologie zu studieren. Im Nebenfach habe ich mich in mehreren Dingen ausprobiert, bis das Thema Film mich wieder eingeholt hat und ich ein College mit Schwerpunkt Postproduktion besucht habe. Und so bin ich eigentlich in die Filmbranche hineingetreten, und sie hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Warum mir der Beruf nach wie vor Freude macht, ist, weil man mit jeder Geschichte, die man angreift, mit jedem Thema, das eine Autorin, eine Regisseurin zu einem trägt, in eine neue Welt eintaucht. Man macht sich über Dinge Gedanken, über die man sich wahrscheinlich sonst nie so nahe Gedanken gemacht hätte. Es gibt auch innerhalb des Filmschaffens wirklich so eine große Spanne, von der Idee bis zur Finanzierung, bis zum Dreh, bis zur Postproduktion und dann die ganze Herausbringung. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir jemals langweilig wird. Es ist natürlich auch eine Herausforderung, aber es ist eine besonders schöne Herausforderung, weil man mit jeder Aufgabe, mit jedem Projekt und mit jedem Problem an sich wachsen darf und sich weiterentwickelt.


Du arbeitest bei der Film AG sehr eng mit deinem Lebenspartner Alexander Glehr zusammen. Was macht euch als Duo stark?


Wir sind zwei sehr unterschiedliche Menschen, die sich sehr gut ergänzen. Dadurch hat sich auch ganz natürlich eine gewisse Aufteilung entwickelt, die uns stark macht. Alex ist sicher mehr der Netzwerker, der outgoing ist, der sich gerne zu Menschen hinstellt und redet. Ich bin eher das Gegenteil. Ich bin eher die, die nach innen hin wirkt, die innerhalb der Firma gemeinsam mit unseren Mitarbeiter:Innen die Projekte strukturiert und vorantreibt.


Filmproduzenten Alexander Glehr & Johanna Scherz
Filmproduzenten Alexander Glehr & Johanna Scherz | Foto: Film AG


Wir teilen uns tatsächlich im Büro auch einen Tisch. Seitdem wir uns kennen, sitzen wir uns gegenüber. Das ist für viele total unvorstellbar, dass sie mit ihrem Partner auch zusammenarbeiten. Wir sind es eben nicht anders gewohnt. Wir haben uns in der Firma kennengelernt, wir sind zusammengewachsen. Das hat schon auch seine Vorteile: Man versteht sehr gut, wie es dem anderen gerade geht und muss nicht erklären, welche Last auf einem gerade liegt. Auch wenn es natürlich schwierig ist, dass man die Arbeit auch mit nach Hause nimmt und sich dann immer wieder daran reibt, dass der eine Ruhe haben möchte und der andere nicht abschalten kann. 


Habt ihr etwas implementiert, was euch hilft, wenn ihr gerade die Ruhe vor dem/der anderen wollt?


Nein, implementiert haben wir hier nichts, weil Alex eher einer ist, der Konflikte lieber gleich austrägt und anspricht. Da bin ich anders groß geworden, sage ich mal so. In meiner Familie war Konflikt eher immer etwas, das nicht sein darf. Und da habe ich durch Alex schon viel dazugelernt, etwa dass man die Konfrontation nicht scheuen sollte – natürlich immer mit dem entsprechenden Ton, den man dem anderen gegenüber anschlägt. Und dass ein Streit oder Konflikt nicht nur etwas Negatives oder ein Drama sein muss. Ich glaube, wenn man das Commitment und den Willen hat, gemeinsam daran zu arbeiten, dann findet man auch einen Weg. Oder zumindest wir finden einen Weg. Und gerade weil wir so eng zusammenarbeiten, können wir uns auch sehr gut gegenseitig reflektieren und einen Spiegel vorhalten. Ich glaube, dass uns das beiden immer wieder die Möglichkeit gibt, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln.



„Vielleicht ist das am Ende auch ein Teil der Kunst des Produzierens, im richtigen Moment auf Herz und Bauch zu vertrauen.“


Ich finde den Beruf der Produzentin spannend, weil man eigentlich ständig zwischen Idee, Menschen, Geld, Zeit und Realität vermittelt. Was ist für dich heute die eigentliche Kunst des Produzierens?


