DIAGNOSE Patriarchale Belastungsstörung

von Christine Klimaschka



Am 10. Oktober war der Internationale Tag der mentalen Gesundheit. In Österreich gaben 2022 1,2 Millionen Menschen an, unter psychischen Problemen zu leiden. 900.000 davon sind in Behandlung. Die „Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“ EUROFOUND spricht nach einer aktuellen Umfrage davon, dass das psychische Wohlbefinden in den EU-Staaten noch nie so schlecht war wie jetzt. Vor allem in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen ist es am geringsten. Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren.


Der ungedeckte Bedarf an Gesundheitsversorgung ist EU-weit gestiegen und betrifft fast jeden fünften Befragten (18%). Der Rückstand ist am höchsten bei der stationären und fachärztlichen Versorgung, verbunden mit einem ungedeckten Bedarf an psychischer Gesundheitsversorgung, insbesondere für Frauen (24%), der seit dem Frühjahr 2021 zugenommen hat und besonders besorgniserregend ist.



Patriarchale Belastungsstörung Copyright: Haymon Verlag
Collage von Alexandra Stiller für das Buchcover Patriarchale Belastungsstörung Haymon Verlag

Beatrice Frasl stellt in ihrem soeben erschienenen Buch „Patriarchale Belastungsstörung“ folgende These auf: Unser Gesundheitssystem, als Teil unseres Gesellschaftssystems, schreibt Ungleichheiten fort.


Was hat das Patriarchat mit der Diagnose von Krankheiten zu tun? In welchem Zusammenhang stehen Geschlecht und mentale Gesundheit? Sozialer und ökonomischer Background, kulturelle Rahmenbedingungen und der neoliberale Leistungsgedanke bestimmen, wer gesund ist und wer nicht, wem Behandlungsmöglichkeiten offenstehen und wem diese verwehrt bleiben. Überdurchschnittlich betroffen sind dabei Frauen, denn auch strukturelle Faktoren sind ausschlaggebend und Frausein im Patriarchat bedeutet Gefährdung auf vielen Ebenen: Prekäre Lebensumstände, körperliche und psychische Gewalt, die Doppelbelastung durch Erwerbsarbeit und Care-Arbeit - all das wirkt sich auch auf die mentale Gesundheit von Frauen und den Zugang zu Hilfsangeboten aus. Psychische Gesundheit ist daher politisch!


Dazu haben wir mit Beatrice Frasl ein ausführliches Gespräch geführt.



Diese Woche ist dein Buch „Patriarchale Belastungsstörung“ erschienen. Genialer Titel. Was ist dein Anliegen?


Es sind sicherlich verschiedene Anliegen. Natürlich habe ich eine politische Message. Ich bin ein politischer Mensch und Vollblutfeministin. Und soziale Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit ist für mich persönlich ein großes Thema und auch im Buch eines der Hauptthemen. Konkret ist die große Botschaft, dass wir nicht einfach intrinsisch zufällig aus uns heraus krank werden, sondern dass das durchaus auch mit den Rahmenbedingungen zu tun hat, mit denen und in denen wir leben. Und da spreche ich halt vor allem Klasse und Geschlechter an, weil ich das sehr relevant finde. Es ist natürlich auch ein Buch, das informieren soll, ich habe es sehr voll gepackt mit Infos. Aber es ist mir auch wichtig, dass Menschen sich nicht nur kognitiv abgeholt fühlen, sondern dass sie sich vielleicht auch darin wiederfinden und verstanden fühlen. Es ist kein Betroffenheitsbuch, aber es ist schon auch ein Buch, in dem ich sehr offen auch über meine Erfahrungen spreche. Es ist mir wichtig, dass die Leute aus der Scham herauskommen, wenn es um ihre psychische Gesundheit geht, dass das Stigma endlich aufgebrochen wird und dass es irgendjemand liest und sagt: “Das hat mir jetzt geholfen.“




Du sprichst sowohl in deinem Buch als auch auf Social Media offen über deine Depression. Wie geht es dir damit, wie begegnet man dir?


