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Dankbarkeit: Eine freiwillige Bewegung des Herzens

Ein Essay von STEFANIE JAKSCH



„Dankbarkeit ist wie Gänsehaut, sie ist manchmal einfach da und nicht steuerbar“, sagte ein guter Freund zu mir, als wir bei einem Kaffee in der Sonne saßen. Seine gelassene Antwort war eine Replik darauf, dass ich schon eine Weile schimpfte wie ein Rohrspatz. Warum?


Schreibmaschine mit "Danke" in mehrere Sprachen I Dankbarkeit I myGiulia

Vor etwas mehr als einem halben Jahr kündigte ich nach langem Abwägen meinen Beruf als Leiterin eines erfolgreichen Unternehmens, und auch wenn ich diesen Job sehr geliebt habe, habe ich diese Entscheidung bisher nie bereut. Alles im Leben hat seine Zeit, und meine in dem Unternehmen, in dem ich viel gelernt habe, war vorbei. Was also machte mich wütend? Es war ein Satz von Außenstehenden, der mich erzürnte und über den ich in verschiedenen Abwandlungen mehrmals stolperte: „Du bist hoffentlich dankbar dafür, dass du dort arbeiten durftest.“


Generell halte ich mich, wie vermutlich die meisten Menschen, nicht für eine grantige Natur. Wut passt nicht gut in die eigene Gefühlswelt, in die weibliche schon gar nicht. Dennoch brodelte es in mir. Ich fühlte mich, als wäre etwas in mir in Schieflage geraten. Das stechende Gefühl in der Magengegend hielt sich hartnäckig, gemeinsam mit den Fragen: „Muss ich dankbar sein? Bin ich undankbar?” The horror, the horror.


In sechs Minuten zum besseren Leben


Für Cicero und Thomas von Aquin war Dankbarkeit die „Mutter aller Tugenden“, und auch Aristoteles sah sie sogar als zwingenden Ausdruck höchster Tugendhaftigkeit. Allerdings ist Dankbarkeit oft auch ein Thema, das nicht nur mir immer wieder aus dem Blickfeld rutscht. Wir wissen, dass es sie gibt, wir sind überzeugt, dass sie uns zu guten Menschen macht. Und wir erinnern uns mit leichtem Grauen an Situationen in unserer Kindheit, in denen Erwachsene, meist unsere Eltern, uns ermahnten: „Sag schön Danke!“ Wenn uns also jemand beschenkt, wird eine angemessene Reaktion erwartet. Aber ist das schon Dankbarkeit – oder nur ein Reflex? Und warum war ich immer noch so verstimmt?


Buddha Statue I Dankbarkeit I myGiulia

Ich googele also: Dankbarkeit. Binnen Sekundenbruchteilen spuckt meine Suche 15 Millionen Treffer aus, die überwältigende Mehrheit will mir den Weg weisen, wie ich in fünf bis zehn leichten Schritten mehr Dankbarkeit in mein Leben lasse. Ein paar Klicks weiter kann ich zwischen zig Dankbarkeitstagebüchern, Dankbarkeitsseminaren und Dankbarkeitsgimmicks wählen und verstehe: Ich bin mitten in einen unüberschaubaren Industriezweig geraten, der uns die richtige Dankbarkeit als Allheilmittel für all unseren Ärger, unsere Ängste und Zweifel in Krisenzeiten empfiehlt.

Besonders erfolgreich damit, unsere Sehnsucht nach einem optimistischeren Ausblick auf die Welt in Bahnen zu lenken, ist Dominik Spenst, Erfinder des „6-Minuten-Tagebuchs“ und Geschäftsführer von UrBestSelf. Die Idee ist bestechend einfach: Sechs Minuten und sechs Fragen wie „Ich bin dankbar für…“ oder „Was werde ich morgen besser machen?“ versprechen weniger Emotionen und Stress in schon kurzer Zeit. Hinsetzen, ausfüllen, wohlfühlen. Kann das wahr – und so einfach – sein?