Das ist eine große Frage. Ich glaube, die Kunst des Produzierens liegt für mich darin, all diese unterschiedlichen Dinge zusammenzubringen, die du aufgezählt hast. Man hat eine Vision, aber gleichzeitig muss sie machbar sein. Man arbeitet mit sehr vielen Menschen, bewegt sich aber auch innerhalb bestimmter Systeme und Strukturen. Man möchte sich die größtmögliche kreative Freiheit erhalten und hat gleichzeitig einen engen zeitlichen Rahmen. Und natürlich muss man immer wieder abwägen zwischen dem, was etwas kostet, und dem, was überhaupt finanzierbar ist – genauso wie zwischen Kreativität und Markt.

Eine gute Idee allein reicht eben nicht, wenn man sie nicht auf den Boden bringen kann. Und umgekehrt möchte ich auch nicht nur danach entscheiden, was sich möglichst gut finanzieren oder vermarkten lässt. Das ist diese ständige Abwägung: zwischen dem, was man gerne machen würde, und dem, was tatsächlich möglich ist. Und deshalb finde ich es auch so schwer zu sagen, woran man eine „gute Produzentin“ misst. Ein Film kann eine wichtige Geschichte erzählen und trotzdem kommerziell nicht erfolgreich sein. Das heißt für mich aber nicht automatisch, dass es falsch war, ihn zu machen.

Abseits von allen rationalen Abwägungen und Entscheidungen, steht am Anfang für mich deshalb trotzdem immer ein Gefühl für einen Stoff. Etwas, bei dem ich denke: Diese Geschichte möchte ich erzählen, dafür möchte ich mich einsetzen. Immerhin ist dieser Stoff etwas, mit dem ich dann durchschnittlich drei bis fünf Jahre verbringe. 

Und gerade jetzt, wo sich unsere Branche durch KI und andere Entwicklungen stark verändern wird und niemand genau sagen kann, wie unser Produzieren oder unser Unternehmen in zwei Jahren aussehen wird, gibt es für mich auch kein Rezept, an das ich mich halten könnte. Vielleicht ist das am Ende auch ein Teil der Kunst des Produzierens, im richtigen Moment auf Herz und Bauch zu vertrauen.


Eine Idee allein ist noch relativ wenig. Was muss eine Geschichte in dir auslösen, damit du sagst: Dafür möchte ich die nächsten Jahre meiner Arbeit und Energie einsetzen?


Ich bin sicher eine, die auf Geschichten anspringt, die mich selber berühren, die in mir etwas auslösen, die mich beschäftigen und Fragen aufwerfen. Oder auch auf starke Autor*innen und Regisseur*innen, deren bisherige Arbeit, deren Stimme oder deren Thema ich relevant finde. Und das ist eigentlich dieses Herz- oder Bauchgefühl, das mich dann dazu antreibt, die richtige Struktur für dieses Projekt zu formen. Ob sich das nun an ein großes Publikum in Österreich richten soll, oder ob wir den künstlerischen Erfolg vor allem auch international suchen: Ich brauche die Leidenschaft für ein Thema, für diese Idee oder diese Geschichte, damit ich allen Unwegsamkeiten begegnen und alles daransetzen kann, dass das als Film auf die Leinwand kommt. 




Filmproduktion ist ja auch Unternehmertum: Man investiert Zeit, Geld, Vertrauen und Energie in etwas, von dem niemand weiß, wie es am Ende angenommen wird. Wie gehst du mit diesem Risiko um?


Man muss auf jeden Fall einen Umgang damit finden, dass es schwer bis unmöglich ist, im Filmgeschäft echte Stabilität zu finden. Es ist ein ständiges Auf und Ab, man ist von vielen äußeren Faktoren abhängig, die man selber nicht in der Hand hat. Oder wie es ein Bekannter einmal mir gegenüber treffend formuliert hat: Du fährst wohl gerne Achterbahn!.