Ich bin, glaube ich, kein typischer Fall, was das betrifft. Weil es nie eine bewusste Entscheidung war. Sondern das ist so entstanden, dass ich einfach auf meinem Instagram-Kanal, der damals noch ein privater Kanal war und nur sehr wenige Follower hatte, einfach auch begonnen habe, darüber zu sprechen, dass ich eine Depression habe, dass ich jetzt diese und jene Medikamente nehme, einfach mal so ein bisschen tagebuchartig. Und der Instagram-Kanal ist dann aus anderen Gründen sehr gewachsen und ich habe ihn öffentlich gestellt. Ich habe nie bewusst den Entschluss gefasst, sondern ich habe einfach darüber gesprochen und irgendwann war es öffentlich.



Sind die Menschen dankbar dafür, dass du offen über deine Depression sprichst, oder bereust du es?


Im digitalen Raum ist es halt schwer, wirklich zu sagen, was sich die Leute denken, weil laut Statistik nur 9% überhaupt mit einem interagieren, aber die, die rückmelden, melden Positives zurück. Ich war sehr lange auf Jobsuche, bevor ich mich selbstständig gemacht habe.

Ich hatte mich beworben wie eine Wahnsinnige, alles versucht und nichts hat geklappt. Ich habe mir dann schon oft die Frage gestellt, wie sehr das möglicherweise damit zu tun hat, dass ich offen über meine Depression spreche.

Aber der Zug ist abgefahren, würde ich sagen. Und jetzt habe ich ja sogar ein Buch geschrieben über dieses Thema.



In deinem Buch legst du das Augenmerk darauf, dass Frauen in einem patriarchalisch beherrschten System überdimensional belastet sind und daher auch häufiger von psychischen Krankheiten betroffen sind. Woher leitest du das ab?


Der Ausgangspunkt dieser Argumentation ist eigentlich für mich der Gesundheitsbericht des Sozialministeriums aus dem Jahr 2019. Darin gab es einen Schwerpunkt „Depressionen und Suizid“, der festgestellt hat, in welchem Ausmaß Männer und Frauen unterschiedlich betroffen sind. Gleich zu Beginn wird eine Liste an Risikofaktoren aufgelistet, die die Entstehung von Depressionen und Angsterkrankungen sowie Suizidalität begünstigen. Dazu zählen Faktoren wie Armut, Armutsbetroffenheit, Armutsgefährdung, Arbeitslosigkeit, prekäre und atypische Beschäftigungsverhältnisse, Mehrfachbelastung. Und fast alles, was dort genannt wird, sind Dinge, die Frauen stärker betreffen als Männer. Frauen sind stärker von Armut betroffen als Männer. Das hat beispielsweise mit dem Gender Pay Gap zu tun, der in Österreich immer noch circa 19% beträgt, EU weit circa 13%. In viel größerem Ausmaß hat das darüber hinaus mit dem Gender Wealth Gap zu tun. Die Zahlen, die wir haben, sagen, dass der Vermögensunterschied zwischen Männern und Frauen bis 40% beträgt. Also das ist enorm. Und natürlich pflanzt sich auch dieser Einkommensunterschied von 19% über das Erwerbseinkommen fort. Und zum Ende ihres Erwerbseinkommens haben Frauen dann 40% weniger Pension.


Die zwei Gruppen, die am stärksten von Armut betroffen sind in Österreich, sind ältere Frauen in Pension und alleinerziehende Mütter. Frauen sind auch viel öfter als Männer in prekären und atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Sie arbeiten ganz oft Teilzeit, häufig im Niedriglohnsektor. Das ist auch ein Risikofaktor. Dazu kommt noch der große Punkt Mehrfachbelastung. Ich beschreibe in dem Buch auch, wie sehr viel mehr Frauen arbeiten als Männer. Und das führt einfach auch zu einer größeren psychischen Belastung. Dann kommt noch dazu, dass Burschen und Mädchen von klein auf anders erzogen und sozialisiert werden. Und mit Erziehung meine ich jetzt nicht ausschließlich, was die Eltern den Kindern mitgeben.


Erziehung ist ja nicht linear, sondern ist etwas, das die ganze Gesellschaft macht. Selbst wenn Eltern sich total bemühen, Mädchen emanzipiert zu erziehen und Burschen irgendwie zu Feministen zu erziehen.

