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„Tiger mindestens!” Eine Ode an die laute Kleidung

TEXT: JULIA PÜHRINGER


„Ist das zuviel?“ ist eine Frage, die ich mir in Kleidungsfragen oft stelle, und die ich fast genauso oft abschlägig beantworte, seit ich herausgefunden habe, wie viel Spaß mir optisch laut sein macht. Das Leben ist oft beige genug. Aber lassen Sie mich ausholen.


Mode | Kleidung | Bunt | Fashion | Inspirationfeed | Unsplash
Foto: Shvetsa / Pexels

Ja, auch ich habe 20 Jahre Schwarz hinter mir, noch immer sehe ich den Vorteil: Alle Kleidungsstücke passen zusammen, egal welches Jahrzehnt und welcher Sale, man sieht keine Flecken und man hält sich mit der durch schwarze Kleidung vermittelten Distanz und intellektuellen Distinktion elegant die Menschheit vom Leib. Eh. Doch die Zeiten haben sich geändert beziehungsweise sie haben vor allem mich geändert. Mir Leut vom Leib halten? Gerne. Aber auch: Verbündete finden. Im Alter von über 40 Jahren ist die statistische Wahrscheinlichkeit höher, dass man vom Leben schon ein paar Kinnhaken einstecken hat müssen oder echte, große Sorgen schupfen musste, ein paar Jahre lang womöglich, und schon hat streng schauen, schwarze Kleidung und ironische Haltung stark an Reiz verloren, ganz ehrlich. Ironie und Distanz haben mir tatsächlich bei keiner Lebenskrise geholfen, gegenteilig von ALLEM, was mir die 1990er-Jahre samt ihren Filmen, Büchern und trantütigen Jammeralben trauriger Männerpop-Sänger so beigebracht haben.



Liberace | Extravaganz | Entertainter | Mode | Kleidung | Stil | Ausdruck | Allan Warren | myGiulia
Der legendäre, extravagante Entertainer und Pianist Liberace in seinem Wohnzimmer (Foto: Allan Warren)

„Too much of a good thing is wonderful!“


Seither hänge ich der Glaubensrichtung Liberace an, der Mann, der mit zehn Brillantringen am Finger sehr schnell Klavierspielen konnte und meinte: „Too much of a good thing is wonderful!“ Mein modisches Lebensziel (immer noch nicht erreicht, leider) ist inzwischen Fran Fines Oma Yetta und ein Querschnitt von sämtlichen Golden Girls aus der gleichnamigen Serie auf einmal. Oder die fiktive Stand-up-Göttin Deborah Vance, dargestellt von Jean Smart in viel Pailletten, Leo und Strass, in der legendären Serie „Hacks“: So will ich sein.

„Stress? Ich kenn nur Strass!“ soll Karl Lagerfeld einmal gesagt haben, und wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden. Mit schriller Kleidung kann man sich eben auch eine gewisse Art von Menschen vom Leib halten wie seinerzeit mit Ganzkörperschwarz, das haben fix auch Lagerfeld und alle Glitzer-Ladys dieser Welt verstanden.


Und auch wenn die Seele nicht jeden Montagmorgen laut nach heftigen Farben, Streifen gepaart mit anderen Streifen, Karos oder Punktemuster (unterschätzte Kombi!) schreit oder dem Haifischmantel, aber – so ehrlich muss ich sein – manchmal derrappelt sie sich schneller, wenn das Äußere dem Inneren schon ein paar Schritte voraus ist. Auch eine angetäuschte Leopardigkeit hilft, samt knallrotem Lippenstift und gar in Schreipink, wenn man müde ist, außen und innen. 