Die ganze Herstellung von Gentle Monster ist da ein gutes Beispiel dafür: Wir hatten die internationale Finanzierung eigentlich weitgehend zusammen – in Österreich hatten wir die meisten Zusagen der Förderungen und des ORF schon. Und dann wurde von einem Tag auf den anderen die größte österreichische Finanzierungssäule aufgrund der Sparmaßnahmen der Regierung Anfang 2025 gestrichen: die automatische Standortförderung, deren Höhe sich daran bemisst, wie viel man in Österreich ausgeben wird. Und plötzlich fehlten uns über 2 Mio € in der Finanzierung – und wir waren wenige Monate vor Drehbeginn.

Es waren dann sehr schwierige Monate, weil wir natürlich alles darangesetzt haben, dass wir den Film trotzdem umsetzen können. Wir haben den kompletten Dreh umstrukturiert und so viel wie möglich nach Deutschland verlegt, um dort die Standortförderung zu bedienen. Aber das geht natürlich nicht von heute auf morgen und es gehen viele Unwegsamkeiten damit einher. Und gleichzeitig fängt aber das große Rad sich bereits zu drehen an, da man ja bei einem Projekt dieser Größenordnung bereits sehr früh sehr viele Mitarbeiter*innen beschäftigen muss, die das Projekt und den Dreh im Detail vorbereiten. Insofern mussten wir ein Greenlight geben, damit wir alles in time hinbekommen, obwohl wir zu dem Zeitpunkt noch nicht genau wussten, wie wir diese riesige Finanzierungslücke schließen werden. Dieser Zwiespalt führt dann natürlich auch zu der ein oder anderen schlaflosen Nacht.

In so einem Prozess muss man ständig auf neue Gegebenheiten eingehen, die man nicht beeinflussen oder vorhersagen kann. Damit richtig umzugehen, das ist die Challenge, die mit unserem Beruf verbunden ist. Man muss sich einfach bewusst sein: Es wird immer Dinge geben, die einem Steine in den Weg legen, mal größere, mal kleinere. Und darauf zu schauen, dass man ihnen möglichst positiv entgegentritt und möglichst schnell Lösungen dafür findet. 



Ihr arbeitet inzwischen schon sehr lange miteinander. Wann bist du Marie Kreutzer zum ersten Mal begegnet – und was funktioniert zwischen euch besonders gut?


Alex kennt Marie vom Studium an der Filmakademie. Ich kenne Marie seit 2009, da hat sie gerade an ihrem ersten Langspielfilm gearbeitet. Den hatte sie ursprünglich mit einer anderen Firma entwickelt, die das Risiko der Herstellung aber nicht tragen wollte. So sind sie zu uns gekommen und haben uns gefragt, ob wir das Projekt umsetzen wollen. Wir waren von dem Buch, und natürlich von Marie begeistert und haben dann ihren ersten Langspielfilm „Die Vaterlosen“ produziert, der seine Weltpremiere bei der Berlinale in der Sektion Panorama feiern durfte. So hat eine lange Zusammenarbeit begonnen, aus der auch eine sehr wertvolle Freundschaft entstanden ist. Gentle Monster ist der siebte Film, den wir gemeinsam machen. 

Natürlich ist es ein riesiger Vorteil, wenn man sich schon so gut kennt. Vor allem, weil ein großes Vertrauen zwischen uns herrscht und wir beiderseits, glaube ich, immer wissen, dass es der anderen um den Film geht und um die Geschichte, die erzählt werden soll.


Wenn du eure gemeinsame Arbeit anschaust – von Der Boden unter den Füßen über Corsage bis jetzt zu Gentle Monster: Was hat sich verändert, und was ist über die Jahre gleich geblieben?


Es ist trotzdem jeder Film total frisch, da jeder Film andere Herausforderungen mit sich bringt. Man trifft immer wieder auf neue Gegebenheiten, sei es jetzt wie bei Gentle Monster, dass man mit Catherine Deneuve arbeitet, Léa Seydoux auf eine Rolle, in der sie singen, Klavierspielen und Deutsch sprechen muss, vorbereitet oder wieder eine Reiseproduktion durch mehrere Koproduktionsländer dreht. Marie hat zwar ein sehr angestammtes und eingespieltes Team von den Head of Departments, aber beim Dreh kommen aus jedem Land, mit dem man produziert, neue Menschen hinzu. Am Ende sind dann meist über 80 Leute am Set, und alle bringen ihr eigenes Leben und ihre eigenen Dinge mit. Es ist also nie so, dass man sagt: Okay, jetzt machen wir Schema F, das hat beim letzten Mal gut funktioniert. 