Eine ganze Gesellschaft wirkt sozusagen auf uns ein, von klein auf. Und da wissen wir halt auch, dass Mädchen von klein auf dazu motiviert werden, lieb und nett und höflich zu sein. Es gibt Studien, die sich anschauen, wofür Kinder Belohnungen, Komplimente und Lob kriegen. Und da wissen wir beispielsweise, dass Burschen eher für ihre Fähigkeiten gelobt werden und Mädchen eher dafür, dass sie hübsch sind. Wir wissen aus Studien in der Sportwissenschaft, dass Burschen eher animiert werden, sich auszutoben und Raum einzunehmen und Mädchen eher dann Lob kriegen, wenn sie Spiele auswählen, wo sie sich zurücknehmen und ruhiger sind. Das alles prägt natürlich auch die Psyche von Menschen, das alles macht unterschiedliche Menschen aus uns. Und wenn ich jemand bin, der von klein auf lernt, dass er sich zurücknehmen sollte, dass er eher leise sein sollte, dass er eher nicht den Raum anderer beschränken sollte, dass er eher nicht zu fordernd sein sollte, ist es vielleicht gar nicht so überraschend, dass ich dann auch jemand bin, der eher zur Depressivität neigt, der internalisiert. Wir wissen, dass Frauen zu internalisierenden Bewältigungsstrategien neigen, das heißt eher zu Depressivität, eher zu Selbstverletzung, eher zu Aggression gegen sich selbst.



Wie definierst du Patriarchat? Sind Männer immer gleich auch Patriarchen? In einem Kapitel deines Buches führst du das differenziert aus und du sprichst „von der Wertschätzung männlichen Menschseins“.


Das Patriarchat ist ein System, in dem Frauen Männern untergeordnet sind, indem sie entweder auf formaler Ebene weniger Rechte haben, tatsächlich juristisch, das ist ja auch noch in vielen Weltgegenden der Fall. Oder auf ideeller, kultureller Ebene abgewertet werden, entwertet werden, weniger bezahlt kriegen usw. Also grundsätzlich ein System, in dem eine Gruppe mehr wert ist als die andere, und die Gruppe, die mehr wert ist, sind Männer. Und die Gruppe, die weniger wert ist, sind Frauen. Es ist auch ein System, in dem Geschlechterrollen sehr rigide festgeschrieben sind. Das ist der Punkt, wo man sagen kann, dass auch Männer unter dem Patriarchat leiden.


Es sind ja nicht alle Männer automatisch Patriarchen, das will ich jedenfalls mal verneinen. Aber das große Problem ist, dass die patriarchale Männlichkeit den Männern sagt: „Du musst stark sein, du musst autonom sein. Du musst derjenige sein, der das Geld verdient. Du darfst dir nicht helfen lassen, du darfst nicht schwach sein. Burschen weinen nicht!“ Und das führt dann dazu, dass beispielsweise Männer doppelt so häufig an Suizid sterben wie Frauen. Ich habe das jetzt sehr verkürzt, es ist natürlich komplexer als das.


Männer trauen sich weniger, Hilfe zu suchen, und auch wenn sie sie kriegen würden, trauen sie sich viel weniger, diese anzunehmen. Das heißt, ich würde sagen, das Patriarchat schadet uns allen.

Und ich glaube, dass wir insgesamt in einer Zeit des Backlash in puncto Frauenrechte leben, da wird gerade sehr viel zurückgefahren und wir sollten sehr, sehr wachsam sein.





Du brichst in deinem Buch eine Lanze für die Psychotherapie. Warum?


Weißt du, was meistens passiert, wenn es einem psychisch schlecht geht? Man geht zum Hausarzt, und der Hausarzt schickt einen dann mit einem Rezept für ein Antidepressivum in die Apotheke. Ich stelle es in meinem Buch sehr infrage, psychisches Leid mit solchen schnellen Maßnahmen abzuspeisen. Es ist kein Buch gegen Medikation, es ist auch kein Buch gegen Psychiatrie. Gerade wenn wir die krankmachenden sozialen Gefüge und sozioökonomischen Verhältnisse betrachten, in denen psychisch kranke Mensch oft leben, finde ich es unzureichend, sie mit einem Rezept für ein Antidepressivum in ihre unveränderte Situation zurückzuschicken.


Betrachtest du Psychotherapie als eine langfristige Hilfe?