Kommt danken von denken?


Ich will es genauer wissen – und mache, was ich immer tue, wenn ich versuche, mich einer Sache zu nähern, die ich nicht ganz begreife: Ich schlage die Wortbedeutung von „Dankbarkeit“ nach, und ein kleiner Laut der Freude entkommt mir. Im Althochdeutschen zeigt sich die Verwandtschaft zum Verb „denken“, das Neuhochdeutsche verortet „Dank“ dann schon als „dankbare Gesinnung, Erkenntlichkeit“. Sagen wir „Ich bin dankbar“, so zeigen wir damit an, dass wir an eine wie auch immer geartete Wohltat denken, die uns zuteilwurde.


Das mag erst einmal banal klingen, aber ich meine, genau das rührt bereits an eine Grundfeste der Dankbarkeit: Eine Wohltat oder ein Gefallen, und Dankbarkeit darauf als Reaktion benötigen immer zwei Beteiligte – und so sehr wir glauben wollen, dass ein dankbarer Mensch aus reiner Freundlichkeit und der Gebende stets aus purer Selbstlosigkeit handelt, so unpräzise ist diese Annahme. Wer dankbar ist, weiß, dass es ein Machtgefälle gibt, eine Unwucht zugunsten des*der edlen Spender*in. Die Psychologie nennt das so entstehende Phänomen „Dankesschuld“, und in meinem Magen rumort es kurz. Dankesschuld stellt sich ein, wenn ich als Beschenkte erkenne, dass eine Gegenleistung von mir erwartet wird, die keine freiwillige Herzensbewegung ist. „Echte Dankbarkeit ist immer frei und immer schön“, konstatiert der Theologe Hans-Arved Willberg.


Immer frei und immer schön – beides Zustände, die auch auf das beste Arbeitsverhältnis nicht immer zutreffen. Habe ich als Angestellte eine Dankesschuld? Ein Vertrag regelt gemeinhin die Beziehung zwischen Chef und Untergebenen. Nun sind wir zum Glück nicht mehr im alten Rom, wo Cäsar nach gewonnener Schlacht von den Unterlegenen Dankbarkeit erwartete und sie bei ausreichender Demonstration an Unterwürfigkeit begnadigte. Auch war keine*r meiner Vorgesetzten ein*e Despot*in, sondern einfach nur ein Mensch mit Stärken und Schwächen wie ich eben auch. Mein Unwohlsein gründet also nicht in meiner Dankbarkeit, sondern in der Aufforderung, sie zu zeigen.


Gemälde von William-Adolphe Bouguereau (1880) in gold Rahmen I Mutter und Kind mit Apfel I Kunst I Dankbarkeit I myGiulia
Gemälde von William-Adolphe Bouguereau (1880)

Wir schulden euch gar nichts. Oder?


„Ermahnen wir andere, dass sie doch ‚dankbar sein sollen‘, verlangen wir von ihnen eine Korrektur ihrer Einschätzung: Sie sollen einzusehen bereit sein, (…) dass ihr Blick unangemessen kritisch ist“, so die Philosophin Barbara Bleisch, die mit „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ ein heißes Eisen anfasst, das in eine ähnliche Kerbe schlägt. Sind Kinder ihren Eltern zu Dank verpflichtet? Wo Aristoteles laut Ja ruft, geht es Bleisch differenzierter an. Die Erzeuger*innenschaft allein, so ihre vieldiskutierte Argumentation, verdient noch keine lebenslange Dankbarkeit, auch wenn die Ausgezeichneten bei Award-Verleihungen neben Gott immer auch den Eltern für das Leben danken, das ihnen geschenkt wurde.