Was sich definitiv verändert hat und stetig gewachsen ist, ist die Erwartungshaltung. Nach Corsage, der in Cannes im zweitwichtigsten Wettbewerb lief und in 92 Ländern verkauft wurde, lagen natürlich viele Augen auf Maries nächstem Film. Auch wenn es niemand so ausspricht – aber wenn man mit einem Film in Cannes war, dann wird es als gefühlte Niederlage empfunden, wenn dir das beim nächsten Film nicht auch gelingt. Und dabei vergisst man leicht, wie unwahrscheinlich das eigentlich ist – mittlerweile werden in Cannes über 2.500 Filme eingereicht, von denen nur rund 20 Filme in den Wettbewerb eingeladen werden.

Als es uns mit Gentle Monster dennoch geglückt ist, haben wir uns sehr gefreut, waren aber auch sehr erleichtert. Erleichtert, da wir wussten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht funktioniert, immens ist: Wir versprechen einen Film, der auf dem Erfolg des letzten aufbaut, der diesen vielleicht sogar überstrahlen kann. Um das erreichen zu können, müssen wir dafür Sorge tragen, dass Marie die bestmöglichen Arbeitsbedingungen, den besten Cast und die besten Mitarbeiter*innen hat für die Art, wie sie Filme macht. Das heißt natürlich auch höhere Kosten. Und das ist natürlich wieder eine ganz andere Überzeugungsarbeit bei den Finanziers – die mit einer viel höheren Erwartungshaltung verbunden ist. Ein nicht eintretender Erfolg wird viel weniger verziehen, je höher die Erwartungen gesetzt werden.

Größer zu denken heißt also immer auch, mehr Druck aushalten zu müssen. Aber unsere langjährige Zusammenarbeit hat uns gezeigt, dass wir uns diesem gemeinsam sehr gut stellen können und dadurch Projekte wie Gentle Monster möglich sind und wir dann gemeinsam auch die schönen Dinge erleben dürfen, die damit verbunden sind.







Was war dein erster Gedanke, als Marie dir von diesem Projekt erzählt hat?


Das liegt tatsächlich schon einige Zeit zurück. Marie ist 2020 mit der Idee von einer halben Seite zu uns gekommen und hat gesagt: Ich glaube, das ist der nächste Stoff, an dem ich arbeiten möchte. Sie hatte einen Artikel in Die Zeit gelesen, der sich mit der Ermittlungsarbeit gegen einen großen pädokriminellen Ring in Deutschland beschäftigt hat. Und diese Zahlen, die dort genannt wurden, haben ihr bewusst gemacht: Wenn es so viele Fälle gibt, dann müsste sie eigentlich nicht nur Opfer, sondern auch Täter kennen. Das war der eigentliche Kern dieser Idee. Ich glaube, mein erster Gedanke war: ein schwieriges Thema. Aber toll, wenn sie es erzählen will, und toll, wenn es dann einen Film gibt, der dieses Thema behandelt. Marie ist eine großartige Drehbuchautorin. Sie schafft es, ein komplexes Thema klug und emotional zu bearbeiten. Und bei ihr weiß man auch, dass es ihr ein Anliegen ist, dass sie keinen Film erzählt, der einfache Antworten gibt. Gerade bei einem Thema, das so komplex ist, gibt es ja ohnehin nicht die eine Antwort. Sondern sie stellt durch ihre Filme große Fragen, regt zum Nachdenken an, und schafft es, Dinge nicht schwarz-weiß zu zeichnen.

Wenn man das Böse als eindeutig böse erkennt, dann ist es leicht zu sagen: Ja, das würde ich erkennen, das kann mir nicht passieren. Das wäre vielleicht der einfachere, leichter konsumierbare Film. Aber gerade bei diesem Thema ist es eben nicht so. In den meisten Fällen kommen die Täter aus dem unmittelbaren Umfeld der Kinder und sind oft nicht so schnell als Täter erkennbar. 