Die Psychotherapie gibt Menschen Werkzeuge und stärkt ihren Selbstwert. Sie stärkt sie in ihren Möglichkeiten, Dinge zu bewältigen. Und ich finde, das ist ein großer Unterschied.


Etwas, das ich erlerne, verlerne ich so schnell nicht mehr. Ein Medikament kann ich jederzeit absetzen und dann bin ich vielleicht in derselben Situation wie davor. Und wir wissen ja auch aus Studien, dass Psychotherapie das Gehirn verändert, es gibt wissenschaftliche Evidenz dafür, dass sich damit neuronal auch Dinge verändern. Es dauert manchmal länger, aber es wirkt auch länger. Psychotherapie wirkt über Beziehungen.


Der größte Faktor, der den Erfolg von Psychotherapie ausmacht, ist die Qualität der therapeutischen Beziehung. Das verweist wiederum auf etwas, was ich im Buch sehr ausführlich beschreibe, nämlich dass wir auch an unserer Vereinzelung, unserer Einsamkeit erkranken. Und das nicht erst seit den coronabedingten Lockdowns. Die hatten zwar Brennglasfunktion, aber das Problem gab es schon davor. Ich möchte hier eine Erhebung aus Amerika den USA zitieren, wo Leute im Verlauf der letzten Jahrzehnte gefragt wurden, wie viele enge Freunde sie haben. Die Anzahl ist rapide gesunken und in der letzten Zeit ist mittlerweile die häufigste Antwort Null.


Gleichzeitig haben wir soziale Medien, wo wir uns mit - so nenne ich es - Beziehungsattrappen umgeben, mit dem Gefühl, in Kontakt zu sein – wir sind es aber nicht. Eine Bekannte von mir, die Therapeutin für Jugendliche ist, erzählte mir vor Kurzem, dass sie mittlerweile, wenn sie mit Jugendlichen über ihre Freunde und Verliebtheiten spricht, sie die Jugendlichen auch fragt, ob sie diese Leute schon mal in echt getroffen haben. Diese so genannten Freunde sind ganz oft irgendwelche Avatare im Internet.



Brauchen wir das große Blackout, das uns den Stecker zieht, damit wir wieder irgendwie zu Sinnen kommen?


Ich habe da leider nur eine sehr zynische Antwort. Ich glaube, dass dadurch, dass es offensichtlich gerade sehr bergab geht, wir vielleicht gar keine andere Wahl haben, als uns aufeinander zu beziehen. Ich glaube, dass Krisensituationen manchmal auch dazu führen können, dass wir uns bewusst werden, wie wichtig wir einander sind und dass wir wieder näher zusammenrücken sollten. Corona hat gezeigt, dass wir alle noch mehr vereinzeln einerseits, andererseits - und ich weiß nicht, wie repräsentativ das ist – war es eine Zeit, wo mir sehr klar wurde, was wirklich wichtig ist für mich. Ich hatte Angst um meine Eltern, dass sie sich anstecken. Ich hatte Angst um meine Schwester, die im Krankenhaus gearbeitet hat, und mir war in der Zeit relativ wurscht, wie viele Follower ich auf Instagram hatte.


Man muss sich das wirklich vor Augen führen: Wir Menschen sind Herdentiere. Und nur, weil wir das Internet haben, sind wir nicht plötzlich völlig losgelöst von unserer Natur.


Wir brauchen Beziehungen. Das ist sozusagen unsere DNA. Und deshalb ist es auch nicht weiter überraschend, dass Menschen, die einsam sind, auch kränker sind.

Sie haben ein schlechteres Immunsystem, sie sind psychisch natürlich belastet. Das war mir auch so wichtig im Buch darzulegen, dass wir einander brauchen, und zwar wirklich in einem physischen Sinne, und dass wir durch diese Vereinzelung auch, glaube ich, sehr krank werden.



Du sprichst am Ende deines Buches vom notwendigen Abbau stereotyper Geschlechterrollen, die Männer und Frauen Schaden zufügen. Wie kann das gelingen?