Iris Apfel | Mode | Ikone | Buch | Stil | Stil ist keine Frage des Alters | myGiulia
Inspirierendes Appetithäppchen aus dem Buch “Accidental Icon. Stil ist keine Frage des Alters” von Iris Apfel

Und ich weiß schon: Frauen sollen anziehen, was sie wollen und sich nichts von einer Textilindustrie über Schönheitsideale vorschreiben lassen – so weit, so wahr. Und natürlich gibt es massig Berufe, in denen man nicht als Miniversion von Dame Edna herumlaufen kann oder will. Was auch gilt: Allen Menschen steht Pink, schwöre, und es passt auch überall dazu – ebenso wie Gold, frei nach dem Motto „Leopard is the new nude“. Und viel vom eigenen Pink-Hass – das muss auch ich gestehen – war einer „Samma Mädchen?“-Haltung aus den 90ern geschuldet. Inzwischen bin ich gerne Mädchen, große Dame und auch Leopard, die Hosen mit den tiefen Taschen hole ich mir aus der Herrenabteilung, das bin ich scheinbar auch, und wer was darf und soll und in welche Abteilung gehört: drauf geschissen.



Mode | Kleidung | Fashion | Stil | Ausdruck | Frau | Model | Rosa Rafael | myGiulia
Foto: Rosa Rafael/unsplash

Kleidung ist Spuren legen


„Mama, sowas hast du schon!“, sagt der Sohn dann fadisiert beim Kleidungskauf (und: „Wieso gibt es in Erwachsenengeschäften keine Sitzbänke für die Kinder?“, ich gebe die Frage gern weiter!), wenn ich zu Leopardenmuster oder Band-Logos greife. Ja eh, aber ganz im Ernst, wer profitiert von zu eng gewordenen Band-T-Shirts? Hmmmmmm? Wer ist kleiner gestreifter Franzose, wenn ich äh, dem einen oder anderen Streifenshirt – OKAY, auch davon gibt es ein bisschen viele – sagen wir „entwachse“? Und diese eine knallpinke Kapuzenjacke kommt auch nicht so dreckig daher, weil ICH so viel Fußball spiele, gell. Der Sohn im Übrigen erstreitet sich seit Jahren sein Recht auf Schreipink bei Menschen, die meinen, seine Farbwahl kommentieren zu müssen. Gelernt ist gelernt.

Kleidung ist Spuren legen, so ist das nämlich. „Wir ziehen uns doch gar nicht so sehr für Männer an, sondern für die anderen Frauen“, meint letztens eine Horror-Regisseurin im Gespräch. Ich weiß noch genau, wie ich den bodenlangen zartrosa Lammfellmantel einer unbekannten Kollegin lobte, die meine durchgeknallte Fake-Fur-Jacke streichelte und lächelnd meinte: „It takes one to know one.“ Als ich letztens schlechten Gewissens ein paar Kleider (mit Taschen! Immer!) aus der Vorsaison günstig erwarb – eins mit grünen Fischen, eins mit Tigermuster, eins in Knallgelb – fühlte ich mich schuldig. Bis ich im März die erste Filiale einer internationalen Textilkette betrat: schwarz, weiß und beige. Alles. Wie froh war ich, dass ich vorgesorgt hatte! „Sie ist nie aufgefallen“ ist auch kein Grabsteinspruch, den man haben will. 



Pink Vibes Only | Inspiration | Pink | Rosa | Spruch | Nathan Dumlao | myGiulia
Foto: Nathan Dumlao/unsplash

Die Heels sind längst passé, weil ich will kurze Wege ohne wehe Füße, dafür glitzern fast alle Schuhe oder sind bunt oder beides. Überhaupt: Wieso soll ich etwas in Beige kaufen, das es auch in Gold gibt? Oder in Swimming-Pool-Türkis-Metallic (beste Farbe!)? Ganz abgesehen davon, dass ich das Leben von Menschen, in denen milchweiße oder beige Pullover eine Rolle spielen, sowieso nicht nachvollziehen kann, es muss wohl etwas mit Bediensteten zu tun haben. Das sind wohl auch die Menschen mit den weißen Couches (auf Raubtiermuster sieht man Flecken im Übrigen auch nicht). Letztens konnte ich mich vor einer Veranstaltung mit einer sehr beeindruckenden Frau nicht entscheiden: Tigerkleid oder Leopardenkleid? „Tiger. Mindestens“, so der weise Rat einer Freundin.

Und wissen Sie was: Der gilt im Grunde immer.



 

Unsere Autorin


Autorin | Portrait | Julia Pühringer | myGiulia

Julia Pühringer ist Journalistin und Filmkritikerin und schreit gern ins Internet. Sie schreibt u. a. für tele, Falter, den Standard und die an.schläge.


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