„Umso befriedigender ist es zu wissen, dass sich der Film nach der Premiere in Cannes weltweit verkauft hat und sehr viele Menschen ihn sehen werden."

Catherine Deneuve & Léa Seydoux als Mutter und Tochter im Film Gentle Monster
Catherine Deneuve & Léa Seydoux als Mutter und Tochter im Film Gentle Monster | Foto: FILM AG / Frédéric Batier

Die Film AG hat viele Filme produziert, die sich mit Female Empowerment beschäftigen. Was machen diese Themen mit dir als Frau, als Mutter, als Freundin?


Es ist tatsächlich so, dass jedes Thema unserer Filme sehr stark in mein Leben einwirkt, eben weil ich mich tagtäglich damit beschäftige und auseinandersetze. Das wirkt auf allen Ebenen, und bei Gentle Monster wahrscheinlich noch einmal stärker. Ich finde es großartig, dass es diesen Film gibt und dass Marie so mutig war, diesen Film zu erzählen. Ich bekomme es auch aus meinem Umfeld mit, wenn ich höre: Warum macht ihr überhaupt einen Film über dieses Thema? Bis hin zu: Wer soll sich das denn im Kino anschauen, man will sich doch nicht mit solchen Themen belasten. Aber der Film löst etwas aus und dass ich mich dann mit Freundinnen und Bekannten zusammensetze und darüber reflektiere, macht ja schon so viel. Sonst hätten wir vielleicht über das Wetter gesprochen. Und so beschäftigt man sich mit diesem Thema und kann vielleicht einen neuen Blickwinkel einbringen. Umso befriedigender ist es zu wissen, dass sich der Film nach der Premiere in Cannes weltweit verkauft hat und sehr viele Menschen ihn sehen werden. Und ich bin überzeugt, dass der Film sehr zum Diskurs anregen wird – ob der Film nun „gefällt“ oder nicht. 

Wobei ich nicht sagen will, dass jeder Film dieses Ziel haben muss. Wir haben zum Beispiel gerade auch eine Komödie in der Postproduktion. Dass es in schwierigen Zeiten auch unterhaltsame Filme gibt, die jetzt nicht so große Fragen stellen, ist mindestens so wichtig. Man beobachtet ja, dass gerade in schwierigen Zeiten der Wunsch nach Unterhaltung sehr groß ist, weil es auch eine gewisse Ablenkung ist. Diese Vielfalt in der Erzählung, in der Herangehensweise ist mir sehr wichtig, weil sie auch meinem persönlichen „Konsumverhalten“ entspricht.


Hat sich dein Blick darauf verändert, welche Geschichten über Frauen erzählt werden sollten?


Seitdem ich in der Filmbranche bin, hat sich wahnsinnig viel geändert. Als ich angefangen habe, hatte ich – soweit ich mich daran erinnern kann – nie mit einer Produzentin zu tun. Da gab es in meiner Wahrnehmung sehr wenige Frauen. Mittlerweile gibt es sehr viele Frauen, die produzieren, und das finde ich wahnsinnig toll. Gleichzeitig sieht man, wie zuletzt auch bei den Filmfestspielen in Venedig, dass es nach wie vor ein Ungleichgewicht gibt. Ich glaube, es ist in unserer Branche gerade für Frauen, die am Set arbeiten, sehr schwierig. Wenn man als Regisseurin einen Film macht, als Kamerafrau, Szenenbildnerin oder Maskenbildnerin arbeitet, ist das mit Familie schwer vereinbar, weil man dann für acht Wochen (und länger) berufsbedingt einfach „verschwindet“. Und da es in Österreich nach wie vor stark in der gesamtgesellschaftlichen Struktur verankert ist, dass die Care-Arbeit überwiegend von Frauen übernommen wird, stellt diese Art zu arbeiten Frauen natürlich vor besondere Herausforderungen. Natürlich gibt es Wege, beides unter einen Hut zu bringen. Aber ich merke an mir selbst, wie belastend es sein kann, diese zwei Gleise zu bedienen. Ich habe einfach den Anspruch: Ich möchte es nicht halb machen. Wenn ich mich für etwas verantwortlich fühle, möchte ich mich dem auch ganz widmen. Und das ist schon eine Reibungsfläche, in der man manchmal auch zerrieben wird.