Darauf gibt keine einfachen Antworten. Es ist einerseits eine Sache, die nur kulturell zu regeln ist, etwas, was über Erziehung, über Sozialisation läuft. Es läuft natürlich auch über die mediale Wahrnehmung. Das hat damit zu tun, was berichtet wird und wie berichtet wird, welche Filme wir zu sehen kriegen, welche Rollenbilder transportiert werden. Das ist ein langwieriger kultureller Veränderungsprozess, in dem wir eh schon drin sind, glaube ich. Auf der anderen Seite hat es auch mit politischen Rahmenbedingungen zu tun, weil wir ja auch aufgrund von ökonomischen Verhältnissen in bestimmte Rollen gezwängt werden. Hier etwas zu ändern ist der konkrete Auftrag an die politisch Verantwortlichen.



 

Beatrice Frasl ist Kulturwissenschaftlerin/Geschlechterforscherin, Podcasterin, Kolumnistin und immer: Feministin. In ihren Arbeiten setzt sie sich seit Jahren mit den Leerstellen im Gesundheitssystem, psychischen Erkrankungen und Feminismus auseinander. In ihrem Podcast „Große Töchter“ bearbeitet sie geschlechterspezifische, gesellschaftspolitische Fragen. Als @fraufrasl betreibt sie auf Social Media Aufklärung zum Thema psychische Gesundheit und Feminismus.




Das Buch ist am 15. November im Haymonverlag erschienen.


Du kannst es hier kaufen oder im gut sortierten lokalen Buchhandel.




 

Ein Kapitel in Frau Frasls Buch lautet „Psychotherapie – Placebo ohne Nebeneffekt“. Die Fragestellung, was speziell Psychotherapie bei der Behandlung von psychischen Krankheiten leisten kann, haben wir im Rahmen eines Gespräches mit der Psychotherapeutin und Kinderärztin Dr. Eva Frey diskutiert.



Beatrice Frasl hat eines der Kapitel im Buch mit "Psychotherapie - Placebo ohne Täuschung" betitelt. Was kann die Psychotherapie leisten und für wen?


Die psychotherapeutische Begleitforschung über die Wirkmechanismen und welche therapeutischen Methoden bei welchen Problemen am sinnvollsten sind, hat in den letzten Jahren ziemlich an Fahrt aufgenommen. Der Grundsatz, dass jede Psychotherapie besser ist als keine, lässt sich nicht mehr unbedingt aufrechterhalten. Die nächsten Jahre werden sicher einige interessante Ergebnisse bringen.


Das Empathische, sich verstanden zu fühlen, ist ein wesentlicher therapeutischer Faktor, den die TherapeutInnen fast allen KlientInnen zur Verfügung stellen. Auf individuelle Bedürfnisse eines leidenden Menschen eingehen zu wollen, stellt für TherapeutInnen ein wesentliches Element zur Berufswahl dar. Diese Tatsache ist schon für viele der erste hilfreiche Schritt zur aktiven Lösungsfindung.



Wie sehen Sie dabei die Forderung von Frau Frasl nach Aufhebung der Kontingentierung von Psychotherapieplätzen?


Die Kontingentierung der Therapieplätze ist tatsächlich eine problematische Situation. Andererseits inkludiert die psychotherapeutische Tätigkeit in einer Praxis auch andere Aspekte als die Therapie psychischer Krankheitssituationen oder Krisen. Mehrere Methoden eignen sich auch zur systemischen Beratung und Coaching in beruflichen Settings oder ähnlichen Situationen. Dabei muss nicht immer ein Problem die Ursache für das Aufsuchen eines Therapeuten sein, es kann auch der Wunsch nach Analyse usw. sein. Daher würde ich eher die Indikation für eine Therapie als Grundlage der Finanzierung sehen und nicht die Limitierung der Anzahl der Therapieplätze.


Frau Frasl erwähnt zum Beispiel, dass manche PatientInnen die Ambulanz einer psychiatrischen Klinik aufsuchen und Hilfe suchen. Wenn keine stationäre Aufnahme nötig ist, aber die Indikation zur Therapie besteht, dann sollte der Patient/die Patientin mit diesem Nachweis der Therapieindikation die Finanzierung der Therapie erhalten. Einige andere Ansätze in diese Richtung kann ich mir ebenfalls vorstellen. Zum Beispiel die Therapieindikation als Voraussetzung für einen Therapieplatz.


Es muss den Kassen klar sein, dass es im psychischen Krankheitsbereich chronisch kranke Menschen gibt, die eine dauerhafte psychotherapeutische Begleitung brauchen, ähnlich wie bei einem Diabetiker, dem man die medizinische Betreuungen nach einigen Jahren auch nicht entzieht.