Dennoch werden die meisten Menschen ihren Eltern grundsätzlich voller Dankbarkeit begegnen. Damit meine ich nicht die Anzahl der Anrufe, die Erfüllung beruflicher Erwartungen oder Mutter- und Vatertagsgeschenke, sondern eine allumfassendere, die auch mit der Verletzlichkeit zusammenhängt, die familiäre Bande mit sich bringen. Dabei geht es eben nicht um antrainierte Reflexe, kurzfristige Emotionen oder Höflichkeitsfloskeln, sondern um Dankbarkeit als Einstellung, als grundsätzliche Charakterdisposition. Als solche ist sie noch nicht allzu lang Gegenstand psychologischer Forschung, sondern etablierte sich erst mit dem Aufkommen der Positiven Psychologie um die Jahrtausendwende als essenzieller Baustein für ein glückliches Leben.


Wobei Dankbarkeit aber nicht mit positivem Denken gleichzusetzen ist, warnt der Psychologe Henning Freund. So bestätigt er zwar, dass Dankbarkeitsübungen wie Tagebuch schreiben, Journaling etc. sehr wohl Einfluss auf besseren Schlaf, depressive Verstimmungen oder Grübelei haben können, umgekehrt aber auch Druck aufbauen. Dankbarkeitsdemonstrationen als Selbstzweck oder zur Selbstoptimierung hält er für falsch und erinnert an einen oft übersehenen Punkt: „Der Aspekt, dass andere zu meinem Wohl beitragen, ist ein aus meiner Sicht wichtiger Aspekt, den allerdings nicht alle Definitionen von Dankbarkeit enthalten.“


Wie man einen Knoten löst


Meine Wut, merke ich, verraucht. Denn plötzlich stellt sich in Bezug auf Dankbarkeit eine andere Frage: die nach dem Sinn. Wenn Dankbarkeit heißt, andere Menschen ins eigene Leben zu lassen und Geschenke oder Hilfe annehmen zu können, hat das weniger mit einer ausgeglichenen Geben-und-Nehmen-Bilanz zu tun, sondern vielmehr mit der Bereitschaft zu tiefer Empfindung. Manche würden es Spiritualität nennen. Ich nenne es Mitmenschlichkeit.


So gesehen ist Dankbarkeit keine Pflicht, die uns jemand oder wir uns selbst auftragen könnten, egal ob zwischen Eltern und Kindern, Schenkenden und Beschenkten, Chef*innen und Angestellten. Aus einem vermeintlichen Machtgefälle wird Augenhöhe, auf der es sich, so erst meine Vermutung und jetzt Erfahrung, entspannt Danke sagen lässt. Und das fühlt sich genauso an, wie erhofft. Wie Gänsehaut. Frei und schön.



 

Bücher zum Thema


Buch Barbara Bleisch I Warum wir unseren Eltern nichts schulden I Dankbarkeit I  myGiulia Buchempfehlung

Barbara Bleisch

btb 2019













Buch Oliver Sacks I Dankbarkeit I I myGiulia Buchempfehlung

Oliver Sacks

Rowohlt 2015













Buch Dominik Spenst I Das 6-Minuten Tagebuch I Dankbarkeit I I myGiulia Buchempfehlung

Dominik Spenst

Rowohlt 2021













Buch Hans-Arved Willberg I Dankbarkeit – Grundprinzip der Menschlichkeit – Kraftquelle für ein gesundes Leben I Springer Verlag I myGiulia Buchempfehlung

Hans-Arved Willberg

Springer 2017











 

Links zum Weiterlesen


Psychologie Heute


New York Times



 

Unsere Autorin


Portrait von Stefanie Jaksch I Foto von Detailsinn I myGiulia
Foto © Detailsinn

Stefanie Jaksch, geboren im fränkischen Erlangen, lebt und liest seit 2011 in Wien, wo sie zuletzt als Verlagsleiterin für Kremayr&Scheriau tätig war.


Die von ihr erdachte Essay-Reihe „übermorgen“ wurde u. a. mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch ausgezeichnet. Seit Juni 2023 ist die Wortarbeiterin als freischaffende Moderatorin, Kuratorin und Lektorin unterwegs und schreibt an ihrem ersten Buch. Außerdem ist sie passionierte Schwimmerin und (ver-)zweifelnde Anfängerin in immerwährender Transformation.






 

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