Aber in den Jahren, in denen ich mittlerweile in der Branche bin, hat sich natürlich auch sehr viel zum Besseren verändert. Frauenfiguren werden heute viel stärker fernab gängiger Klischees erzählt. Und es gibt sehr viel mehr Frauen in entscheidenden Funktionen in unserer Branche als noch vor wenigen Jahren. Insofern kann man positiv sagen: Wir sind auf einem Weg.


Ein großes Thema dabei ist ja auch das Netzwerk – dass Frauen sich gegenseitig unterstützen und Dinge füreinander in die Hand nehmen.


Ich habe mich letztens mit einer Regisseurin darüber unterhalten. Sie hat erzählt, dass ihre männlichen Schulkollegen sich in irgendwelchen Kartellverbänden oder Burschenschaften zusammengefunden haben und sich seither in diesen Netzwerken supporten und unterstützen. Und da habe ich mir gedacht: Als Mädchen wurde mir so etwas nie nahegelegt. Da hieß es eher: Die Mädchen sitzen zusammen und schnattern. Aber im Grunde machen die Burschen oder Männer in solchen Verbindungen ja auch nichts so völlig anderes. Dass man das karrierebezogen machen könnte, das sollte man den Mädchen mehr mitgeben, also ihnen aufzeigen, ihre Freundschaften und Netzwerke auch für ihren beruflichen Weg zu nutzen.

Ich habe nämlich schon das Gefühl, dass dieses Jemand-anderen-Bitten, etwas für einen zu tun, vielen Frauen viel schwerer fällt und die Hemmschwelle größer ist. Ich finde, da haben Männernetzwerke über Jahrzehnte, Jahrhunderte viel besser funktioniert als die von Frauen.


Und ich glaube tatsächlich, dass Gemeinschaft gerade heute umso wichtiger wird. Gemeinschaft heißt für mich aber nicht, dass man in allem gleich denken muss. Im Gegenteil: Man muss auch Konflikte oder unterschiedliche Meinungen aushalten können und trotzdem zusammenhalten. Ich finde, dass Social Media uns da oft eher auseinanderdividiert. In unseren Bubbles finden wir zwar sehr schnell Gleichgesinnte – aber Gleichgesinnte sind noch nicht automatisch Gemeinschaft. Gemeinschaft bedeutet eben auch, andere Meinungen und Widersprüche auszuhalten. Und ich glaube, das ist etwas, woran wir wieder stärker arbeiten müssen.


Welche Frage beschäftigt dich gerade selbst – beruflich oder persönlich –, auf die du momentan noch keine Antwort hast?


Die Intransparenz der KI-Entwicklung beschäftigt mich sehr. Ich habe das Gefühl, dass wir als Gesellschaft erst wieder einen Umgang damit finden müssen, wie und wohin uns dieser technologische Wandel führt. Der Kreis der Menschen, die wirklich verstehen, was da gerade passiert und was technisch möglich ist, ist mittlerweile so klein, dass für die meisten von uns schwer abzuschätzen ist, wie sich das auf unser Leben und unsere Arbeit auswirken wird.


Ich versuche natürlich, irgendwie am Ball zu bleiben. Aber ich muss mir im Moment auch eingestehen: Ich weiß nicht genau, was da auf uns zukommt, und vieles davon kann ich persönlich nicht beeinflussen. Was ich aber beeinflussen kann, ist, wie ich anderen Menschen begegne. Ich kann mich jeden Tag entscheiden, aus der Tür rauszugehen und nett zu meinem Nächsten zu sein. Damit geht es mir besser, damit geht es hoffentlich auch dem anderen besser – und vielleicht entsteht dadurch wieder ein Stück Gemeinschaft.


Und ich glaube, wir sollten mindestens so viel Energie in unsere Gesellschaft und in unser Zusammenleben stecken wie in die Entwicklung der Technologie. Denn bei aller Unsicherheit darüber, was technologisch auf uns zukommt: Wie wir als Menschen miteinander umgehen, bleibt unsere Verantwortung.

 
 

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