Frau Frasl hebt das Thema Depression aus dem individuellen Kontext auf eine ganz andere Ebene, nämlich die politische. Sie fordert wörtlich "eine Repolitisierung der Depression". Sie sind eine Frau und eine Ärztin. Würden Sie diese Forderung unterstützen bzw. können Sie diese nachvollziehen?


Frau Frasl hat in ihrem Buch viele Beispiele genannt, bei denen die sozialen und ökonomischen Umstände einen entscheidenden Einfluss auf Gesundheit und Krankheit haben.

Das trifft nicht nur auf die Depression zu, das kennen wir auch bei der Kindergesundheit, der Frühgeburtenrate in Zusammenhang mit den sozioökonomischen Verhältnissen der werdenden Mütter usw.


Frau Frasl hat selber noch andere Beispiele aus der Forschung über Zusammenhänge von Gesundheit bzw. Krankheit und sozialen Faktoren in ihrem Buch beschrieben. Ich war immer eine Anhängerin davon, diese Aspekte im gesamten Bereich der Medizin zu sehen und zu berücksichtigen. Der politische Aspekt im theoretischen Erklärungsmodell ist wesentlich für Entscheidungen im Gesundheitssystem, den Einzelnen in einer schwierigen Situation solle es nicht lähmen.


Das Wesentliche ist, Betroffene nicht als hilflose Opfer zu sehen, sondern genau diese Ambivalenz jeder individuellen Situation zu beleuchten und dem Einzelnen dazu zu verhelfen, Handlungsspielräume zu eröffnen.

Das ist ein wesentlicher Aspekt der systemischen Therapieansätze, die KlientInnen in ihrer Individualität und im psychosozialen Kontext zu sehen. Die individuelle Kreativität im Erarbeiten eigener Handlungsmöglichkeiten zu fördern.



Frau Frasl spricht in ihrem Buch davon, dass das Erklärungsmodell, dass Depression als Folge einer Mangelerscheinung bestimmter Stoffe im Gehirn auftritt, überholt sei und verweist auf die aktuelle Studie von Joanna Moncrieff. Darf ich Sie dazu um Ihre Einschätzung bitten?


Die Studien sind sehr interessant, für den Laien aber sehr verwirrend. Ich selbst habe im onkologischen Bereich an mehreren Meta-Studien mitgearbeitet. Die diesbezüglichen Analysen sind oft enttäuschend, und es lassen sich nicht immer die erhofften verlässlichen Daten finden.


Die Tatsache, dass eine biologische Imbalance als Ursache von Depressionen nicht nachweisbar ist, spricht nicht gegen die pharmakologische Wirkung von SSRI. Das sind zwei verschiedene Aspekte. Denn die Tatsache, dass bei manchen Schwarztee und Kaffee ein Muntermacher ist, hat keinen Koffeinmangel als Ursache. Die Tatsache, dass eine Kombination von Pharmakotherapie und Psychotherapie einer alleinigen Pharmakotherapie weit überlegen ist, gilt nicht nur für die Depression. Das ist eine allgemein anerkannte Tatsache, wo wir wieder zu Punkt eins kommen.



 

Dr. Eva Frey ist Fachärztin für Kinder- und Jungendheilkunde und selbständig tätig in ihrer Praxis für systemische Therapie und Beratung.


Ihre internationale Karriere begann sie 1987an der Universitätsklinik für Kinder-und Jugendheilkunde der RWTH Aachen. Sie war Oberärztin an der Universitätsklinik für Kinder – und Jugendheilkunde in Zürich.1992 schloss sie ihre Psychotherapie Ausbildung in Systemischer Familientherapie am Institut für Systemische Familientherapie Meilen/Zürichsee (Leitung: Rosemarie Welter-Enderlin) ab. Bis 2011 war Dr. Frey Oberärztin am St. Anna Kinderspital Wien und Leiterin der Hämato-Onkologischen Ambulanz. Sie zeichnet für den Aufbau einer Erwachsenen-Sprechstunde für Transition und Beratung ehemaliger onkologischer PatientInnen des St. Anna Kinderspitals verantwortlich.


 

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